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Die jungen Alten unter den Pflegern

60-Jähriger macht Umschulung Die jungen Alten unter den Pflegern

Pflegekräfte werden dringend gesucht. Die Arbeitsagentur vermittelt zunehmend Menschen, die älter als 50 sind – und eine Ausbildung zum Altenpfleger beginnen wollen.

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Die Heimbewohner Auf der Weide machen schon mal Scherze über das Alter ihres neuen Pflegeschülers: Reinhold Wettges (rechts) wird in einem Jahr seine Umschulung zum Altenpfleger abgeschlossen haben: Dann ist er 61 Jahre alt.

Quelle: Anna Ntemiris

Marburg. Als vor rund 20 Jahren seine Mutter pflegebedürftig wurde, später auch seine Schwiegermutter, machte Reinhold Wettges ganz neue Erfahrungen im Umgang mit ­alten Menschen.

Niemals hätte er damals gedacht, dass dies der erste Anstoß für eine neue ­berufliche Tätigkeit war. Jetzt ist der Marburger 60 Jahre alt und ­befasst sich beruflich mit dem Thema Pflege: Er macht bei der Marburger Altenhilfe im Haus Auf der Weide eine Umschulung zur Pflegefachkraft. Der gelernte Bürokaufmann war zuvor in verschiedenen Unternehmen tätig.

Als sein bisheriger Arbeitgeber seine Stelle strich, stand er vor der Frage, welche Tätigkeit er sich noch vorstellen konnte. Sein Gedanke, der nicht von heute auf morgen kam, aber immer konkreter wurde: Eine Stelle in der Pflege. „Dafür bist Du doch viel zu alt“, war die erste Reaktion seiner Familie und Freunde, berichtet Wettges. „Aber ich bin nicht zu alt, bin körperlich fit“, betont er. Politiker seien doch auch noch im hohen Alter tätig, scherzt er.

Nach einer Beratung bei der Agentur für Arbeit und einem dreiwöchigen Praktikum in ­einem Seniorenheim stand für Wettges und seinen Arbeitsvermittler Sven Jerschow, Projektleiter des 50-Plus-Teams in der Agentur für Arbeit Marburg, die Entscheidung fest: Einer dreijährigen Umschulung zur Pflegefachkraft steht nichts im ­Wege. Jerschow hat beobachtet, dass viele ältere Interessenten für eine Umschulung in der Pflege durch eine persönliche Erfahrung motiviert sind.

Ältere Umschüler sind häufig motivierter

„Die Nachfrage nach gut qualifiziertem Pflegepersonal ist groß in der Marburger Region. Und der Bedarf wird steigen, das lässt sich anhand der demografischen Veränderungen vorhersehen“, erklärt Dr. Jürgen Eierdanz, Leiter der Altenpflegeschule der Arbeiterwohlfahrt.

Konkret gebe es derzeit 40 bis 50 unbesetzte Stellen in der ­Region – das heißt, es gibt zeitweise Engpässe, nicht alle Pflegeplätze können vergeben werden. Das Durchschnittsalter der Pfleger sei in Hessen Ende 40. „Es ist also absehbar, dass in den nächsten Jahren noch mehr Menschen eine Ausbildung in der Pflege machen müssen“, erklärt er.

Jochen Lang, stellvertretender Heimleiter der Marburger Altenhilfe, bestätigt die Zahlen. „Jemand, der sich mit 50 Jahren oder älter für eine Umschulung in diesem Beruf entscheidet, der macht das sehr bewusst und ist sehr motiviert“, erklärt Lang. Die Erfahrung zeige, dass die Abschlusszeugnisse von älteren Auszubildenden besser seien als die von jüngeren. „Die jüngeren bringen teilweise sogar mehr Qualifikationen mit, aber sie sind manchmal nicht so motiviert“, sagt Wettges.

In der Schule sei er vermutlich der älteste Schüler. Im Seniorenheim höre er sich dagegen Scherze der Bewohner an. „Ich könne ja bald auch einen Platz bei ihnen in der Station haben“, lacht der 60-Jährige. Heimbewohner fühlen sich von ihm gut verstanden, das menschliche Miteinander stimme. Auch Lang berichtet, dass sich ältere Bewohner bei älteren Pflegern manchmal besser aufgehoben fühlen.

Letztendlich sei es wichtig, dass die Pfleger und Auszubildenden unabhängig von ihrem Alter ein gutes Einfühlungsvermögen mitbringen. „Hätte ich geahnt, dass die Arbeit so interessant ist, hätte ich meine berufliche Laufbahn von Anfang an so aufgebaut“, sagt der 60-Jährige. Für ein Lernen kann es nie zu spät sein, so der Tenor von Wettges. „Wir schauen auf den Menschen, dabei stehen Interessen und Eignung vorneweg, und nicht das Lebensalter oder allein die uneingeschränkte zeitliche Beweglichkeit“, so Jerschow.

von Anna Ntemiris

 Förderung
Seit August gibt es eine neue Förderung für Umschüler in der Pflege: Wer sich jetzt zur Pflegefachkraft umschulen lässt, erhält nach dem Abschluss eine Prämie von insgesamt 2500 Euro. Für Reinhold Wettges aus Marburg gilt diese Förderung nicht, da er seine dreijährige Umschulung vor zwei Jahren begann. Die Altenpflegeschule in Marburg startet ab Dezember neue Kurse. Es sind noch Plätze frei. Wer sich für eine Umschulung in der Pflege und Fördermöglichkeiten interessiert, kann sich bei der Agentur für Arbeit informieren. Die – laut Agentur kostenfreie – Nummer lautet 0800/4555500.
 
 
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