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Duales System kontra Pferdefuhrwerk

Experten-Projekt Duales System kontra Pferdefuhrwerk

Drei Wochen lang war Ingo Herde im Auftrag des Senior Experten Service an einer rumänischen Schule tätig. Dabei stieß er auf Gastfreundschaft, offene Ohren und teils katastrophale Zustände.

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Ingo Herde in der Elektronikwerkstatt der rumänischen Schule.

Quelle: Privatfoto

Schröck. Etwa 35 Jahre lang war Ingo Herde im Schuldienst tätig. Davon 10 Jahre als stellvertretender Schulleiter der Beruflichen Schulen Kirchhain, die vergangenen 14 Jahre als deren Leiter. „Ich habe in meiner schulischen Laufbahn also viel gesehen“, sagt der 66-Jährige.

Im vergangenen Herbst, kurz nach Herdes Pensionierung, kam die Anfrage des „Senior Experten Service“ (SES), ob er sich vorstellen könne, ein Projekt an einer Schule in Rumänien anzunehmen. Nach kurzer Überlegung sagte er zu und landete in Anina, einer 9000-Einwohner-Stadt im Banater-Gebirge. „Die Stadt war im 19. und 20. Jahrhundert ein wichtiges Zentrum des Steinkohlebergbaus. Die Grube wurde jedoch nach einem schweren Unfall in 2006 geschlossen“, weiß Herde. Seitdem ist die Schule „Matthias Hammer“ mit ihren 93 Stellen und etwa 1050 Schülern der größte Arbeitgeber.

Exportschlager duales Ausbildungssystem

Eine seiner Aufgaben: Dort Elemente des deutschen dualen Ausbildungssystems auf die rumänischen Verhältnisse zu übertragen. Herde erklärt: „Unsere duale Ausbildung ist derzeit weltweit gefragt. Viele denken, dass der wirtschaftliche Erfolg, den wir in Deutschland haben, auch zum Teil mit der Super-Berufsausbildung zusammenhängt.“

Darüber hinaus standen die Lehrerfortbildung sowohl in Methodik und Didaktik als auch im Einsatz von audiovisuellen Medien und die Unterstützung der Schule bei der Suche nach Jobangeboten für die Absolventen auf dem Programm.

Dabei stieß Herde direkt auf die ersten Probleme. Denn: „Es gibt keine Ausbildungsbetriebe für das duale System.“

Also habe er vorgeschlagen, schulisch auszubilden. Und zwar zwei Ausbildungsgänge: Hauswirtschaft mit dem Schwerpunkt Pflege und Holzverarbeitung.

Und das aus guten Gründen: Die Hauswirtschafts-Ausbildung könne in Kooperation mit dem örtlichen Seniorenheim vorgenommen werden, mit dem Berufsabschluss inklusive Zertifikat für Pflegeberufe hätten die Absolventen Chancen auf dem gesamten europäischen Arbeitsmarkt.

Wertschöpfung in der Region halten

Die Idee zur Holzverarbeitung, etwa mit den Schwerpunkten Tischler oder Holzbearbeiter, lag für Herde ebenfalls nahe. „Es gibt viel Wald und die Rumänen nehmen lediglich das Holz, packen es auf Lastwagen und verscherbeln den Rohstoff nach Bosnien.“ Dabei könne die Region nur dann die Wertschöpfung erhalten, wenn sie aus dem Holz etwas produziere. Und dafür wären Fachleute nötig.

Herde erlebte auch zahlreiche Missstände. So beklagten sich die Lehrkräfte über ihre geringe Bezahlung, die zwischen 300 und 500 Euro im Monat liegt. Und auch die Raumausstattung der Schule sei sehr schlecht - und das, obwohl das Gebäude jüngst mit EU-Mitteln in Höhe von 3,5 Millionen Euro saniert worden war.

Vor allem ein Erlebnis ist Herde in Erinnerung geblieben: Eine Sitzung mit den Inspektoren der Schulaufsicht. „Das war wie zu Ceausescu-Zeiten“, sagt er. Die Inspektoren gehörten noch der „vergangenen Generation“ an, zeigten nur geringe Eigeninitiative, hätten keine Visionen und sagten ständig „geht nicht“.

Ganz anders der Bürgermeister und sein Team: Sie seien bemüht, die eingefahrenen Strukturen aufzubrechen und aus der vergangenen Bergbaustadt ein lebenswertes Anina zu gestalten, auch den Tourismus aufzubauen.

„Und das, obwohl die Infrastruktur katastrophal ist“, weiß Herde. Die Straßen seien zum Teil nur bessere Feldwege, viele Gebäude seien verfallen, Pferdefuhrwerke gehörten zum Straßenbild. Doch das werde durch die beeindruckende Gastfreundschaft der Menschen wettgemacht. „Ich hatte immer das Gefühl, willkommen zu sein“, sagt er.

Er würde wieder ein Projekt des SES annehmen, „eventuell auch über einen längeren Zeitraum“, meint Ingo Herde.

von Andreas Schmidt

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