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Die Hintermänner sitzen in Gladenbach

Schwarzarbeit Die Hintermänner sitzen in Gladenbach

Der Zoll ließ gestern einen Schwarzarbeiter-Ring auffliegen. Zwei der drei festgenommenen mutmaßlichen Drahtzieher sind die Geschäftsführer einer Gladenbacher Baufirma.

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Der Zoll durchsuchte gestern nach zweijährigen Ermittlungen insgesamt zwei Dutzend Wohnungen und Büros in Mittelhessen und im Rhein-Main-Gebiet und ließ einen Schwarzarbeiter-Ring auffliegen.

Quelle: Patrick Pleul

Marburg. Gestern Morgen gegen sechs Uhr schlug die Ermittlungskommission „Adria“ des Zolls zu: Bei einer groß angelegten Aktion mit 300 Beamten von Zoll, Polizei und Bundespolizei wurden in Mittelhessen und im Rhein-Main-Gebiet 24 Wohnungen und Geschäftsräume durchsucht.

Im Fokus stand dabei auch ein Bauunternehmen in Gladenbach, wie Michael Bender, Pressesprecher des Hauptzollamts Gießen, im Gespräch mit der OP verdeutlichte. „Dort wurden zwei der drei mutmaßlichen Drahtzieher festgenommen“, erläutert Bender.

Die Aktionen habe sich demnach gegen eine mutmaßliche Bande aus der organisierten Kriminalität im Baugewerbe gerichtet. Drei Haftbefehle wurden gegen die mutmaßlichen Drahtzieher des Schwarzarbeiter-Netzwerks vollstreckt: Neben den beiden 34 und 44 Jahre alten Geschäftsführern der Gladenbacher Baufirma sei auch der mutmaßliche Strippenzieher verschiedener Scheinfirmen, ein 39-Jahre alter Mann, in Offenbach verhaftet worden.

Die Ermittler werfen den Tätern die Bildung einer kriminellen Vereinigung vor, die seit einigen Jahren als so genannte „Nachunternehmer“ Bauaufträge in ganz Hessen mit Schwarzarbeitern und illegalem Personal ausgeführt hat. Den Sozialkassen und dem Fiskus seien so Sozialversicherungsbeiträge und Steuern in Millionenhöhe vorenthalten worden. Durch fingierte Zahlungen von mehreren Scheinfirmen habe die Bande versucht, die Schwarzarbeit zu verdecken.

Geflecht der Scheinfirmen schwer zu durchschauen

Bender erläutert, wie das System funktioniert: „Wenn ein ordentliches Bauunternehmen einen großen Auftrag erhält, werden Teile meist an Subunternehmen vergeben“, so Bender. Hier komme dann etwa das Gladenbacher Unternehmen zum Zuge. „Und das vergibt scheinbar weitere Aufträge an andere Subunternehmen - die aber gar nicht existieren und auch kein Personal haben.“ Die Scheinfirma erstelle dann über fiktiv ausgeführte Arbeiten eine Rechnung an das Gladenbacher Unternehmen. „Das bezahlt die so genannten Abdeckrechnungen, erhält das Geld abzüglich einer Provision dann aber in bar zurück. Und mit diesem Schwarzgeld werden dann die Schwarzarbeiter auf den Baustellen bezahlt“, verdeutlicht Bender.

„Solche organisierten Strukturen der Schwarzarbeit beschäftigen die Finanzkontrolle Schwarzarbeit des Zolls zunehmend und stellen für die Ermittler eine besondere Herausforderung dar“, sagt Michael Bender. Denn die „meist sehr komplexen Firmengeflechte“ seien sehr schwer zu durchschauen.

Auf die Schliche kam der Zoll dem Netzwerk durch Zufall: Bei einer „routinemäßigen Baustellenkontrolle im Landkreis Gießen“, so Bender, sei aufgefallen, dass die Bauarbeiter nicht zur Sozialversicherung angemeldet waren. Auch habe es Kontrollen in Hohenerda und Hadamar gegeben.

Im Zuge der im Auftrag der Staatsanwaltschaft Marburg vorgenommenen Ermittlungen hätten die Schwarzarbeitsfahnder nicht nur die kriminellen Machenschaften mehrerer im Familienclan geführten Baufirmen aufgedeckt, sondern auch ein Netzwerk von mindestens sechs Scheinfirmen enttarnt.

Schadenssumme wird wohl noch steigen

Insgesamt stehe die Baufirma, im Verdacht, so in den vergangenen drei Jahren annähernd eine Millionen Euro an Sozialabgaben und Lohnsteuer verkürzt zu haben. „Mit einem Geflecht von vorgetäuschten Nachunternehmen und unter Nutzung von Scheinrechnungen versuchten die Verantwortlichen, von ihren kriminellen Machenschaften abzulenken und Gewinne zu verschleiern“, so Michael Bender.

Die mit den Scheinrechnungen generierten Schwarzgelder zur Zahlung der Löhne für die Schwarzarbeiter beziffert die Staatsanwaltschaft Marburg auf fast sechs Millionen Euro. Ebenso hoch sei der Schaden für die Sozialversicherungen. „Aber wir gehen davon aus, dass bei unseren weiteren Ermittlungen durch die sichergestellten Unterlagen, Computer und Datenträger noch höhere Summen zutage kommen werden“, so Bender.

Die Zollfahnder stellten außerdem auch Bargeld in Höhe von 60000 Euro und eine hochwertige Limousine sicher. Zudem hat die Staatsanwaltschaft Marburg Pfändungsbeschlüsse in einer Höhe von insgesamt zwei Millionen Euro erlassen.

von Andreas Schmidt

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