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Die Marburger Geschichtensammler

„Art & Weise“ arbeitet an 25. Marburg-DVD Die Marburger Geschichtensammler

Was als lokales Projekt in Kooperation mit der OP begann, ist mittlerweile eine Erfolgsgeschichte: Die Marburger Produk­tionsfirma „Art & Weise“ konserviert Geschichte 
auf ihren Stadt-DVDs.

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Matthias Kirchhoff (von links) und Dr. Bernd Nebeling sitzen an einer neuen Produktion. Im Hintergrund erklärt Christoph Zinnkann der Praktikantin Chiara Carpinelli die Kameratechnik.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Es begann im November 2005: Damals hatten Matthias Kirchhoff und Dr. Bernd Nebeling, die Geschäftsführer von „Art & Weise“, die Idee, historische Filmausschnitte zu sammeln und auf einer DVD zu veröffentlichen.

Zuvor gab es eine „Initialzündung“, wie Kirchhoff sagt: „Zur silbernen Hochzeit meiner Eltern wurde ein Film gemacht. Und der sollte zur goldenen Hochzeit wieder gezeigt werden – aber der Projektor funktionierte nicht mehr.“

Also habe Kirchhoffs Bruder ihm die Filmspulen gegeben – und Matthias Kirchhoff digitalisierte sie. Die Vorführung habe den Gästen gefallen. Und so reifte die Idee, ­Marburg in historischen Bewegtbildern zu zeigen.

„Es war anfangs eine reine Marburg-Sache: Wir wollten aus Leidenschaft etwas für die Stadt machen, in der wir leben“, sagt Matthias Kirchhoff im Gespräch mit der OP. „Wir wussten nicht, ob es was wird – wir haben nur gehofft, dass wir keine Unkosten haben“, fügt er hinzu.

Denn Versuche dieser Art habe es schon vorher gegeben: So habe die Uni bereits versucht, die Geschichte der Stadt mittels Filmen von Privatpersonen aufzuarbeiten – „doch die haben einzig auf Anzeigenschaltungen gesetzt“, erinnert sich Kirchhoff.

Ebenso, wie Michel Wulfes, der den Film „Der Tag, als die Beatles (beinahe) nach Marburg kamen“ für den Hessischen Rundfunk produzierte. „Mit ihm habe ich mich unterhalten – er hatte gerade einmal sieben Filme bekommen“, sagt Kirchhoff. „Wir hatten letztlich um die 300 – das ist bislang Rekord gewesen und geblieben“, fügt Bernd Nebeling hinzu.

Kistenweise schickten OP-Leser ihre Filme ein

Möglich wurde dies, weil sich Kirchhoff an OP-Chefredakteur Christoph Linne wandte: Ihm stellte er die Idee vor – und Linne war gleich begeistert, schrieb im November 2005 einen Artikel und rief die OP-Leser dazu auf, Filme für das Projekt einzuschicken. „Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir das Projekt umsetzen, wenn wir 45 Minuten Film für eine DVD zusammenbekommen“, erinnert sich Kirchhoff.

Der Artikel erschien an einem Samstag – „am Montagmorgen standen die ersten Pakete mit Filmen vor der Tür. Danach ging es Schlag auf Schlag, und ab Mittwochnachmittag stand das Telefon nicht mehr still.“ Schnell war klar, dass das Material für mehr als eine DVD reichen würde. Allein die Witwe des Inhabers der ehemaligen Drogerie Müller in der Oberstadt hatte Kirchhoff eine Reisetasche voll mit Filmspulen mitgegeben.

„Müller hatte schon in den 30er Jahren unglaublich viel gefilmt“, sagt Kirchhoff und sichtete das Material „zu Hause im abgedunkelten Kämmerlein – und ich bekam ein ums andere Mal Gänsehaut, so toll waren die Aufnahmen“. Ob ein Zirkus, der auf dem Marktplatz in den 20er Jahren seine Vorstellungen ankündigt oder Material von den NS-Aufmärschen – „Müller hatte alles gefilmt“.

Auch das weitere Material war „großartig“, wie Kirchhoff sagt: Autorennen in der 30er Jahren, Flugtage im Afföller oder das Universitätsjubiläum der Philipps-Universität von 1927 und vieles mehr kamen zusammen.

Auflage war bereits am ersten Tag ausverkauft

Kirchhoff und Nebeling sichteten stundenlang das Material, bewerteten es, fügten es zusammen, reicherten es mit Berichten von Zeitzeugen an und zeigten den Film bei einer Premiere vor 450 Zuschauern im Cineplex. „Dann hat uns die Realität überrollt“, sagt Bernd Nebeling.

„Wir waren ganz optimistisch mit einer 1000er Auflage gestartet“, erinnert er sich. Doch schon am Tag nach der Premiere meldete sich Christoph Linne bei Matthias Kirchhoff mit den Worten: „Wir haben ein Problem.“ „Sofort habe ich überlegt, was wir vielleicht übersehen hatten, oder ob die Pressung der DVD nicht gut war“, erinnert sich Kirchhoff. Doch das Problem war anders gelagert: Die DVD war ausverkauft.

„Damit hatten wir nicht gerechnet, wir haben sofort eine neue Auflage von 2000 Stück geordert, die hat dann vier Tage gehalten.“ Also wurde noch einmal nachbestellt – insgesamt gab es aufgrund des vielen Materials vier Marburg-DVDs mit einer Gesamtauflage von mehr als 20.000 Stück.

Die Filme haben sogar einen therapeutischen Zweck, wie sich später herausstellte. „Wir hatten später auch Anfragen von Altenheimen, ob sie die Filme ihren Bewohnern zeigen dürften. Natürlich hatten wir nichts dagegen“, sagt Nebeling. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass „die Demenzkranken dann aufblühten und miteinander erzählt haben, weil sie Dinge wiedererkannt haben“.

Die Erfahrungen aus Marburg hat „Art & Weise“ auch auf Städte wie Gießen, Wetzlar, Mainz, Kassel, Münster oder Flensburg erfolgreich übertragen: Mittlerweile ist die 25. Stadt-DVD in Arbeit. Über Schwerin.

Und die Arbeit macht den „Geschichtensammlern“ aus Marburg immer noch Spaß, denn „wir finden immer wieder tolle Perlen und wahre geschichtliche Schätze in dem eingesendeten Material“.

von Andreas Schmidt

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