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Bürsten aus Marburg weltweit gefragt

Unternehmen Hintz setzt auf Handarbeit Bürsten aus Marburg weltweit gefragt

Es scheint ein ausgestorbenes Handwerk zu sein: die Bürstenmacherei. Doch die Bürsten des 
Marburger Unternehmens Hintz sind so begehrt, dass die Familie über 
Expansion nachdenkt.

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Hans Wilhelm Hintz fertigt in seiner Werkstatt in Wehrda Bürsten – komplett in Handarbeit.

Quelle: Martin Höcker

Marburg. Ständer voll Bürsten auf dem Bürgersteig machen auf einen kleinen Laden in der Oberstadt aufmerksam. Im Innenraum stehen zahlreiche Regale mit weiteren Bürsten in den unterschiedlichsten Formen und Größen – das Besondere: Es gibt keinen Plastikgriff und keine Kunststoffborsten. Alles ist Natur.

Gefertigt werden die Bürsten in Wehrda. Dort hat Hans Wilhelm Hintz seine Werkstatt. Zusammen mit Sohn Florian fertigt er dort einen Großteil der Bürsten in Handarbeit. Gerade nimmt er ein Büschel Borsten aus dem Haarportionierer und zieht sie mit feinem Draht in vorgebohrte Löcher der Bürste. Das braucht viel Geschick, weil der Draht leicht bricht.

Das Handwerk der Bürstenherstellung hat der 63-Jährige von seinem Vater Arnold gelernt. Der war als Heimatvertriebener nach dem Zweiten Weltkrieg nach Marburg gekommen und fand als Ingenieur keine Arbeit. Also lernte er bei einem Bürstenmacher das Handwerk und machte sich später selbstständig. Schnell expandierte das Geschäft, Aufträge der Universität und von Schulen sicherten ein gutes Auskommen.

„Es kam nur noch auf den Preis an“

Hans Wilhelm Hintz kam schon früh mit dem Handwerk des Vaters in Berührung: „Ich half mit, Löcher in die Bürstenrohlinge zu bohren und verdiente mir so ein Taschengeld.“ Später wurde er Kraftfahrer, weil der väterliche Betrieb für zwei Personen nicht genügend Arbeit abwarf. 26 Jahre lang fuhr Hans Wilhelm Hintz Öl aus.

Tatsächlich wurde es immer schwerer, mit dem Verkauf von Bürsten Geld zu verdienen, denn immer mehr Industrieware drängte auf den Markt. Die Handarbeit der Familie Hintz war preislich nicht mehr konkurrenzfähig: „Bei Ausschreibungen war die Qualität völlig egal, es kam nur noch auf den Preis an.“

Hans Wilhelm Hintz war klar, dass er dem Geschäft einen neuen Impuls geben musste: „Ich habe das Sortiment umgestellt und nur noch das Feinste vom Feinsten hergestellt.“

Diese Strategie hatte Erfolg: 2002 entdeckte Hintz eine neue Absatzmöglichkeit für seine Qualitätsprodukte. Bei einer 750-Jahr-Feier fanden seine Bürsten so großen Anklang, dass er fortan beschloss, seine Ware auf Künstlermärkten anzubieten und dort auch zu zeigen, wie Bürsten hergestellt werden.

Märkte bieten den direkten Kontakt zum Verbraucher

„Die Leute waren fasziniert von der Qualität und der Auswahl. Ich habe immer einen lustigen Spruch parat, mit dem ich die Leute unterhalte. Über die Rückenbürste sage ich zum Beispiel: Auf die gibt es zehn Jahre Kratzgarantie, im elften Jahr juckt es dann nur noch.“

Für den Bürstenmacher haben die Märkte noch einen entscheidenden Vorteil: den direkten Kontakt zum Verbraucher. Nur so erfährt Hintz, um welche Produkte er seine Angebotspalette erweitern sollte. „Der Kunde kommt zu uns und fragt zum Beispiel, könnt ihr nicht mal eine Steckdosenbürste anfertigen? So einen Vorschlag besprechen wir dann in der Familie. Da wir ja ein kleines Unternehmen sind, können wir auf solche Wünsche auch schnell und unkompliziert reagieren.“ So entstand in eineinhalb Jahren Tüftelei die Steckdosenbürste – ein Verkaufsschlager.

Inzwischen können die Artikel auch im Internet bestellt werden, Lieferungen nach Australien oder in die USA sind keine Seltenheit. Doch der Schwerpunkt der Vermarktung liegt noch in der Region: Besonders stolz ist der Familienbetrieb auf einen Laden im Hessenpark bei Neu-Anspach. Dort können Interessierte unter Anleitung auch ihre eigene Bürste herstellen.

Die Rohmaterialien bezieht Hans Wilhelm Hintz von deutschen Zulieferern, so die Bürstenrohlinge aus Holzbetrieben im Bayerischen Wald und die Borsten etwa aus einem Braunschweiger Unternehmen. Hinzu kommen Materialien aus der ganzen Welt, wie Rosshaare aus Ungarn oder Palmfasern aus Madagaskar.

Produktion zum Teil 
nach Treysa ausgelagert

Inzwischen ist der Familienbetrieb an den Kapazitätsgrenzen angelangt und musste einen Teil der Produktion auslagern. Aber nicht ein ausländisches Unternehmen kam in Frage – nein, die Herstellung sollte 
„made in Germany“ bleiben. Man besann sich darauf, dass Bürsten früher oft in Behinderten-Werkstätten hergestellt wurden. In den Hephata-Werkstätten in Treysa produzieren nun elf Mitarbeiter zusätzlich.

Dort werden vor allem Besen hergestellt. Für die Behinderten ist diese Arbeit wertvoll: „Sie sehen ein Produkt, das nachher noch gebraucht und nicht einfach in die Ecke gestellt wird“, sagt Werkstattleiter Wilfried Schrömmer. Gleichzeitig werden die Behinderten mental unterstützt, in ihrer Konzentrationsfähigkeit sowie bei der Koordination von Augen und Händen gefördert.

„Am Ende erkennen sie auch ihre Tagesleistung und können einschätzen, was sie geschafft haben. Und dafür gibt es auch ein Entgelt, für das es sich lohnt, zur Arbeit zu gehen“, so der Bereichsleiter Werkstatt, Hans Günter Kripko.

Hans Wilhelm Hintz sieht für das Bürstenhandwerk eine Zukunft. Alle Familienmitglieder arbeiten im Betrieb mit, die Söhne Florian und Christian sowie Tochter Melanie werden das Unternehmen weiterführen. Und sie wollen expandieren.

Dafür gibt es schon eine Idee. Vor einigen Jahren verbrachte die Familie ihren Sommerurlaub in Schweden – und fand nur Plastikbürsten. Daher entschloss sich Hintz, einen Kunsthandwerkermarkt zu veranstalten – diesen Sommer. „Wenn alles gut läuft, kann ich mir durchaus vorstellen, in Stockholm einen Laden zu eröffnen.“

Tochter Melanie denkt schon über einen Wohnsitz dort nach. Also gut möglich, dass bald auch in schwedischen Haushalten die Bürsten der Firma Hintz vermehrt zum Einsatz kommen.

von Martin Höcker

Das Geschäft läuft so gut, dass das Unternehmen in den Hephata-Werkstätten in Treysa Besen herstellen lässt. Foto: Andreas Michael Geiss
 
 
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