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Der Reifenwechsel wird spürbar teurer

Neuerungen zum 1. November Der Reifenwechsel wird spürbar teurer

Ab heute dürfen nur noch Neuwagen verkauft werden, in denen ein Reifendruck-Kontrollsystem verbaut ist - aus Gründen der Sicherheit, wie es vonseiten der EU heißt. Doch diese Sicherheit kostet den Kunden viel Geld.

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Die Werkstätten haben derzeit beim Reifenwechsel Hochkonjunktur. Für Besitzer eines Fahrzeugs mit Reifendruck-Kontrollsystem kann die Rechnung höher ausfallen als erwartet.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die automatische Überwachung des Reifendrucks über das Reifendruck-Kontrollsystem (RDKS) soll der Verkehrssicherheit ebenso dienen wie dem Umweltschutz.

Ralf Funke, Obermeister der Marburger Kfz-Innung, erklärt: „Ein falsch eingestellter Reifendruck sorgt für einen erheblichen Mehrverbrauch bei der Fahrt.“ Denn dadurch würde sich der Rollwiderstand der Pneus erhöhen - der ADAC beziffert den Mehrverbrauch bei einem um 0,5 bar zu niedrigen Luftdruck auf bis zu 0,4 Liter pro 100 Kilometer.

Außerdem verschleißen die Reifen schneller, der Bremsweg verlängert sich und der Reifen hat weniger Griffigkeit bei Nässe - alles Faktoren, die die Sicherheit beeinträchtigen. Funke weiter: „Einen schleichenden Plattfuß bemerkt man nicht so leicht. Wenn dann bei hoher Geschwindigkeit auf der Autobahn der Reifen platzt, droht Lebensgefahr.“

Die „Reifenwächter“ sollen diese Gefahren minimieren. Denn die Reifendruckkontrolle an der Tankstelle, die eigentlich alle vier Wochen vorgenommen werden sollte, wird von vielen Autofahrern häufig vernachlässigt.

Was sich wie eine durchweg gute Sache anhört, wird allerdings beim Reifenwechsel zur teuren Erfahrung - zumindest beim ersten Kauf eines Satzes Winterreifen. Denn: Jeder Reifen muss mit dem RDKS nachgerüstet werden - und das geht zumindest einmal ins Geld.

Organisationen wie ADAC und TÜV Süd gehen bei einem Radsatz von 250 bis 300 Euro für die Sensoren plus etwa 50 Euro für Einbau und Programmierung in einer Fachwerkstatt aus. Dieser Preis gilt jedoch nur für das sogenannte „direkte RDKS“. Es gibt nämlich zwei verschiedene Messsysteme: direkte und indirekte. Beim direkten RDKS - auf das nahezu alle Autobauer setzen - befindet sich in jedem Reifen ein Sensor, der den Reifendruck kontinuierlich überwacht und den Fahrer bei einem Druckabfall unmittelbar warnt.

Komplexe Technik führt zu erhöhten Kosten

Indirekt arbeitende RDKS vergleichen die Raddrehzahlen über die Sensoren des Antiblockiersystems (ABS) und andere ohnehin schon im Fahrzeug steckenden Messgeräte. Sie sind allerdings ungenauer und unzuverlässiger als die direkten Systeme.

„Insbesondere bei direkt messenden Systemen muss sowohl für den Kauf eines mit RDKS-Sensoren ausgestatteten, neuen Reifensatzes als auch für den Reifenservice in der Fachwerkstatt mit Mehrkosten gerechnet werden“, sagt Hans-Jürgen Drechsler, Geschäftsführer des Bundesverbands Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk (BRV).

Er erklärt: „Die Kosten sind in der komplexen Technik begründet, die einen zum Teil deutlich erhöhten Handling-Aufwand für die Werkstätten mit sich bringt.“

Eine im Auftrag des Verbandes vorgenommene Zeitmessungs-Studie ergab, dass der zusätzliche Zeitaufwand pro Fahrzeug durchschnittlich zwischen 18 und gut 25 Minuten liege - je nachdem, ob ein vorhandenes System beim Reifenersatz vorschriftsmäßig nur gewartet werden muss, defekte Sensoren ausgetauscht werden oder in Neuräder ohne RDKS erst die Sensoren eingebaut werden müssen.

„Werkstätten, die keinen Verlust machen wollen, werden diesen Mehraufwand in erhöhte Servicepreise einkalkulieren müssen“, so Drechsler.

Hauptverantwortlich für den Arbeitsaufwand ist die Notwendigkeit, die Sensoren des RDKS vor dem Wechsel auszulesen, ihren Zustand festzustellen, sie gegebenenfalls zu wechseln und danach mit den neu aufgezogenen Pneus wieder an das Steuergerät anzupassen. Das kann anhand eines Diagnosegeräts erfolgen oder durch eine mindestens 15-minütige Fahrt mit dem Auto. Die Sensoren stellen sich dann automatisch auf das Steuergerät ein.

„Wichtig ist, dass ein verbautes RDKS funktionsfähig sein muss, also nicht ausgeschaltet oder deaktiviert werden darf“, erläutert Obermeister Ralf Funke. Denn bei den neuen Fahrzeugen, in denen das System Pflicht sei, gehöre es zur Betriebserlaubnis des Fahrzeugs. „Wird das System abgeschaltet, erlischt die Betriebserlaubnis - ganz klare Ansage“, verdeutlicht Funke. Das könne im Falle eines Unfalls schwerwiegende Konsequenzen haben.

Auch Elektronisches Stabilitätsprogramm Pflicht

Und auch bei der Hauptuntersuchung werde geprüft, ob das vorgeschriebene Kontrollsystem funktioniere. Sei dem nicht so, liege ein Mangel vor - und der müsse umgehend beseitigt werden.

Funke verdeutlicht aber auch, dass es sich bei der Investition in einen Satz der Kontrollsysteme „um eine Einmalzahlung“ handele. Zwar könne man die Gummis beim saisonalen Wechsel immer auf dieselben Felgen ziehen lassen, da die Technik hinter dem Ventil der jeweiligen Felge liege. Doch komme dies auf Dauer teurer. Außerdem würden Felgen und Reifen darunter leiden.

Auch das „Elektronische Stabilitätsprogramm“ (ESP) ist ab heute bei jedem Neuwagen Pflicht. ESP bremst bei schnellen Lenkbewegungen, zum Beispiel in einem Ausweichmanöver, einzelne Räder ab. Damit soll verhindert werden, dass das Fahrzeug ausbricht.

„ESP ist nach Gurt und ABS der Lebensretter im Auto“, erklärt ein Dekra-Sprecher. Breche ein Fahrzeug aus, merke der Fahrer das in der Regel nicht oder zu spät, wenn er die Kontrolle verloren habe. Einer der Hersteller, Bosch, rechnet vor, dass seit der Markteinführung von ESP 1995 europaweit etwa 190000 Unfälle vermieden und mehr als 6000 Leben gerettet wurden.

Eine Pflicht zum Umrüsten bestehender Fahrzeuge gibt es allerdings nicht: Die neuen Regelungen gelten nur für Autos, die zum ersten Mal zugelassen werden. Auch bereits zugelassene Autos, die umgemeldet werden, müssen die Systeme nicht vorweisen.

„Diese neuen Vorschriften werden Fahrzeuge viel sicherer machen“, sagt ein Sprecher der EU-Kommission. „Schlingern ist die Hauptursache für 40 Prozent aller tödlichen Unfälle.“ Sowohl eine elektronische Stabilitätskontrolle als auch die Reifendruckkontrolle würden helfen, Schlingern zu vermeiden und Leben zu retten.

von Andreas Schmidt

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