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Das Aus für Johnson Controls

700 Arbeitsplätze betroffen Das Aus für Johnson Controls

Am Donnerstag informierte das Management von Johnson Controls die Belegschaft des Werks in Friedensdorf darüber, dass ihr Betrieb geschlossen wird.

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Mehrfach haben die Beschäftigten von Johnson Controls auch im vergangenen Jahr für bessere Bedingungen gestreikt – nun wird das Werk sukzessive geschlossen – 2019 ist gänzlich Schluss.

Quelle: Andreas Schmidt

Friedensdorf.. Bei einer Informationsveranstaltung des Managements platzte die Bombe: Für 13.45 Uhr hatte Wolfgang Merkel, Vice President „Operations Metals & Mechanisms EMEA“ die Belegschaft eingeladen. Dabei verkündete er, dass es Johnson Controls in Friedensdorf ab 2019 nicht mehr geben werde.

Unternehmenssprecher Ulrich Andree hatte derweil die Presse schon informiert - in seiner Pressemitteilung heißt es, dass das Werk in Friedensdorf in den vergangenen Jahren „erhebliche Verluste“ verbucht habe - wie hoch diese waren, wollte er auf Nachfrage nicht sagen.

Die etappenweise Werksschließung soll dieses Jahr beginnen und voraussichtlich im März 2019 abgeschlossen sein. Parallel werde die Produktion schrittweise an andere Standorte von Johnson Controls verlagert.

Das Management werde ab sofort Verhandlungen mit dem Betriebsrat über Interessenausgleich und Sozialplan aufnehmen - Ziel sei es, „faire Lösungen für alle Mitarbeiter des Standortes zu erarbeiten“, so Wolfgang Merkel.

Da Autohersteller ihre Fertigungsstandorte kontinuierlich nach Osteuropa verschöben, würden sie auch von den Zulieferern ein Preisgefüge auf osteuropäischem Niveau erwarten. „Die Analysen für das Werk Dautphetal zeigen jedoch, dass eine entsprechende Preisgestaltung dort nicht möglich ist. Zu der geplanten Betriebsschließung sehen wir uns gezwungen, da aufgrund konstanter Umsatzrückgänge, einer insgesamt geringen Produktivität und einem vergleichsweise hohen Lohnniveau eine wirtschaftliche Produktion nicht mehr möglich ist“, so Merkel. Daher sei der Standort nicht zukunftsfähig.

Das Management hat auch einen Schuldigen für die Misere ausgemacht: Den Betriebsrat. Denn alle Vorschläge, die Johnson Controls in der Vergangenheit unterbreitet habe, um die wirtschaftliche Situation des Werks nachhaltig zu verbessern, habe die Arbeitnehmervertretung nicht mitgetragen. Man habe zwei Jahre lang „alternative Szenarien“ diskutiert, ohne einen Konsens zu erzielen.

Werksschließung hat nichts mit Börsengang zu tun

Auf Nachfrage erläutert Andree, dass etwa die Bildung eines Kompetenzzentrums im Raum gestanden habe. „Dabei hätte die Mitarbeiterzahl zwar auch reduziert werden müssen, aber das Werk wäre erhalten geblieben“, sagt er. Auch ein Mediationsverfahren Anfang vergangenen Jahres sei erfolglos beendet worden.

Der geplante Spin-off der Automotive-Sparte von Johnson Controls und der geplante Börsengang im Herbst habe mit der Werksschließung nichts zu tun.

Betriebsratsvorsitzende Carmen Thomä sagte, sie sei „nicht sonderlich überrascht, dass es auf eine Schließung hinausläuft. Denn wir haben schon seit Jahren keine neuen Aufträge bekommen“. Auch würden die Mitarbeiter immer wieder „eingeladen, den Arbeitsplatz zu wechseln, und es wurden Maschinen abgebaut“. Carmen Thomä sagt: „Man hat uns am ausgestreckten Arm verhungern lassen.“

Vonseiten der Geschäftsleitung sei es „ein starkes Stück“, die Schuld beim Betriebsrat zu sehen. „Wir betteln seit einem Jahr darum, dass die Leute mit uns reden, um zu sehen, wie es mit dem Werk weitergeht - ohne Erfolg.“ Die Wahrheit sei wohl eine andere: „In Deutschland kann oder will das Unternehmen nicht mehr wirtschaftlich produzieren - und wird sich wohl nach Osteuropa orientieren.“ Das Thema „Kompetenzzentrum“ sei von Unternehmensseite zwar kurz angesprochen worden, „aber war irgendwann auch nicht mehr Thema“, sagt Thomä. Bei der Mediation habe man versucht, „die Gegenseite dazu zu bringen, Aufträge bei uns zu platzieren - aber ohne Erfolg“.

Letztendlich habe das Unternehmen bestimmt eine Einigung mit dem Betriebsrat gewollt - „denn es wäre cool für sie gewesen, wenn wir den Abbau unseres Werks selbst durch Lohnreduzierung bezahlt hätten“, sagt sie zynisch. Es sei schon bezeichnend, dass die Pressemitteilung zur Schließung des Werks eine halbe Stunde vor der Informationsveranstaltung, bei der auch sie gemeinsam mit der Belegschaft informiert worden sei, versendet wurde. „Das ist ein Hammer“, sagt Thomä.

Betriebsrat will „das Beste für Kollegen herausholen“

Wie es weitergeht, das weiß Carmen Thomä noch nicht - zu frisch seien die Eindrücke. Allerdings werde man versuchen, bei Interessenausgleich und Sozialplan „das Beste für die Kollegen herauszuholen“, gibt sie sich kämpferisch. „Wir müssen den Betrieb letztendlich mit Anstand abwickeln“, sagt sie.

Der Schock sitzt auch tief bei Dautphetals Bürgermeister Bernd Schmidt (FW). Um kurz vor 14 Uhr hat er gestern von der geplanten Betriebsschließung erfahren. Er sei regelrecht „geschockt“, spricht von einem „Schlag in die Magengrube“. Die vergangenen Wochen und Monate habe es immer einen „vagen, leichten Hoffnungsschimmer“ gegeben, die Friedensdorfer Niederlassung doch noch zu retten. „Der ist jetzt dahin“, sagt Bernd Schmidt.

„Für die Belegschaft, ihre Familien und auch für die ganze Region ist das ein herber Einschnitt“, so der Rathauschef weiter. Welche Folgen konkret auf die Gemeinde und das Hinterland zukämen, sei derzeit noch nicht abzusehen. Auch was aus dem voraussichtlich ab März 2019 leerstehenden Firmenkomplex in Friedensdorf werde, sei ungewiss.

Landrätin Kirsten Fründt (SPD) und der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU) reagierten gestern bestürzt auf die Pläne. „Wir appellieren an die Verantwortlichen im Unternehmen, diese Entscheidung zu überdenken“, teilte die Kreisspitze mit. Für die Region sei diese Standortentscheidung eine fatale Weichenstellung. Es sei eine Frage der sozialen Verantwortung, die Arbeitnehmer, die über Jahre hinweg zum Erfolg des Unternehmens beigetragen haben, nicht im Stich zu lassen.

Fründt hoffe, dass das Unternehmen seine Standortentscheidung kritisch reflektiere. Dazu biete sie gemeinsam mit dem Wirtschaftsdezernenten der Geschäftsleitung direkte Gespräche an. Von politischer Seite sei auch denkbar, eine moderierende Funktion im Dialog zwischen Geschäftsleitung, Betriebsrat und Gewerkschaften zu übernehmen, um gemeinsam neue Perspektiven für eine Standortsicherung zu entwickeln. „Jetzt müssen alle Kräfte aus der Region für die Region aktiviert werden“, so Fründt.

von Andreas Schmidt und Christian Röder

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