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Das Ende einer Ära: Abschied ohne Groll

Arbeitsgericht Das Ende einer Ära: Abschied ohne Groll

„Ich mag keine leeren Wände“ ist einer der Wahlsprüche des Direktors. So wurde „sein“ Arbeitsgericht zum Kunst-Tempel.

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Arbeitsrichter Hans Gottlob Rühle in seinem Büro. Hier dominieren nicht staubige Akten, sondern Bilder. Im Laufe von 25 Jahren haben sich zahlreiche Kunstwerke
angesammelt.

Quelle: Thomas Breme

Marburg. Fünf alte Uhren ticken leise und gleichmäßig. Dicke, alte Teppiche dämpfen jeden weiteren Laut. An den Wänden hängen zahlreiche Bilder. Impressionisten neben Abstraktem, unbekannte Maler neben originalen Werken von Käthe Kollwitz oder Max Pechstein. Deutschlands wohl außergewöhnlichstes Arbeitsgericht ist eine Mischung aus Galerie und Rechtssprechungs-Baracke.

Dieses Gericht wird in diesem Jahr 65. Sein Chef, Arbeitsgerichtsdirektor Hans Gottlob Rühle (61), ist seit 25 Jahren auf diesem Posten. Zwei Gründe, zu feiern.

Bei der Doppel-Jubiläumsparty am Mittwoch, zu der 300 Gäste aus Justiz, Politik und Gesellschaft geladen waren, schwang allerdings eine gehörige Portion Abschiedsstimmung mit. Das Aktionsbündnis zum Erhalt des Arbeitsgerichtes demonstrierte, die „Hot Swingers Marburg“ versuchten, mit Dixieland-Rhythmen trotz allem gute Laune zu verbreiten.

Im Zuge der Behörden-Neuordnung wird das Marburger Arbeitsgericht dicht gemacht. Rühle und seine Kollegen und auch ein Teil der Kunstwerke gehen Ende des Jahres nach Gießen. „Ein Arbeitsgericht muss in der Region verwurzelt sein“, sagt er. „Und verlässlich für Firmen und Arbeitnehmer.“ Das könnte in der größeren, anonymeren Gießener Behörde unter die Räder kommen. Rühle:

Die Marburger Mini-Behörde hat sich seit 1986 zum exzellenten Kulturstandort entwickelt. Daran sind in erster Linie Direktor Rühle und seine Abneigung gegen kahle Wände Schuld. Im Flur, in den Sitzungssälen und im Chefbüro hängt und steht mittlerweile Kunst im Wert von mehreren hunderttausend Euro. „Die Gebäude werden zusätzlich genutzt“, sagt Rühle, „und wir geben so Künstlern eine Plattform, ihre Werke auszustellen.“ Als alles begann, war die Vermischung von Kunst und Justiz noch ein Politikum. Rühle hatte die berüchtigten Graffiti-Sprayer von Stadtallendorf eingeladen, in seinem Gericht zu sprühen: „Das war fast wie eine Revolution“. Galten doch die jungen Straßenkünstler in der öffentlichen Wahrnehmung oft eher als Kriminelle.

Inzwischen folgen zahlreiche Behörden dem Marburger Beispiel. Auch das neue Gießener Arbeitsgericht möchte einen Teil von Rühles Kunst übernehmen.

Und was wird aus Rühle selbst? „Ich werde noch drei Jahre helfen, das neue Arbeitsgericht in Gießen aufzubauen“, verspricht er. Und eine gute Portion seiner Popularität exportieren. Denn in Marburg waren die Zuschauerbänke fast immer gut gefüllt. „Ich wollte immer raus aus den Fachkreisen“, erzählt Rühle, der seine Arbeit auch immer als eine Art Volkshochschule versteht und den Prozessen an seinem Gericht überwiegend hohen Unterhaltungswert bescheinigt. „Die Leute sollen doch begreifen, was wir hier machen.“

Der Wahl-Marburger will nach seinem Wechsel auf keinen Fall nach Gießen ziehen. Und, das hat er sich fest vorgenommen, auch weiterhin mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Wenigstens einmal pro Woche will er sich in die Pedale schwingen.

von Axel Ehrlich

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