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Der "Titan" als Motivationstrainer

Oliver Kahn Der "Titan" als Motivationstrainer

Niederlagen sind eine Chance, um aus gescheitert gescheiter zu machen, sagt Kahn. Sein WM-Geheimtipp ist Mexiko, und Jürgen Klopp bescheinigt er, eine echte Führungspersönlichkeit zu sein.

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Über Bestleistungen – in der Welt des Sports und der Unternehmen – sprach Oliver Kahn.

Wetzlar. Oliver Kahn stellt fest: Er ist in Hessen, eingeladen hat ihn die Volksbank Mittelhessen, dessen Chef, Dr. Peter Hanker, soeben vor 2000 Menschen betont hat, seit 35 Jahren Mitglied bei Schalke 04 zu sein. Also fragt Kahn nach: Wer ist Eintracht-Fan? Wer hält zu Dortmund? Die Hände gehen hoch. Doch die allermeisten halten zu Bayern München. Kahn lächelt zufrieden. „Es gibt Schlimmeres im Leben, als zu Schalke zu halten“, sagt er zu Hanker. Der erste Beifall. Der ehemalige Welttorhüter und Bayern-Spieler spricht als Gastredner auf der Volksbank-Mitgliederversammlung über die „Philosophie der Nummer 1”. Es geht um seine persönlichen Erfahrungen auf dem Weg nach ganz oben.

"Ich bin nicht auf den Kopf gefallen"

Der Ex-Fußballprofi und Ökonom gibt seine Ratschläge nicht nur für den Erfolg auf dem Rasen, sondern für die Karriere allgemein. Dass der Erfolg in den Genen liege, sei Quatsch, ein „genetischer Fatalismus”. „Meine Erfahrung ist sogar wissenschaftlich belegt”, sagt er. Hartnäckigkeit, der Glaube an das Ich: Das sind für den „Titan“ die Faktoren, die den Unterschied zwischen Niederlage und Sieg ausmachen. Es gebe Studien, wonach man 10000 Stunden vor dem 20. Lebensjahr trainieren müsse, um außergewöhnliche Fähigkeiten entwickeln zu können. Er, der mit sechs Jahren ehrgeizig begann, beim Karlsruher SC zu spielen, sei niemals auf so eine Stundenzahl gekommen. Dennoch stand sein Entschluss mit 18 Jahren fest: „Ich wollte einfach nur der beste Torhüter der Welt werden.“ Das „einfach nur“ ist bewusst gesetzt. Kahn spricht in kurzen, prägnanten Sätzen, umso mehr fallen die gut vorbereiteten Sprechpausen und Betonungen auf. Ab und an schaut er auf sein Manuskript. Jedes Mal, wenn er improvisiert, kommt der Applaus: „Ich bin nicht auf den Kopf gefallen, wie diese Flasche eben”, sagt er, nachdem eine umgeworfene Wasserflasche die Stille im Saal unterbricht.

Die Zuhörer sind still, sie gehen mit ihm auf Zeitreise: Kahn nimmt sie mit in die Jahre 1992/1993 als Bayern-Manager Uli Hoeneß in die Kabine der Karlsruher kam - nicht wegen ihm, sondern um Spieler wie Mehmet Scholl für den FCB abzuwerben. Das waren Schlüsselmomente für Kahn: In diesen Momenten fasste er weitere Ziele. „Es ist biologisch wichtig, sein Gehirn auf Erfolg zu trainieren“, sagt er. Doch was ist, wenn Niederlagen kommen? Als der damalige Nationaltrainer Jürgen Klinsmann erklärte, dass er bei der WM 2006 auf der Ersatzbank Platz nehmen soll, war dies für ihn wie ein Schlag auf den Kopf. „Ich wollte aufhören, doch Flexibilität war gefordert.” Es sei mit die schwerste Zeit in seiner Karriere gewesen.

Kahn, der Motivationstrainer, spricht über die Wichtigkeit von Niederlagen. Es sind die Momente, in denen jeder an sich arbeiten könne. „Das ist der Moment, wo sich die Spreu vom Weizen trennt.” Man kann Rückschlüsse ziehen, um aus „gescheitert gescheiter zu machen”. Führungspersönlichkeiten geben sich in schwierigen Momenten als solche zu erkennen, sagt Kahn - und verlässt an dieser Stelle die Welt des Fußballs, um grundsätzlicher zu werden. Führungspersonen sind die, die nicht abtauchen, wenn es schwierig wird. Die Verantwortung übernehmen, nicht nur für sich, sondern für das Team. „Sie sind an Wachstum und Entwicklung ihres Umfelds interessiert.”

Die deutsche Elf gehört zur Crème de la Crème

Obwohl er „ein bisschen Gerangel“ mit BVB-Trainer Jürgen Klopp gehabt habe: Ihm bescheinigt der Titan eine zeitgemäße Führungsperson zu sein und würdigt dessen Geradlinigkeit. „Es geht nicht darum, allseits beliebt zu sein.“ Chefs und Trainer sollten nicht alle gleich behandeln müssen, meint Kahn. So sollten Trainer die Individualität der einzelnen Spieler berücksichtigen. Führungspersönlichkeiten sollten Fähigkeiten erkennen, von denen der Betreffende bisher nicht gewusst hat, dass er sie besitzt.

Die spanische Fußballnationalmannschaft scheint Oliver Kahns Philosophie umzusetzen. Oder anders ausgedrückt: Kahn sieht ihren Erfolgskurs als Beweis für seine These: Ausruhen geht nicht. „Vielleicht sollten die mal den Vortrag halten“, scherzt er. Die spanische Elf habe sich immer wieder neu bestätigt. Bei der EM 2008, WM 2010 und EM 2012. „Wenn sie jetzt noch mal Weltmeister werden, das wäre unfassbar.“

„Die spanische Mannschaft hat verstanden, ich kann für das, was ich gestern geleistet habe, nichts mehr kriegen.“ Im anschließenden Gespräch mit Hanker räumt Kahn den Spaniern gute Erfolgschancen für die WM ein. „Sattheit scheint‘s bei denen nicht zu geben.“ Sein Geheimtipp ist Mexiko, Brasilien dagegen findet der ehemalige Nationaltorhüter nicht so stark. Und die Deutschen? Sammelt Trainer Jogi Löw mehr Erfahrung als Titel, fragt Hanker den ZDF-Fußballexperten Kahn. Dieser verteidigt die Mannschaft: „Wir haben ein Kreativpotenzial.“ Oder: „Wir gehören zur Crème de la Crème des Weltfußballs“. Löw habe ein homogenes Team und könne Rekorde aufstellen.

Kritisch äußert sich Kahn zur Fifa-Entscheidung, die WM 2022 nach Katar zu holen. Dort gebe es keine Fußballtradition, und warum sie dort stattfinde, wisse er nicht, das wisse die Fifa wohl selbst nicht. Er ergänzt aber diplomatisch: „Wir sollten dem Land die Chance geben.”

Nach seinem Bühnenauftritt haben die Fans die Chance, Kahn um ein Autogramm zu bitten: Der Andrang ist riesig, wie am Fließband signiert der Star Bücher, Trikots oder Karten.

Jürgen Dörr aus Rabenau-Londorf hat Fotoalben, Trikots, Bücher zum Signieren mitgebracht. Immerhin drei Autogramme ergattert der Bayern-Fan, der Kahn schon oft in in- und ausländischen Stadien gesehen hat, „aber so nah noch nie”.

von Anna Ntemiris

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