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Der Do-it-yourself-Patient kennt keinen Schmerz

Qualitätssiegel für UKGM Der Do-it-yourself-Patient kennt keinen Schmerz

„Jeder, der einmal Schmerzen empfunden hat, weiß wie sehr das in die Lebensqualität eingreift“, sagt Professor 
Harald Renz. „Qualifizierte Schmerztherapie“ soll
diese Beschwerden bei der Heilung vermeiden.

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Eine Ärztin steht am Krankenbett eines Patienten. Dank qualifizierter Schmerztherapie können sich Patienten am UKGM auch selbst Schmerzmittel verabreichen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Warten, bis der Arzt kommt – das gehört in vielen Fällen inzwischen der Vergangenheit an. Durch die „Qualifizierte Schmerztherapie“ wird der Patient im Uniklinikum Marburg selbst ein Stück weit zum Arzt.

Immer dann, wenn er quälende Schmerzen verspürt, kann er dank eines speziell entwickelten Konzeptes seine Leiden lindern. Ohne, dass erst die Schwester oder gar ein Arzt Zeit finden muss, ihm zu helfen. Ein Knopfdruck genügt für die Freigabe von entsprechenden ­Medikamenten.

Als erstes Uniklinikum in Deutschland wurde Marburg mit dem „Qualitätssiegel Schmerztherapie“ re-zertifiziert. 2011 gab es bereits das erste Zertifikat. Das galt damals jedoch nur für den Bereich der operativen Medizin. Die Klinik für Anästhesie und Intensivtherapie sowie die Pflegeforschung richteten einen „Akut-Schmerzdienst“ ein.

„Angst vor Schmerz ist manchmal schlimmer als Schmerz“

Regelmäßig besuchte dieser die Patienten nach ­ihrer Operation, um nach dem Schmerzempfinden zu fragen. Denn dieses sei von Fall zu Fall unterschiedlich und sehr individuell, sagt Professor Hinnerk Wulf, Direktor der Klinik für ­Anästhesie und Intensivtherapie. „Wer den Schmerz selbst fühlt, ist die ideale Person, um ihn zu behandeln“, so Wulf.

Durch diesen Gedanken entstand das mittlerweile in der gesamten Klinik angewandte Konzept, die Patienten selbst über die Verabreichung von Schmerzmitteln entscheiden zu lassen.

Da es sich um medizinische Laien handelt, bedarf es jedoch­ eines Schutzmechanismus. Bei drohender Überdosierung, gibt das Freigabesystem für ­eine ­gewisse Zeitspanne keine ­Medikamente mehr frei. Und auch Fremde können nicht auf den Knopf drücken – das funktioniert nur mit einem persönlichen Chip, in Zukunft vermutlich mit dem individuellen Fingerabdruck.

Bei den Patienten kommt dieses System gut an. „Ich hatte zu keinem Zeitpunkt Schmerzen, das war für mich fast wie ein Wunder bei einer so großen OP“, berichtet eine Frau, die im UKGM an der Bauchspeicheldrüse operiert wurde. Selbst bestimmen zu können, wann sie etwas bekomme, habe sie als sehr ­positiv empfunden.

„Die Angst vor Schmerzen ist manchmal schlimmer als der Schmerz selbst“, pflichtet ein älterer Patient ihr bei. Bei ihm wurde ein Darmkarzinom beseitigt. Zu wissen, dass es ein Konzept gegen Schmerzen gebe, habe ihm schon im Vorfeld Selbstvertrauen gegeben. „Ich war schon vor meiner OP ­
 sehr gut informiert“, sagt er.

„Ich bin kein Freund von ­Nadeln“

Die Ergebnisse der Selbstmedikation werden vom UKGM ausgewertet und an Pharmaunternehmen weitergegeben, mit denen das Klinikum kooperiert. Dadurch können Rückschlüsse auf deren Wirksamkeit gezogen werden.

„Ich bin kein Freund von ­Nadeln“, erklärt eine Frau, deren Gebärmutter entfernt wurde.­ Noch besser als die Schmerzmittel-Zufuhr über die Venen, habe sie deshalb bei einem zweiten Aufenthalt das System mit Tabletten empfunden. Außerdem habe sie „sehr genossen, dass zweimal am Tag jemand an meinem Bett gestanden und nach dem Empfinden gefragt hat“.

„Auch die persönliche Zuwendung hat natürlich Auswirkungen“, sagt Wulf, der davon überzeugt ist, dass „gute Schmerztherapie zu einem besseren Ergebnis der Heilung beiträgt“. Um das Umsetzen zu können, benötige es eines Ärzte- und Pflegeteams, das sich voll mit dem Konzept identifiziere. Anfangs habe das „viel Arbeit in Schulungen“ benötigt, da etwa­ einige Ärzte der Meinung ­waren, Schmerz sei wichtig für die Diagnose. Inzwischen aber funktioniere das gut.

„Für uns ist das ein Paradigmenwechsel“, erklärt Professor Leopold Eberhardt (stellvertretender Direktor der Klinik für Anästhesie und Intensivtherapie). „Es hilft uns, den Patienten als gleichberechtigten Partner auf Augenhöhe zu betrachten“.

von Peter Gassner

UKGM-Geschäftsführer Professor Harald Renz (von links), Dr. Thomas Neubert, Professor Hinnerk Wulf und Dr. Andrea Kussin zeigen das Zertifikat. Hinten: Professor Leopold Eberhard (rechts) und Gäste aus Österreich, die sich das Schmerztherapie-Konzept des UKGM vor Ort anschauten. Foto: Peter Gassner
 
 
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