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„Demokratie darf nicht am Werkstor aufhören“

DGB Mittelhessen schlägt Alarm „Demokratie darf nicht am Werkstor aufhören“

Die Zahl der tarifgebundenen Betriebe ist in den vergangenen Jahren stark gesunken – ein alarmierendes Signal, wie Dr. Ulf Immelt vom DGB Mittelhessen erläutert.

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Ein Teilnehmer hielt am Montag vor dem Firmenschild von YKK in Wenkbach ein Plakat hoch, auf dem er deutlich zeigte, warum die Belegschaft auf die Straße ging.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. „Tarifbindung bedeutet in der Regel, dass es deutlich bessere Arbeitsbedingungen gibt“, sagt Dr. Ulf Immelt, Gewerkschaftssekretär des DGB Mittelhessen.

„Das bezieht sich sowohl auf die Frage des Gehalts – aber auch auf die Frage von Urlaub oder Mitbestimmungsrechten und gesonderten Regelungen im Betrieb“, so Immelt. Eine Flucht aus der Tarifbindung bedeute, „dass man sich auch von den guten Arbeitsbedingungen verabschiedet“.

Der DGB habe in einigen Bereichen bemerkt, dass – nachdem ein Unternehmen aus der Tarifbindung ausgetreten sei – über „Betriebsrats-Bashing auch die Mitbestimmung in den Betrieben zurückgedrängt wurde“, verdeutlicht der Gewerkschaftssekretär. Zwar sei dies nicht immer der Fall, doch seien die Tendenzen zu beobachten.

Doch sei genau die Kombination aus Tarifbindung und Mitbestimmung „eine Form von Demokratisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. Demokratie darf nicht am Werkstor aufhören“, sagt er.
Untersuchungen zeigten, dass im Jahr 1998 noch 76 Prozent aller Beschäftigten in einem Betrieb mit Tarifbindung arbeiteten – diese Zahl sei bis 2015 auf 58 Prozent gesunken.

Immelt: „Tarifflucht schränkt soziale Rechte ein“

Noch frappierender sei die Zahl der nicht mehr tarifgebundenen Betriebe: Diese betrage in Ostdeutschland 80 Prozent. „Davon haben zwar 46 Prozent eine Orientierung an einem Tarifvertrag – aber Orientierung heißt eben nicht, dass alle Sonderregelungen eines Tarifvertrags auch stattfinden.“ In Westdeutschland seien mittlerweile 66 Prozent der Betriebe aus der Tarifbindung ausgeschert – von denen orientieren sich 43 Prozent an einem Branchentarif.

Auffällig an den Zahlen: Vor allem Unternehmen mit wenigen Beschäftigten verlassen die Tarifgemeinschaft recht häufig. Laut Immelt liege das daran, „dass die Größe des Betriebes auch indirekt damit zu tun hat, wie stark eine Gewerkschaft vor Ort ist – in Großbetrieben gibt es oft eine Tradition, dass Gewerkschaften und Betriebsräte da sind und für die Interessen kämpfen“.

In Hessen arbeiten immerhin noch 52 Prozent der Beschäftigten in Betrieben mit Branchen-Tarifvertrag, weitere 11 Prozent verfügen zumindest über einen Haus-Tarifvertrag – 37 Prozent der Angestellten arbeiten jedoch ohne Tarifbindung.

Für Immelt ist klar, dass Unternehmen, die in der Tarifgemeinschaft bleiben, davon auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und der Ausbildung profitierten. „Jugendliche werden schon überlegen, dass sie ihre Ausbildung lieber dort machen, wo sie eine bessere Entlohnung bekommen – und mit der Perspektive auf eine Übernahme.“

Mitarbeiter des Reißverschlussherstellers YKK in Wenkbach demonstrierten am Montag für eine Rückkehr zur Tarfibindung.

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Der Tarifvertrag bringe für die Beschäftigten erhebliche Verbesserungen, „dort gibt es dann eben 30 Tage Urlaub, ein Gehalt, von dem man leben kann – wenn man sich aber nicht gegen die Tarifflucht wehrt, dann wird das, was es an sozialen Rechten gibt, eingeschränkt“.

Mit Beginn der Nachtschicht am frühen Montagmorgen sind Beschäftigte am Amazon-Standort Bad Hersfeld in den Streik getreten. Der neuerliche Ausstand solle bis zum Ende der Spätschicht am Dienstag dauern, teilte die Gewerkschaft Verdi mit. Zur Frühschicht am Montagmorgen hätten sich rund 250 Mitarbeiter beteiligt, sagte eine Verdi-Sprecherin. Im Laufe des Tages werde mit bis zu 600 Teilnehmern gerechnet.

Die Gewerkschaft fordert einen Tarifvertrag, und zwar nach den Bedingungen des Einzel- und Versandhandels. Das US-Unternehmen Amazon sieht sich indes als Logistiker und verweist auf eine Bezahlung am oberen Ende des in dieser Branche Üblichen.

von Andreas Schmidt

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Um den Reißverschlusshersteller YKK zur Rückkehr in die Tarifbindung zu bewegen, demonstrierten Beschäftigte des 
Unternehmens am Montag in Niederweimar.

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