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„Ausbilder brauchen Unterstützung“

DGB-Ausbildungsreport „Ausbilder brauchen Unterstützung“

Heimische Gewerkschafter wollen die Situation der Auszubildenden verbessern. Sie fordern ein Recht auf Weiterbildung für Ausbilder.

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Theresa Simon, DGB-Jugendbildungsreferentin Julia Flechtner und DGB-Organisationssekretär Ulf Immelt mit dem Ausbildungsreport des DGB.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Überstunden, Arbeit, die gar nicht zur Ausbildung gehört, selten anwesende Ausbilder, schlecht ausgestattete Berufsschulen: Mit solchen Problemen haben Auszubildende häufig zu kämpfen, wie der jüngste DGB-Ausbildungsreport ergeben hat ( die OP berichtete). Zwar sind laut DGB-Ausbildungsreport 71,9 Prozent der Befragten mit ihrer Ausbildung zufrieden. Doch der Anteil derer, die nach eigener Aussage regelmäßig Überstunden leisten, hat um 1,4 Punkte auf 36,2 Prozent zugenommen. 11,6 Prozent der Auszubildenden unter 18 Jahren müssen sogar mehr als 40 Stunden arbeiten, obwohl das gesetzlich verboten ist.

Die Zahlen spiegelten auch die Situation in Mittelhessen wider, beklagen DGB-Jugendbildungsreferentin Julia Flechtner und DGB-Organisationssekretär Ulf Immelt. Flechtner, die mit dem ehrenamtlichen Bildungsteam der DGB-Jugend jährlich durch mehr als 40 Berufsschulklassen tourt, hört nach eigener Aussage dort von Auszubildenden häufig Klagen, wie sie auch im bundesweiten Report stehen. Das ist auch deshalb nicht verwunderlich, weil der Ausbildungsreport auf Fragebögen basiert, die bundesweit bei der Berufsschul-Tour von Auszubildenden ausgefüllt wurden.

„Überstunden dürfen in der Ausbildung nicht nötig sein“, sagt Flechtner. „Es muss möglich sein, alle Ausbildungsinhalte in der regulären Arbeitszeit zu lernen.“ Das sieht Oskar Edelmann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg, etwas anders. „Überstunden sind rechtlich zulässig, allerdings nur, wenn sie finanziell oder mit Freizeit ausgeglichen werden“, betont er. Und: Immerhin sei die Mehrheit der Auszubildenden zufrieden. Auch für Unzufriedenheit gebe es unterschiedliche Gründe, meint Edelmann: „In manchen Branchen gibt es Arbeitszeiten, die nicht für jedermann attraktiv sind. Der Wechsel von der Schule in den betrieblichen Alltag ist generell mit Herausforderungen verbunden.“ Auszubildende müssten Spielregeln in der Zusammenarbeit mit Vorgesetzten erlernen, die einige als Belastung wahrnähmen. Im späteren Arbeitsleben profitierten sie aber davon.

Manche Azubis kennen ihren Ausbilder nicht

Wenn es Missstände oder Konflikte gebe, verfolgten die Bildungsberater der IHK jede Beschwerde und stellten mit Gesprächen, Betriebsbesuchen und Rechtsbelehrungen die Ursachen ab. „Unsere Bildungsberater können aber nur gezielt und effektiv helfen, wenn Ross und Reiter bekannt sind und sich Auszubildende oder Betriebe bei ihnen melden“, sagt Edelmann. Zudem ist bei der IHK eine paritätisch besetzte Schlichtungsstelle für Streitfälle angesiedelt. Dort hätten sich seit 2014 pro Jahr im Schnitt nur zwei Auszubildende aus dem Altkreis Marburg gemeldet. „Dies spricht aus unserer Sicht für die Ausbildungsqualität der Marburger Betriebe.“

Auch Immelt betont: „Es gibt viele Betriebe in der Region, die eine gute Ausbildung anbieten, und es gibt viele gute Auszubildende.“ Doch es gebe auch Auszubildende, die gar nicht wüssten, wer ihr Ausbilder ist. Und 10,3 Prozent der Befragten würden selten oder nie von ihrem Ausbilder betreut. „Ausbilder sind an sich oft sehr engagiert“, sagt Flechtner. „Aber sie müssen besser unterstützt werden.“

Nötig sei ein Betreuungsschlüssel von maximal acht Auszubildenden pro Ausbilder und ein Recht auf Weiterbildung für die Ausbilder. Immelt hält dies auch wegen des raschen Wandels zum Beispiel in der Metallindustrie für notwendig. „Auszubildende und Ausbilder sind mit völlig veränderten Berufsbildern konfrontiert“, sagt er. „Es ist wichtig, dass alle Beteiligten diesen Wandel mitmachen.“ Zudem müssten die Berufsschulen besser ausgestattet werden.
Immelt ärgert es, dass immer von Jugendlichen die Rede ist, die nicht ausbildungsreif seien. „Das ist zu kurz gegriffen“, findet er. „Ausbildungsreife ist auch eine Sache der Betriebe.“

Kritisch sehen Flechtner und Immelt aber auch, dass laut der Studie 42,6 Prozent der Auszubildenden im letzten Ausbildungsjahr noch nicht wissen, ob sie übernommen werden. Und selbst diejenigen, die übernommen würden, bekämen oft befristete Verträge mit Probezeit.

Das kann auch Theresa Simon bestätigen. Die Studentin der Erziehungswissenschaften, die derzeit ein Praktikum beim DGB absolviert, hat vorher eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht. „Erst eine Woche, bevor das Anerkennungsjahr geendet hat, habe ich erfahren, dass ich nicht übernommen werde. Und ich höre immer wieder von Kollegen, dass das dort gang und gäbe ist.“

Immelt berichtet, in der Metallbranche seien Auszubildende vom Arbeitgeber nicht übernommen worden – hätten dann aber als Leiharbeiter wieder für dasselbe Unternehmen gearbeitet. „Wir setzen uns für eine Übernahmegarantie ein“, sagt Flechtner. Sei die Übernahme im Ausnahmefall nicht möglich, müssten Auszubildende dies wenigstens drei Monate vor Ausbildungsende erfahren.

IHK: Bereitschaft zur Ausbildung ist hoch

Der Fachkräftemangel, über den Unternehmen häufig klagen, ist aus Immelts Sicht zum Teil hausgemacht. So bilde ein Großteil der Betriebe nicht aus. Die Lösung aus Sicht der Gewerkschafter wäre eine Ausbildungsabgabe, die Betriebe zahlen müssten, wenn sie nicht ausbilden. Kleine Unternehmen könnten durch Verbünde gemeinsam eine gute Ausbildung anbieten, sagt Immelt.

Edelmann kritisiert, die Forderungen des DGB reflektierten „den Diskussionsstand der letzten 15 Jahre“. Die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe habe nicht nachgelassen – im Gegenteil. Die IHK arbeite daran, dass Betriebe neben Schulabgängern zum Beispiel auch Ältere, Migranten und Lernbehinderte ausbilden könnten.

Am schlechtesten wurden in der Studie von den Betroffenen die Ausbildung zu den Berufen Anlagenmechaniker, Zahnmedizinische Fachangestellte, Friseure, Hotelfachmann/frau und Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk bewertet. Gerade in der Gastronomie, wo es häufig keine betriebliche Mitbestimmung gebe, müssten Auszubildende manchmal fünf oder sechs Wochenenden am Stück arbeiten, berichtet Immelt. Solche Bedingungen trügen zum Fachkräftemangel bei. Auch nach dem Ende der Ausbildung hätten junge Mitarbeiter oft ähnliche Probleme wie Auszubildende, weil sie zum Beispiel befristete Verträge hätten und sich deshalb verpflichtet fühlten, Überstunden zu machen.

Das hat auch Theresa Simon nach ihrer Ausbildung in der Jugendhilfe erlebt. „Ich durfte immer schön die Dienste am Wochenende machen. Anfangs war das für mich in Ordnung, am Ende häufte es sich. Ich habe in einem Betrieb aufgrund von Krankheitsfällen innerhalb weniger Monate 250 Überstunden aufgebaut. Das geht an die Substanz.“

von Stefan Dietrich

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