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CSL Behring weicht umstrittene Gehaltsstruktur auf

Pharma CSL Behring weicht umstrittene Gehaltsstruktur auf

Ein Paukenschlag in Marburgs größtem Unternehmen: Geschäftsführer Dr. Roland Martin verkündete am Freitag, dass er die Eingruppierungen in niedrigere Gehaltsstufen rückgängig macht.

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Marburg. Mehr als 800 von insgesamt mehr als 2300 Mitarbeitern sind von der neusten Entscheidung des Pharmaunternehmens betroffen: CSL Behring will die zum 1. Januar 2013 eingeführte Entgeltstruktur in großen Teilen wieder rückgängig machen.

Das bedeutet auch: Das Unternehmen will in den aktuellen Klageverfahren gegen die Entgeltstrulturanalyse (ESA) nicht wie angekündigt in Berufung gehen und bereits laufende Prozesse gütlich beenden. Das gab Geschäftsführer Dr. Roland Martin am Freitag in zwei Mitarbeiterversammlungen bekannt. Alle Mitarbeiter, die durch die ESA-Einführung niedriger eingestuft worden waren „und deren Position sich seitdem nicht verändert hat“, sollen wieder ihr früheres Gehalt bekommen, erklärte das Unternehmen.

Die rund 300 Mitarbeiter, die höher eingruppiert worden waren, behalten ihren Status. Im Gespräch mit der OP begründete Martin die Entscheidung: „Wir glauben, dass die juristischen Auseinandersetzungen diesen Ausmaßes nicht weiter den Umgangsstil miteinander prägen sollten.“

Betriebsrat ist zufrieden

Bisher hatten alle Arbeitnehmer, die gegen ihre niedrigere Eingruppierung vor dem Arbeitsgericht Gießen geklagt hatten, Recht bekommen. Die Betriebsratsvorsitzende Susanne Fischer sagte auf Anfrage der OP: „Wir sind nun sehr zufrieden.“ Belegschaft und Firmenspitze könnten nun gemeinsam die Zukunft gestalten.

Am Samstag sollen nun alle Mitarbeiter von CSL Behring Post von ihrem Chef erhalten. Die Kerninformation: Das Unternehmen nimmt die neuen Tarif-Eingruppierungen für Mitarbeiter zurück, die im Januar 2013 niedriger als zuvor eingestuft worden waren. Das betrifft alle, die in der gleichen Position geblieben sind, aber im Zuge der Entgeltstrukturanalyse niedriger  eingruppiert worden waren – unabhängig davon, ob sie Klage erhoben hatten oder nicht.
Die jetzige Entscheidung erfolge rückwirkend zum besagten 1. Januar 2013. Keiner soll durch den aktuellen Entschluss künftig Nachteile haben, daher soll sich für diejenigen, die seit 2013 höher gruppiert werden – das ist ein kleiner Teil der Belegschaft – nichts ändern. Die Entgeltstrukturanalyse greift nur noch für diejenigen, die seit 2013 eingestellt wurden und für künftige Mitarbeiter an den Standorten Marburg und Schwalmstadt.  „Ziel von ESA war und ist es, ein tarifkonformes, transparentes und faires Entgeltsystem für alle Mitarbeiter von CSL Behring zu schaffen“, erklärte Geschäftsführer Dr. Roland Martin. Durch das ESA-Projekt waren die meisten tariflich bezahlten Mitarbeiter in niedrigere Entgeltgruppen zurückgefallen.

Unternehmen zieht Berufung zurück

Das Unternehmen hatte allen zugesichert, die Differenz zum früheren Gehalt auszugleichen – durch freiwillige Zahlungen. Diese galt aber zum Beispiel nicht für Schichtzulagen, sodass insbesondere die Schichtarbeiter über erhebliche Nachteile klagten und viele von ihnen deshalb vor Gericht zogen – mit Erfolg. Der Rechtsstreit habe sich nun erledigt, sagte Martin. Das Unternehmen werde nicht in Berufung gehen. Der erste Termin vor dem Landesarbeitsgericht Frankfurt sollte am 12. November sein. Man wolle den Standort Marburg stärken, sagte Martin. Und dieses Ziel könne das Unternehmen nur gemeinsam mit der Belegschaft erreichen. „Die Gräben, die sich durch ESA aufgetan haben, halfen nicht, den Weg gemeinsam zu gehen“, so Martin. Er habe damals die Auswirkungen der neuen Eingruppierungen auf das Wertgefühl der Mitarbeiter nicht richtig eingeschätzt, räumte er ein. Viele Mitarbeiter hätten sich durch die neue Bewertung ihrer Stelle nicht wertgeschätzt gefühlt, bedauerte er. Ein Erfolg für das Unternehmen vor dem Landesarbeitsgericht hätte nichts an diesem Gefühl geändert, daher wolle er den Rechtsstreit nicht fortführen.

In den kommenden Wochen und Monaten werde die Firma nun die Details ausarbeiten, die sich durch die Entscheidung für eine Rückführung in die alten Entgeltgruppen ergeben. „Dazu zählt beispielsweise die Frage, wie zukünftig mit dem umfangreichen Paket an freiwilligen Leistungen wie Boni, Schichtzulagen und Jahresprämien umgegangen wird“, hieß es.
In einem Monat sollen die Boni-Zahlungen an die Mitarbeiter geleistet werden. Gerüchte innerhalb der Belegschaft, wonach die Boni-Zahlungen künftig geringer ausfallen könnten, wies Martin auf Nachfrage der OP zurück: Die freiwilligen Jahresleistungen hätten nichts mit dem Thema Tarif-Gehaltsstruktur zu tun. „Wir laden den Betriebsrat ausdrücklich ein, mit uns gemeinsam die Klärung von zahlreichen Einzelheiten anzugehen“, so Martin.
Dazu sei der Betriebsrat gern bereit, so die Vorsitzende Susanne Fischer im OP-Gespräch.  Das Zeichen, das die Geschäftsführung nun gesetzt habe, sei eines, das einem starken Unternehmen entspräche. In ersten Reaktionen zeigten sich Mitarbeiter ebenfalls erfreut über den Entschluss.

von Anna Ntemiris

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