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„Der Euro funktioniert nur als Gemeinschaft“

Griechenland-Krise „Der Euro funktioniert nur als Gemeinschaft“

Von der OP befragte Firmenchefs, Banker und Wirtschaftsexperten sind größtenteils gegen einen Austritt Griechenlands aus der europäischen Währungsunion.

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Euro-Münzen aus Deutschland, Griechenland, Italien, Portugal und Spanien stehen auf einer EU-Fahne.

Quelle: Oliver Berg

Marburg. Die Medikamente der Marburger Pharmafirmen CSL Behring und GSK sind auch in Griechenland erhältlich. Trotz der Krise unterhält CSL Behring weiterhin 
Geschäftsbeziehungen mit Griechenland, „um unsere lebensrettenden und lebenserhaltenden Produkte dort verfügbar zu halten“, erklärt das Unternehmen. Berthold Suesser, Mitglied der Geschäftsführung und Finanzleiter bei CSL Behring Marburg, sagt: „Das Land sollte weiter in der Euro-Zone verbleiben. Jedoch muss es dazu umfassende Reformen durchführen, zum Beispiel im Bereich der Steuer- und Rentensysteme.“

Viele Unternehmer sorgen sich

Bei der Frage nach den Folgen eines Grexit erklärten viele von der OP befragte Unternehmer, dass sie sich sorgen – auch weil sich nicht nur Politiker, sondern auch Experten uneinig seien. Die Firma HOPPE in Stadtallendorf tätigt in Griechenland nur Geschäfte in geringem Umfang über einen Handelsvertreter. Insofern sei das Unternehmen, das unter anderem Tür- und Fenstergriffe herstellt, von der aktuellen Situation dort wirtschaftlich kaum betroffen. Unternehmer Wolf Hoppe (Fotos: Privat/Archiv) sagt zur Frage, ob Griechenland im Euro bleiben soll: „Grundsätzlich ja. Allerdings nicht um den Preis der frechen Forderungen und zum Teil verlogenen Argumente der griechischen Regierung. Das sollte in Europa keinen Erfolg haben.“

Ullrich Eitel, Inhaber und Geschäftsführer der Marburger Tapetenfabrik in Kirchhain erklärt: „Sicher, Griechenland sollte im Euro bleiben – aber nicht um jeden Preis. Griechenland muss akzeptieren, nicht mehr in den Konsum zu stecken, als Steuereinnahmen zur Verfügung stehen; also konsolidieren und Angebote an die EU machen, die eine Rückkehr zu solidem Staatshaushalt zu­
lassen.“

„Echte Hilfen für die notleidende Bevölkerung“

Zur Frage, ob Griechenland im Euro bleiben sollte, hat Manfred Roth, Inhaber der Firma Roth in Buchenau, eine klare Antwort: „Nein! Unter den Bedingungen ‚weiter so wie bisher‘ ohne tiefgreifende Reformen und ohne Schuldenschnitt bleibt die griechische Tragödie eine never ending story. Die notwendigen Finanzmittel sollten in einen nachhaltigen Neuanfang Griechenlands mit eigener Währung fließen. Dann sind sie eine echte Hilfe für die notleidende griechische Bevölkerung und nicht verloren!“ Die Firma hat nach eigenen Angaben langjährige gute Kunden in Griechenland, die von den Roth Werken mit Produkten für die Gebäudetechnik beliefert werden.
Der Vorstandssprecher der Volksbank Mittelhessen, Dr. Peter Hanker. meint: „Griechenland sollte im Euro bleiben. Der wertvolle und friedliche Einigungsprozess in Europa darf weder durch die derzeitige unberechenbare griechische Regierung noch durch mangelnde Zugeständnisse der Gläubigernationen gefährdet werden.“

Andreas Bartsch, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Marburg-Biedenkopf, sagt: „Es wäre wünschenswert, dass die Griechen im Euro bleiben, man muss aber auch akzeptieren, wenn die volkswirtschaftlichen Unterschiede und unterschiedlichen Sichtweisen zu groß sind. Der Euro funktioniert nur als Gemeinschaft. Ich denke, jenseits aller wirtschaftlichen Argumente sollten wir dabei die Situation der Menschen in Griechenland nicht aus den Augen verlieren.“

„Klar ist derzeit 
nur die Unklarheit“

Oskar Edelmann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Kassel-Marburg: „Klar ist derzeit nur die Unklarheit der Folgen eines möglichen Grexits, die Strukturprobleme Griechenlands verschwinden damit ja nicht. Entscheidend für den Erfolg der Verhandlungen ist in meinen Augen, ob die griechische Regierung bereit ist, Kompromisse zu schließen und entsprechende Zugeständnisse 
bei ihren Reformanstrengungen zu machen. Spanien, Portugal und vor allem Irland zeigen, dass mit einer konsequenten Reformpolitik ein Turnaround möglich ist.“

Drachme würde Land in Abwärtsspirale treiben

Eine Verweigerungshaltung helfe nicht weiter, am wenigsten der griechischen Bevölkerung. „Es nutzt niemandem, wenn sich ein Land im Herzen von Europa dauerhaft in einer prekären politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lage befindet oder diese sich weiter verschärft. Die Einführung der Drachme würde Griechenland in eine Abwärtsspirale treiben, Importe würden nahezu unbezahlbar“, so Edelmann.

Brigitte van Egten, Geschäftsführerin von Wagner Solar in Cölbe, findet die derzeitige Unsicherheit nicht gut: „Wir wissen nicht, was passiert, wenn 
 Griechenland nicht mehr im Euro-Raum ist.“ Wenn es wirklich so leicht sein sollte, die Euro-Zone zu verlassen, dann würde dies womöglich weitere Austritts-Fälle geben können. Und das sei nicht zu befürworten. Persönlich ist die Niederländerin der Auffassung, dass die EU-Staaten alles daran setzen sollten, die Gruppe beieinander zu halten.

Griechenland soll im Euro-Raum bleiben

Marburgs Kreishandwerksmeister Rolph Limbacher meint, Griechenland sollte „selbstverständlich im Euro-Raum bleiben. Die Frage ist, um welchen Preis?“ Für den europäischen Gedanken sei es schlecht, wenn Länder die Gemeinschaft verlassen. „Wir Europäer müssen noch enger zusammenrücken, um als Wirtschaftsmacht noch in zehn bis 20 Jahren zu bestehen.“

von Anna Ntemiris

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