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Die sechste Generation will einsteigen

Marburger Tapetenfabrik Die sechste Generation will einsteigen

Keine Selbstverständlichkeit: Ein Vater, der seine Kinder als künftige Nachfolger in der Firma präsentiert. Und die mit ihren 20 und 27 Jahren diesen Weg einschlagen wollen.

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Auch extravagante Designerkollektionen sind im Lager der Marburger Tapetenfabrik, die Ullrich Eitel führt.

Quelle: Thorsten Richter

Kirchhain. Ullrich Eitel (68), Geschäftsführer und Inhaber, der Marburger Tapetenfabrik mit Sitz in Kirchhain will spätestens 2019 in den Ruhestand gehen.

Er und seine späteren Nachfolger, Katharina (27) und Paul (20) Eitel, erzählten im OP-Interview, wie sie im Unternehmen eingebunden sind. Die Firma mit 350 Mitarbeitern hatte im Juli Kurzarbeit in der Produktion angemeldet, im August und September komme man ohne aus.

Dennoch müsse man konsolidieren, die Produktion sei doppelt so groß wie sie derzeit genutzt werde, so Eitel. Das rückgängige Exportgeschäft in Ländern wie Russland oder Türkei bereitet Eitel Sorgen. Umsatzwachstum verzeichnet die Fabrik in Österreich. Seite 21

Als Ullrich Eitel kürzlich wie jeden Morgen aufs Firmengelände fuhr, bekam er einen Schreck: Fast alle Mitarbeiter hatten sich auf dem Hof versammelt. „Ich dachte, die streiken“, erzählt er. Doch die Beschäftigten, darunter auch zahlreiche Ruheständler, wollten ihm zum Jubiläum gratulieren – Eitel ist seit 40 Jahren in der Marburger Tapetenfabrik beschäftigt.

„Den Tag hatte ich vergessen. Man denkt in all der Hektik nicht an sich“, sagt er heute. 1976 war Eitel als Assistent der Geschäftsleitung in das Unternehmen seines Vaters eingestiegen, kurz nachdem er sein Maschinenbauingenieurs-Studium abgeschlossen hatte.

OP: Haben Sie in den 40 Jahren schon mal bereut, in das Familienunternehmen eingestiegen zu sein?
Ullrich Eitel: Nein. Es gab aber Situationen, da fragte ich mich, wie wäre mein Leben sonst verlaufen. Ich muss dazu sagen: Ich hatte eine unbeschwerte Kindheit, eine schöne Jugend mit Freizeitaktivitäten und wenig Stress. Seit meinem Eintritt in das Unternehmen hat sich das geändert. Man hat als Unternehmer eine 60-Stunden-Woche und kann die Fragen und die Verantwortung, die man für die Beschäftigten hat, nicht an der Pforte abgeben, sondern nimmt sie mit nach Hause.

OP: Wann wollen Sie in den 
Ruhestand gehen, um wieder weniger Hektik und mehr Freizeit zu haben?
Ullrich Eitel: Spätestens mit 70.

Katharina Eitel (lacht) : Das sagt er schon länger.

Ullrich Eitel: Die sechste Generation ist jetzt dabei und ich denke daran, langfristig die Zukunft des Unternehmens zu sichern, in dem wir die Nachfolge regeln. Meine Tochter Katharina ist seit zweieinhalb Jahren im Unternehmen tätig. Sie ist Mitarbeiterin der Objektabteilung, dazu gehört unter anderem der Verkauf an Hotels und Architekten sowie die Kundenbetreuung in Österreich und Südafrika. Und mein Sohn Paul beeilt sich, mit dem Studium fertig zu werden, um ebenfalls in das Unternehmen einzusteigen.

OP: Frau Eitel, Sie erleben bei Ihrem Vater, welche Verantwortung ein Familienunternehmer hat. Warum haben Sie sich mit damals Mitte 20 entschlossen, in der Firma mitzuarbeiten?
Katharina Eitel: Vor Beginn 
meines Studiums hatte ich überlegt, ob ich vielleicht später im Hotelmanagement 
arbeiten möchte. Dann habe 
ich Betriebswirtschaft an der Fachhochschule in Heidelberg studiert und mir während des Studiums vorstellen können, mein Wissen im Familienbetrieb einzubringen. Und das will ich langfristig machen.

Ullrich Eitel: Man muss ergänzen, dass Katharina nicht in der Personalführung tätig ist, sondern für das Kundengeschäft zuständig ist. Außerdem sprechen Vorzüge für ihre Entscheidung, die sie als Angestellte in einem fremden Unternehmen nicht hätte: Sie kann hier ihre Zeit freier einteilen, kann dadurch ihr Hobby Reiten einfacher ausüben.


Katharina Eitel: Das stimmt. Das sind auch Argumente. Aber mir macht vor allem die Arbeit Freude.

OP: Paul Eitel ist 20 und studiert im dritten Semester Wirtschaftsingenieur. Wie sehr ist er im Unternehmen schon eingebunden?
Paul Eitel: Ich habe als Schüler in den Ferien in der Produktion und später 
im 
Versand gearbeitet und habe als Schüler der Adolf-Reichwein-Schule in Marburg mein Jahrespraktikum im Unternehmen absolviert. In dieser Zeit durchlief ich alle Abteilungen. Jetzt arbeite ich in den Semesterferien in der Marburger Tapetenfabrik, aber ich werde auch in anderen Unternehmen Erfahrungen sammeln, zum Beispiel in einem Unternehmen, das Farbe herstellt, und für ein Semester nach Südafrika gehen.
Ullrich Eitel: Fließendes Englisch in Wort und Schrift ist eine der Voraussetzungen, um hier an der Spitze zu arbeiten. Daher ist es wichtig, wenn Paul Auslandserfahrungen sammelt. Wir müssen auch die Kulturen unserer Kunden kennen, um mit ihnen ins Geschäft zu kommen. Das bedeutet auch schon mal, dass man im Schneidersitz ein Verhandlungsgespräch führt.

OP: Sie können sich also auf internationalem Parkett bewegen. Können Sie auch tapezieren?
Ullrich Eitel: Ja.

Paul Eitel: Ja, ich habe bei mir alles selbst tapeziert. 
 Katharina Eitel: Ja, habe ich auch schon gemacht. So schwer ist das gar nicht.

OP: Ist es für Sie einfacher oder schwieriger als Tochter des Chefs bei Kunden aufzutreten?
Katharina Eitel: Ich habe auch schon Konflikte gehabt, so nach dem Motto, Sie können doch beim Preis was machen.

Ullrich Eitel: In Österreich sprechen die Zahlen für sich. Der österreichische Markt ist, seitdem sich Katharina darum kümmert, um mehr als 20 Prozent gewachsen. Wir haben dort langjährige Kunden, die von der Geschäftsführung direkt betreut werden.

von Anna Ntemiris

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