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"Ein Euro sind nun mal hundert Cent"

EU-Pläne "Ein Euro sind nun mal hundert Cent"

Die EU denkt darüber nach, Ein- und Zwei-Cent-Stücke abzuschaffen. Die Marburger sind von den Plänen bei einer nicht repräsentativen Umfrage wenig begeistert.

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Quelle: Tobias Hirsch

Sie verstopfen das Portemonnaie, beulen die Hosentasche aus, und immer bekommt man mehr von ihnen heraus als man selbst loswerden kann: Ein- und Zwei-Cent-Münzen können ganz schön nerven.
Und unwirtschaftlich sind sie auch noch, sagt die EU-Kommission, denn ihre Produktion ist teurer als das, was sie wert sind. Seit der Einführung des Euros 2002 sei bereits eine Differenz von 1,4 Milliarden Euro aufgelaufen. Daher stellt die Kommission Überlegungen an, das Kleingeld einfach abzuschaffen. Die Meinungen dazu sind im Einzelhandel und auch bei den Kunden geteilt.
Zwei Mitarbeiterinnen im Bio-Supermarkt fänden es eigentlich toll, wenn sie nicht Abend für Abend das ganze Kleinzeug zählen müssten. „Und wir hören auch oft, dass Kunden sich über die verstopften Geldbörsen beklagen“.
Allerdings befürchten sie auch, dass nach Abschaffung der Cent-Münzen auch die ungeraden Preise fallen und nach oben abgerundet wird. Das denkt auch Kundin Karin Martens: „Wenn das umgesetzt wird, dann nutzen das doch wieder nur die Geschäfte, um alles nach oben aufzurunden.“

"Die gehen mir auf die Nerven"

Harald Dauer, Inhaber des Kosmetikgeschäfts Bella Vita, hat aber überhaupt kein Interesse daran. Für ihn steht fest: „Das wäre der Untergang der Währung!“ Denn schließlich sei ein Euro nun einmal gleich 100 Cent – da könne man nicht einfach so tun, als ob es keine Ein- oder Zwei-Cent-Einheiten gebe. „Wenn ich meine Steuer bezahle, will das Finanzamt auch sein Geld bis auf den Cent genau“, sagt er. Den Cent abschaffen und zugleich neue Fünf-Euro-Scheine in Umlauf bringen, darin sieht er keine Logik.
Claudia Gerdis, Inhaberin des Obst- und Gemüsegeschäfts „Heinzelmännchen“, macht sich da weniger Sorgen. Sie fände die Abschaffung der kleinen Münzen völlig in Ordnung, „die gehen mir auch auf die Nerven.“ Man müsste dann eben glatte Preise einführen – für sie kein Problem.

Hilfsorganisation befürchten Spendeneinbruch

Den psychologischen Effekt dieser Maßnahme schätzt Wochenmarkt-Besucherin Claudia Müller aber als fatal ein: „Dann überschreitet man überall die Schwelle zur nächste Euro-Marke und alle regen sich auf, weil sechs  Euro halt teurer klingt als 5,99 Euro.“ Cent oder Pfennige habe es schon immer gegeben, die gehörten dazu.
Hilfsorganisationen befürchten, dass sehr viel weniger in den Spendendosen landen wird, wenn die Menschen diese nicht als Möglichkeit nutzen, das ungeliebte Kleingeld loszuwerden.
Akila Nelke, Mitarbeiterin im Fairtrade-Shop Contigo, kann das nur halb bestätigen. Ihr Geschäft sammelt allerdings auch ganz konkret für ein Patenkind in Kathmandu, das von der Spendendose lächelt. Diese Nähe zum Spendenempfänger sorgt offenbar dafür, dass auch viele Euromünzen in der Dose landen. Nelke weiß aber, dass das in Geschäften, die für andere Hilfsorganisationen sammeln, durchaus anders ist – da werde schon oft einfach die Geldbörse vom Ballast erleichtert.    
Überhaupt nicht begeistert von der Abschaffung der kleinen Geldstücke wäre auch der junge Mann, der bettelnd auf einer Decke in der Oberstadt sitzt. In seinem Becher liegen einige der Münzen, und obwohl er natürlich auf „dickere Brocken“,  hofft – Kleinvieh macht auch Mist und ist besser als nichts.

Kommentar: Pro Kommentar: Contra

Keine ausgebeulten Hosentaschen mehr
Ein- und Zweicentmünzen landen bei mir oft in der ­Hosentasche, weil sie mir ­ansonsten das Portemonnaie verstopfen. Stattdessen beulen sie mir die Hosentasche aus – auch nicht schön. Andere Länder beweisen, dass es auch ohne geht. Holland zum Beispiel. Im Supermarkt wird auf die nächste Fünferstelle auf- oder abgerundet. Der Selbsttest hat bewiesen: Am Ende von 14 Tagen Urlaub haben wir nicht mehr bezahlt als bei exakter Abrechnung. Wozu noch das „Indianergeld“?

von Till Conrad

Wer den Cent nicht ehrt...
Mein Verstand hängt nicht am Kleingeld: Klar, die Kassierer haben es einfacher und das Portemonnaie passt vielleicht endlich mal wieder in die Hosentasche. Mein Herz hängt daran! Unvergessen: Die Momente beim Münzen-Fußball mit meinem Opa. Unersetzlich: Der kurze Moment der Glückseligkeit, wenn man sein Sparschwein für einen langgehegten Wunsch schlachtet, nachdem man es monatelang mit Kupfer gefüttert hat. Unverzichtbar: Die Millionen Ein- und Zwei-Cent-Stücke, die jährlich in die Büchsen der Wohltätigkeitsorganisationen wandern. Das Klimpergeld muss bleiben!

von Tim Gabel

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