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Dem Handwerk geht der Nachwuchs aus

Kreishandwerkerschaft Dem Handwerk geht der Nachwuchs aus

Die Jahreshauptversammlung der Kreishandwerkerschaft Marburg stand vor allem im Zeichen der Nachwuchsgewinnung.

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Eberhard Bierschenk, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Kassel, betonte bei seiner Rede, dass das Handwerk auch verstärkt auf Flüchtlinge setze.

Quelle: Andreas Schmidt

Kirchhain. „Wir haben bei der Klausurtagung des Vorstands entschieden, uns wieder mehr in der Fläche zu zeigen“, sagte Kreishandwerksmeister Rolph Limbacher bei der Versammlung im Sitzungszimmer der VR Bank Hessenland.

Denn man wolle verstärkt auch mit Politikern und Bürgermeistern in Kontakt treten, „um den Finger in die Wunde zu legen, was Ausschreibungen angeht – und die Vergabe an Aufträge an Unternehmen in der Region“. Zahlreiche Kommunen schrieben ihre Aufträge in zu großen Losen aus – dann könnte das heimische Handwerk nur schwer zum Zug kommen.

Ein weiteres großes Thema, das die heimischen Handwerker umtreibe, sei der Mindestlohn, „und damit meine ich nicht die Dokumentationspflicht“, so Limbacher in seinem Bericht. „Die Aussage der SPD-Generalsekretärin Yasemin Fahimi ,wer es als Arbeitgeber nicht schafft, einen Stundenzettel auszufüllen, ist entweder ein Gauner oder schlichtweg zu doof‘ ist nicht nur töricht, sondern frech. Das kann das Handwerk nicht gelten lassen“, so Limbacher.

Man habe sich bemüht, den Zoll einzuladen, der ja für die Kontrolle der Einhaltung des Mindestlohns zuständig sei. Allerdings kam eine schriftliche Absage mit der Begründung, „rechtsverbindliche Auskünfte zum Mindestlohngesetz durch die Hauptzollämter sind – zumindest derzeit – nicht möglich“.

Einzelne Fragen könnten „schriftlich beantwortet“ werden. „Da frage ich mich: Wer ist eigentlich doof?“, so der Kreishandwerksmeister. Zwar werde beim Mindestlohn jetzt noch einmal nachgebessert, aber es herrsche viel Verunsicherung in den Betrieben.

20,2 Prozent weniger Ausbildungsverträge

Ein weiteres drängendes Problem sind die Berufsschulstandorte. „Wir bekommen nicht genug Auszubildende, die Zahlen lassen einfach nach“, sagte Limbacher und belegte dies mit Zahlen: Demnach sei die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Landkreis um 20,2 Prozent zurückgegangen, in Marburg um 16,7 Prozent, in Biedenkopf um 31 Prozent.

„Die Frisöre im Altkreis Biedenkopf haben nur einen einzigen Ausbildungsvertrag abgeschlossen – da kann man sich ausmalen, wie lange die Berufsschule noch in der Lage ist, uns zu beschulen.“

Diesen Punkt griff auch Meinhard Moog, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, auf. Es gebe eine „Zukunftskonferenz“ zu den Standorten der Berufsschulen ( die OP berichtete). Im Dezember sei eine Poolbildung vorgenommen worden. Die heimischen Schulen würden wohl die Automobilkaufleute, Bäcker, Fleischer und Fachverkäufer im Fleischerhandwerk „in einem Tauschverfahren abgeben“, so Moog.

„Die Richtung des Tauschs ist eindeutig – es wird vieles nach Süden abfließen. Ich hoffe, dass wir zu einer vernünftigen Lösung kommen und nicht alles abgeben müssen“, sagte der Geschäftsführer. Man stehe aber in konstruktiven Gesprächen.

Moog: „Das Potenzial wird immer geringer“

Die Ausbildungszahlen bezeichnete Moog als „kritisch“. Haupt-, Real- und Gesamtschulen hätten im laufenden Schuljahr 541 Schüler weniger – „das Potenzial wird also immer geringer“, verdeutlichte Moog. Er appellierte an alle Betriebe, alle offenen Ausbildungsstellen zu melden. Außerdem werde man mit einem Rundschreiben bei Betrieben auf die Situation aufmerksam machen.

Auch beim Berufsbildungszentrum (BBZ) schlage „der demografische Faktor voll durch“, wie Geschäftsführerin Birgit Sturmat-Rosenbaum erläuterte. 120 Kurse habe das BBZ im vergangenen Jahr angeboten, mit 58.560 Stunden – in der Gesamtzahl 3,3 Prozent weniger als im Vorjahr.

„In den einzelnen Gewerken gibt es jedoch ein Minus von 7 bis 30 Prozent, durchschnittlich gibt es in den Kursen mittlerweile weniger als 8 Teilnehmer – früher hatten wir Probleme, das Maximum von 12 Teilnehmern einzuhalten.“ Das Problem: Das BBZ müsse dennoch nahezu dieselben Ressourcen vorhalten wie bei vollen Kursen.

Ein voller Erfolg sei indes das Projekt „In“, bei dem Behinderte in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt würden (die OP berichtete). Eberhard Bierschenk, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Kassel, betonte, dass es viele Schüler zu Abitur „und danach meistens sofort zum Studium“ dränge.

Das Handwerk stehe derzeit vor ganz neuen Herausforderungen: „Es geht nicht nur darum, junge Menschen ins Handwerk zu bringen. Deutschland hat viele Asylanten und Flüchtlinge. Wir sind jetzt bemüht, die Jugendlichen, die hier sind, so weit zu bringen, dass sie fürs Handwerk ausbildbar sind“, sagte Bierschenk. Dazu müsse man Barrieren abbauen, die Handwerkskammer habe dazu gezielt Kollegen eingestellt – auch für „eine passgenaue Vermittlung“.

von Andreas Schmidt

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