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„Ein Berufsstand steht vor dem Aus“

Hebammen „Ein Berufsstand steht vor dem Aus“

Hebamme Kerstin Hielscher malt ein düsteres Zukunftsbild: Wenn die Politik nichts ändert, werden Schwangere vor und nach der Geburt künftig alleingelassen.

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Hebamme Kerstin Hielscher aus Kirchhain misst den Bauchumfang einer Schwangeren. Foto: Tobias Hirsch

Marburg. Kerstin Hielscher ringt nach Luft: „Ich bin richtig wütend“, schimpft die Frau, die sonst lächelt, freundlich und ruhig wirkt. „Ein Berufsstand steht vor dem Aus“, sagt die Kirchhainerin. Sie ist eine von rund 3500 freiberuflichen Hebammen in Deutschland, die ihre berufliche Existenz in Gefahr sehen. Im Landkreis sind rund 70 Hebammen freiberuflich tätig.

Der Grund für die Existenzangst: Die Versicherungstarife haben sich in den vergangenen Jahren vervielfacht. 1998 musste Hielscher bei einem Schadensfall mit einer Schadenssumme von 600000 Euro rechnen. 2003 waren es schon 3 Millionen Euro, berichtet die 43-Jährige. Kolleginnen verlassen die Geburtshilfe, weil sie die Haftpflichtversicherung nicht mehr zahlen können, sagt sie. Immer weniger junge Menschen entscheiden sich für den Beruf.

Das Problem droht sich nun zu verschärfen: Die Versicherung, die noch Angebote für Hebammen bereitstellt, will sich im nächsten Jahr zurückziehen.

Ab Juli 2015 würde es damit keine Haftpflichtversicherung für freiberufliche Hebammen mehr geben. Das ist nicht nur ein Problem für Geburtshelferinnen, sondern betrifft alle Hebammen, sagt Hielscher, die selbst zum Beispiel keine Geburtshilfe anbietet. „Es wird keine Schwangerschaftsvorsorge, keine Wochenbettnachsorge, keine Haus- oder Geburtshausgeburten und Familienhilfe geben.“ Was wenige wissen: Ein Arzt ist rechtlich verpflichtet, eine Hebamme zur Geburt hinzuzuziehen. Die meisten Hebammen, die im Marburger Uni-Klinikum und im Diakoniekrankenhaus Wehrda arbeiten, sind fest angestellt. Sie sind von der Problematik nicht betroffen, weil sie über den Arbeitgeber versichert sind.

Freie Wahl des Geburtsortes in Gefahr

Doch nicht jede Schwangere möchte in der Klinik ihr Kind zur Welt bringen, außerdem decken die Krankenhäuser die Vor- und Nachsorge im Landkreis nicht ab, betont Hielscher. Dass ein Versicherer nun ein neues Angebot für selbstständige Hebammen unterbreiten will, sei kein Trost. „Im Schadensfall fliegt man aus dieser Versicherung raus. Welche Hebamme möchte denn mit solch einem Risiko arbeiten?“, fragt die Kirchhainerin. Auch sei die „Schadens“-Definition schwierig. Wenn ein Neugeborenes zunächst gesund zur Welt komme, aber Jahre später eine Behinderung festgestellt wird, könnten hohe Regressforderungen auf die Hebamme zukommen. Die Existenz einer Geburtshelferin sei gefährdet. „Es muss Grenzen geben“, sagt sie. Versicherungstarife dürften nichts ins Unermessliche steigen. „Der Hebammenverband klagt seit Jahren über diese Situation. Die Politik schläft“, schimpft Hielscher. Weil Hebammen aber weder Zeit noch Kraft hätten - sie selbst ist Monate lang „ausgebucht“ - sei der Protest vielleicht nicht laut genug, mutmaßt sie.

Bundesweite Initiative gestartet

Unterdessen haben Frauen eine bundesweite Facebook-Initiative gestartet. Sie erinnern daran, dass werdende Mütter ein gesetzliches Recht auf die freie Wahl des Geburtsortes ihres Kindes haben. Doch ohne freiberufliche Hebammen werden sie dieses Recht nicht mehr wahrnehmen können, heißt es in der Petition. „Sie haben keine andere Wahl, als ihr Kind im Krankenhaus, vermehrt unter ärztlicher Betreuung, zur Welt zu bringen, da Klinikhebammen über den Krankenhausträger oft nur bedingt versichert sind. Schon jetzt gibt es vielerorts keine andere Möglichkeit für Schwangere als den Gang in die Klinik“, erklärt Sandra Pfeiffer, die die Aktion angestoßen hat.

„Wie soll eine Geburt ab Juli 2015 aussehen? Überfüllte Kreißsäle mit wartenden Gebärenden auf den Fluren, Alleingeburten, Klinikhebammen, die zwischen fünf oder sechs Gebärenden rotieren müssen, höher steigende Kaiserschnittraten, weil es planbarer ist und schneller geht. Und am Ende gibt es keinen, der die Familie in ihren neuen Lebensabschnitt begleiten kann“, meint Pfeiffer.

Die Politik hat den Aufschrei der Hebammen vernommen: Bund und Länder wollen nun zur Hilfe kommen. Zum Schutz vor teuren Haftpflichtversicherungen werde eine Begrenzung der Kostenrisiken angepeilt. Schleswig-Holstein startet eine Bundesratsinitiative zur Absicherung der Geburtshilfe mit freiberuflichen Hebammen. Eine „bundesweite, tragfähige Lösung“ sei nötig, sagte Gesundheitsministerin Kristin Alheit in Kiel.

von Anna Ntemiris

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