Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 17 ° Regenschauer

Navigation:
Der Einkauf wird online vorbereitet

Der Einkauf wird online vorbereitet

Marburger Händler sollten sich auf einem lokalen Online-Marktplatz präsentieren und einen Versand anbieten. Damit könnten sie Kunden halten und neue gewinnen, sagte Andreas Haberlein, Experte für E-Commerce.

Voriger Artikel
Impulsvortrag zu lokalem Online-Markt
Nächster Artikel
Frischer Wind an bewährtem Standort

Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. In den vergangenen Jahren kamen wohl noch nie so viele Geschäftsinhaber aus Marburg zusammen wie am Mittwochabend beim Stadtforum. Fast 200 Besucher waren im Stadtverordnetensitzungssaal, um auf Einladung der Stadt Marburg den Vortrag von Andreas Haderlein, Wirtschaftspublizist und Innovationsberater, über die Zeitenwende im stationären Einzelhandel zu hören. Zunächst bescheinigte Haderlein der Stadt Marburg, dass sie ein Luxusproblem hat: Wo sonst gibt es noch Innenstädte in der Größe mit fünf Buchhandlungen und so wenig Leerständen?, fragte er.

Bei seinem dreistündigen Spaziergang habe er nur sehr wenige leere Ladenräume in 1a-Lage gesehen. In anderen Städten sei jeder dritte Laden verwaist. Auch die Konzepte von großen Shopping-Malls oder Einkaufszentren auf der grünen Wiese ziehen andernorts kaum noch Kaufkraft an, so Haderlein. Dennoch, auch eine Stadt wie Marburg sollte sich mehr „um das digitale Abbild des physischen Marktplatzes“ kümmern. „Denn der strukturelle Wandel im Handel ist da, E-Commerce ist nur der Brandbeschleuniger.“ Haderlein gibt den Besuchern folgenden Ratschlag: Nicht mehr in den Kategorien „offline“ und „online“ zu denken.

Ob Kunden das Geschäft real oder virtuell im Internet betreten, sei egal. Der Internet-Auftritt könnte Kunden ans Geschäft binden, indem der Händler etwa seine zusätzlichen Service-Leistungen und seine Stärken präsentiert. Auch sollte der Kunde übers Internet den Einkauf im Geschäft vorbereiten können, indem er etwa die Verfügbarkeit der Waren online abrufe - größere Ketten kennen dieses Prinzip bereits.

Haderlein stellte das Konzept des Projekts „Online City Wuppertal“ vor. In Wuppertal haben sich 50 Händler zusammengeschlossen, die über eine Plattform im Internet ihre Waren präsentieren und einen Lieferservice innerhalb der Stadt anbieten (die OP berichtete). Erste Voraussetzung ist also, dass sich eine „Interessengemeinschaft nicht mehr durch Zugehörigkeit zu einem Straßenzug definiert, sondern durch den Willen zur Veränderung“. Ein gemeinsam betriebener lokaler Versandhandel sei eine Strategie, um gegen Online-Riesen wie Amazon zu bestehen.

Folgendes Zukunftsbild malte der Gastreferent aus Frankfurt den Zuhörern aus: Abends nach 19 Uhr schaut ein Marburger auf dem Sofa liegend in einem regionalen Online-Portal beispielsweise nach Schuhen, prüft im System, ob die Ware verfügbar ist und bestellt dann ein Paar, das ihm am nächsten Tag in der Einkaufstüte - nicht wie bei Amazon oder Zalando im Paket - nach Hause gebracht wird. Er hat sein Geld beim Händler um die Ecke gelassen und musste dafür nicht mal das Haus verlassen.

Was ist mit dem Retoure-Problem?, fragte ein Zuhörer. Gekaufte Artikel könne man im Geschäft einfach zurückgeben, so Haderlein. Der Kunde müsse beim Online-Auftritt schon sehen können, ob seine Ware verfügbar sei und geliefert werden könne. Aus Wuppertal konnte er nur von positiven Beispielen berichten, ein entsprechender Image-Film sollte dies verdeutlichen - das war vielen Händlern zu viel Werbung.

In der anschließenden Diskussion ging es auch um viele Detailfragen - technischer Art zum Beispiel. „Internet-Verweigerer“, wie sie Haderlein bei ähnlichen Versammlungen im Ruhrgebiet antraf, gaben sich beim Marburger Stadtforum nicht zu erkennen. Allerdings gab es einige grundsätzliche Anmerkungen aus den Reihen der Händler, die auf große Zustimmung stießen. Sebastian Ahrens (Kaufhaus Ahrens) widersprach Haderlein in dem Punkt, dass die Konkurrenz der stationären Händler die Internet-Läden seien. „Der Wettbewerb lautet immer noch Marburg versus Gießen und versus Wetzlar. Das Internet ist noch dazu gekommen“. Harald Kühn (Siebert-Gruppe) erklärte, dass das Ziel der regionalen Geschäfte immer noch sei, Menschen in den ­Laden zu bekommen.

Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) war sehr zufrieden mit dem Forum. „Das große Interesse zeigt, dass das Thema vielen Händlern unter den Nägeln brennt“, sagte er der OP. Das Forum sei ein Startschuss für weitere Diskussionen über die Chancen des Online-Handels für Marburgs Geschäfte.

von Anna Ntemiris

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Wirtschaft

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr