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Die Bürgerarbeit steht vor dem Aus

Arbeitsmarkt Die Bürgerarbeit steht vor dem Aus

Die „Neue Arbeit Marburg“ fürchtet um die geschaffenen Bürgerarbeitsplätze - denn diese enden bald und werden wohl nicht verlängert.

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Karoline Schöpe hat einen Bürgerarbeitsplatz: Sie hilft der Marburger Kulturloge, freie Karten kultureller Veranstaltungen an Menschen mit geringem Einkommen zu vermitteln.

Quelle: Privatfoto

Marburg. 18 Bürgerarbeitsplätze bietet das Zentrum für Bürgerarbeit der Neuen Arbeit Marburg GmbH für langzeitarbeitslose Menschen in Zusammenarbeit mit dem Kreisjobcenter Marburg-Biedenkopf und dem Bundesverwaltungsamt an.

Doch das Modell der Bürgerarbeit war nur für drei Jahre angelegt, wie Yvonne Grünthal, Leiterin des Bürgerarbeitszentrums, erklärt. „In 2011 haben wir mit dem Projekt begonnen - und die drei Jahre sind jetzt um“, sagt sie.

Zwar gebe es seitens der Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) den Plan, dass das Modell Bürgerarbeit auch über dieses Jahr hinaus weitergeführt werden soll, aber mit weniger Lohnkostenzuschuss und nur für normale Wirtschaftsbetriebe gedacht.

„Konkrete Details dazu sind noch nicht bekannt, es gibt auch noch keine Anträge, die gestellt werden könnten“, sagt Grünthal. Doch die Signale seien so, „dass künftig nur noch Firmen“ und nicht mehr gemeinnützige Projekte gefördert würden.

„Damit wären alle gemeinnützig geförderten Bürgerarbeitsplätze weg“, konkretisiert Yvonne Grünthal. Zwar würden sich ständig Bürgerarbeiter bewerben, aber diese hätten mit ihren Vermittlungshemmnissen wie dem Alter oder der meist geringen beruflichen Qualifizierung kaum eine Chance.

Eine ideale Lösung für Grünthal wäre die Fortsetzung des Projekts mit den bestehenden Rahmenbedingungen. „Eine Vollfinanzierung, wie sie zurzeit besteht, anstelle von geplanten Lohnkostenzuschüssen wäre eine ideale Lösung. Und auch das Coaching, also die Begleitung durch Sozialpädagogen, sehe ich bei der Zielgruppe als ganz wichtig an“, sagt sie.

Doppelter Nutzen durch Bürgerarbeitsplätze

Die Vorteile der Bürgerarbeit liegen für Grünthal auf der Hand: „Es sind zusätzliche Tätigkeiten, die sonst nicht erledigt werden würden“, erläutert sie. Somit gebe es einen doppelten Nutzen: Wer einen Bürgerarbeitsplatz habe, werde wieder ans Arbeitsleben herangeführt - und zum anderen werden Tätigkeiten ausgeführt, die sonst auf der Strecke blieben.

Personen, die nur schwer eine Stelle auf dem freien Arbeitsmarkt fänden, hätten durch Bürgerarbeit wieder ein festes Einkommen sowie eine geregelte Tagesstruktur erhalten. Dass sie außerdem Tätigkeiten ausführen, für die es sonst kein Personal gegeben hätte, „erhöht außerdem ihren Stellenwert und damit das Gefühl einer sinn- und wertvollen Beschäftigung“, verdeutlich Grünthal. Die Arbeitsplätze laufen in der zweiten Jahreshälfte aus - der erste Ende Juni, die letzten zum Jahresende, „je nachdem, wann die Bewilligung war“.

Einer dieser Bürgerarbeitsplätze ist der von Karoline Schöpe. Sie hilft der Marburger Kulturloge, freie Karten kultureller Veranstaltungen an Menschen mit geringem Einkommen zu vermitteln. Dafür informiert sie sich gründlich über den Inhalt der Veranstaltungen und erkundet die lokalen Bedingungen der Veranstaltungsorte, um beispielsweise Fragen zur Barrierefreiheit und Zugänglichkeit im Vorfeld zu klären. Neben den Veranstaltern und Gästen kultureller Events arbeitet sie daher auch eng mit Wohngruppen und Sozialpartnern zusammen, die die von ihnen betreuten Personen an die Kulturloge vermitteln. „Für all diese Personen bin ich mittlerweile feste Ansprechpartnerin bei Fragen und Anregungen geworden“, sagt Schöpe.

„Diese Entwicklungen unseres Netzwerks sowie die intensive Zusammenarbeit mit unseren Partnern und Gästen wären ohne Karoline Schöpe so nicht möglich gewesen. Als motivierte Mitarbeiterin hat sie sich von Anfang engagiert in das Projekt eingebracht“, sagt Hilde Rektorschek, Ehrenvorsitzende der Marburger Kulturloge.

Eine eigenständige Beschäftigung von Schöpe kann sich die Kulturloge nicht leisten. Die Beendigung des Arbeitsverhältnisses stellt jedoch nicht nur für Schöpe eine Herausforderung dar, sondern auch für die Kulturloge. Dies sieht auch die Vorsitzende Alexandra Klusmann: „Wir überlegen heute schon, wie die Lücke gefüllt werden soll, die Karoline Schöpe hinterlassen wird.“ Eine Lücke, die eigentlich niemand will.

von Andreas Schmidt

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