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Die Ära „Schöne Aussicht“ ist vorbei

Familienbetrieb verkauft Die Ära „Schöne Aussicht“ ist vorbei

Das Hotel „Schöne Aussicht“, in dem schon Prinz Heinrich von Preußen frühstückte, ist verkauft. Was damit nun passiert, darüber gibt es unter den Rauschenbergern schon seit Jahren Gerüchte.

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Die „Schöne Aussicht“ im Jahr 1914. Das familienbetriebene Hotel wurde nach 110 Jahren ­verkauft.

Quelle: privat

Rauschenberg. Wenn Gerhard Boucsein über die vergangenen Jahre in seinem Hotel spricht, dann leuchten seine Augen. „Hochzeiten, Geburtstage, Tanzveranstaltungen, Fasching: Bei uns war immer etwas los“, erinnert sich Boucsein, der das Hotel mehr als 40 Jahre lang leitete. „Es war ein Treffpunkt der Generationen“, schwärmt der inzwischen 75-Jährige.

Nach drei Generationen ist das Hotelrestaurant zum 1. September aus der Familie Boucsein an eine Investorengruppe übergegangen. Keine leichte Entscheidung. „Für uns ist es sehr schmerzlich, dass unser Familienbetrieb nach 110 Jahren nun verkauft ist“, bedauert Boucseins Schwester Ingrid Kreiling.

Ihr Großvater, Conrad Boucsein, ließ 1905 auf dem damals verwilderten Grundstück an der „Reichsstraße 3“ ein zweigeschossiges Gasthaus errichten. Da man aus dem Obergeschoss einen so herrlichen Ausblick in alle Himmelsrichtungen hatte, nannte man das Gasthaus „Schöne Aussicht“.

Bereits einen Monat nachdem Landrat Freiherr Schenck zu Schweinsberg genehmigte, in dem Gebäude eine „Gast- und Schankwirtschaft zu betreiben“, fand dort im Juni 1905 die erste Hochzeit statt: Es war Conrad Boucseins eigene. Zusammen mit seiner Frau Katharina schuf er in den darauffolgenden Jahren einen beliebten Gasthof.

Conrad Boucsein war ein „Tausendsassa“: Neben der Gastwirtschaft betrieb er auf dem Gelände eine Benzin- und Ölstation, stellte Limonaden und Mineralwasser her, vertrieb Bier und Wein und lieferte Futter- und Düngemittel.

Ein besonderer Glücksfall für den jungen Betrieb: Prinz Heinrich von Preußen, Bruder des deutschen Kaisers und begeisterter Autoliebhaber, machte auf der Fahrt von Darmstadt nach Braunschweig gern an der „Schönen Aussicht“ Rast, um dort auf der Jugendstil-Veranda zu frühstücken. Als Getränk wählte er stets frische Milch, heißt es in der Familienchronik. Die regelmäßigen Besuche der „Königlichen Hoheit“ brachten Boucseins Gaststätte die Bezeichnung „Absteigehaus Sr. Kgl. Hoheit Prinz Heinrich von Preußen“ ein.

Nach Kapitulation der Deutschen Wehrmacht 1945 beschlagnahmten US-Soldaten vorübergehend das Hotel. Deutschen war das Betreten der Räume verboten. Erst ein Jahr später erhält Boucsein es zurück und überschreibt es 1949 seinem zweiten Sohn, Konrad Boucsein. Dieser renovierte das durch beide Weltkriege stark beschädigte Gebäude.

Dabei wird auch die besonders bei den Sommergästen beliebten Veranda abgerissen und das traditionell oberhessische Fachwerk übermauert. Mit dem Ausbau der B 3 und der Motorisierung in den 1960er-Jahren boomt das Hotel-Geschäft. Allein im Jahr 1962 nehmen fast 15.000 Gäste an Veranstaltungen in den Räumen des Betriebes teil.

Im Jahr 1973 überträgt Konrad Boucsein den Betrieb an seinen Sohn Gerhard ( Fotos: Nadine Weigel) , der zusätzlich zu den regelmäßigen Veranstaltungen „Silvester-Bälle“ einführt, und außerdem ein Bettenhaus mit Schwimmbad, Sauna und Solarium, eine Minigolfanlage und weitere sieben Doppel- und Einzelzimmer bauen lässt. Zudem legt er das Fachwerk an den Gebäuden wieder frei.

1984 eröffnet er die Diskothek „Star Light“ im Saalbau. Der Andrang ist so groß, dass die Gäste entlang der B 3 und der Landstraße parken müssen. Erinnerungen, die vermutlich auch in vielen Besuchern geweckt wurden, die am vergangenen Wochenende beim großen Auflösungsverkauf mit dabei waren. „Es war der Renner“, so Boucsein. Fast 2000 Menschen besuchten in drei Tagen sein Gasthaus, um zu schmökern und sich zu verabschieden von dem Haus, mit dem so viele Erinnerungen verbunden sind.

Wie geht es damit nun weiter? Als klar wurde, dass sein Sohn den Betrieb nicht übernehmen würde, bemühte sich Gerhard Boucsein um einen anderen Nachfolger. 40 interessierten Käufer meldeten sich in den vergangenen neun Jahren bei ihm, von denen die meisten aber an der Finanzierung scheiterten. Zum 1. September wurde das Hotel schließlich von einer Investorengruppe übernommen.

„Geschäftsleute aus Stadtallendorf“, verrät Boucsein, darunter einer, der bereits selbst ein Hotel leitet. „Sie wollen im Gebäude unter anderem Übernachtungsmöglichkeiten für Monteursgruppen und Saisonarbeiter schaffen. Die ersten 20 Leute wohnen bereits im Haus.“ Auch das Restaurant soll früher oder später von einem neuen Betreiber übernommen werden. Solange bleibt es geschlossen.
Über das Gerücht, im Hotel würde ein Bordell entstehen, kann Boucsein nur lachen. „Wissen Sie, die Leute wissen immer mehr, als man selbst“, sagt er schmunzelnd.

von Ruth Korte

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