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Das Koffer-Labor kann Leben retten

Arzneimittelsicherheit Das Koffer-Labor kann Leben retten

Ob Wohlstands-Medikamente wie das Potenzmittel Viagra oder lebensnotwendige Malaria-Mittel - „alles wird gefälscht“, sagt Dr. Richard Jähnke vom „Global Pharma Health Fund“.

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Benjamin Jelte Vissier, Doktorand aus Amsterdam, lässt sich von Dr. Richard Jähnke am Minilab ausbilden.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Benjamin Jelte Vissier sitzt an einem Edelstahl-Tisch, um sich herum hat er Reagenzgläser, Behälter und Substanzen aufgebaut. Mit einer Pipette füllt er eine Flüssigkeit in einen Glaskolben, verschließt diesen und schüttelt ihn. Dann tropft er die entstandene Flüssigkeit auf einen Teststreifen, den er nach einigen Minuten unter UV-Licht begutachtet. Jetzt ist klar: Das Medikament, das er nach standardisierten Methoden untersucht hat, ist eine Fälschung - die notwendigen Wirkstoffe und Substanzen sind nicht enthalten.

Der Doktorand sitzt jedoch nicht an der Uni, sondern bei der Firma Technologie Transfer Marburg in Cölbe. Und seine Versuche nimmt er unter den Augen von Dr. Richard Jähnke vor. Jähnke gehört zum „Global Pharma Health Fund“, der ein Kompaktlabor, also ein Minilab, entwickelt hat, mit dem sich Arzneimittelfälschungen feststellen lassen. Vertrieben wird das Labor von Cölbe aus in die gesamte Welt: Mehr als 670 Minilabs sind derzeit in gut 90 Ländern im Einsatz.

Markt für Fälschungen ist immens groß

Der Bedarf dafür ist groß, wie Jähnke sagt - vor allem in Entwicklungsländern. „Es gibt Gegenden in Afrika, in denen der Kauf von Malaria-Medikamenten ein Roulettespiel ist“, sagt er. Denn dort läge die Quote von Fälschungen bei gut 50 Prozent.

Der Apotheker erinnert sich noch an die Entwicklung des Minilabs: Mitte der 90er Jahre bekam er den Auftrag, ein solches transportables Kleinstlabor zu entwerfen. „Wir mussten reduzieren, reduzieren, reduzieren. Denn einerseits durfte das Labor nicht zu teuer sein - und musste auch transportabel bleiben“, sagt Jähnke.

So entstand ein großer, schwarzer Kunststoff-Koffer, gefüllt mit Chemikalien, dem dazugehörigen „Werkzeug“ und einer dicken Anleitung, in der die Verfahren zum Testen unterschiedlicher Medikamente beschrieben sind.

Gut 70 Medikamente können Wissenschaftler mit dem Minilab überprüfen. Und immer wieder müssen die Analyseverfahren an neue Medikamente angepasst werden. So zum Beispiel bei Malaria-Präparaten, bei denen früher nur ein Wirkstoff entscheidend war. „Das lässt sich viel einfacher realisieren als bei neueren Medikamenten mit Zweifach-Wirkstoff oder einer Dreifach-Kombination, das bereitet uns Kopfschmerzen“, so Jähnke. Dies sei der Behandlung geschuldet, „weil die Monotherapie nicht mehr funktioniert.“

Fälscher werden immer professioneller

Folglich muss Jähnke die Analytik immer wieder aktualisieren. „Und das immer mit einem System, das vor gut 15 Jahren entwickelt wurde. Aber wir haben bisher immer alles gemeistert“, sagt der Apotheker. Doch auch die Fälscher schlafen nicht: Sie werden immer professioneller. „Das Geld der Fälscher fließt mittlerweile vermehrt in Verpackungen“, sagt er. So sei es selbst für Profis mittlerweile bei einigen Medikamenten anhand der Verpackung sehr schwer zu erkennen, ob es sich bei einem Medikament um ein Original oder eine Fälschung handele.

Das Minilab kostet rund 5000 Euro, „damit lassen sich etwa 1000 Proben testen“, sagt Jähnke. Ein Test dauere in der Regel etwa 30 Minuten. „Wir schaffen es durch unser Training, einen Mediziner innerhalb eines Tages von 0 auf 180 zu bringen, sodass er die gängigsten Fälschungen erkennen kann“, sagt Jähnke.

So, wie Benjamin Jelte Vissier, der in Cölbe von Jähnke ausgebildet wurde. Sein Wissen will der Doktorand demnächst in Gabun zum Einsatz bringen. Und die Tests gehen ihm nach einem halben Tag schon ganz gut von der Hand. „Das Training ist sehr gut, ich freue mich schon, das Wissen einsetzen zu können“, sagt er.

von Andreas Schmidt

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