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Bündnis kämpft für mehr Personal

„Gemeinsam für unser Klinikum“ Bündnis kämpft für mehr Personal

Längere Zeit war es vordergründig ruhig um das Aktionsbündnis „Gemeinsam für unser Klinikum“. Nun meldet es sich zurück – und kämpft für gute Versorgung und mehr 
Personal am UKGM.

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Am Morgen hatte das Aktionsbündnis „Gemeinsam für unser Klinikum“ am UKGM Unterschriften für mehr Personal gesammelt. Die Ziele stellten Bettina Böttcher (von links), Jan Schalauske, Fabian Rehm, Jürgen Hahn-Schröder, Monika Biebusch und Ulf Immelt am Montag vor.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Rund 55.000 Unterschriften hatte das Aktionsbündnis seinerzeit gesammelt, um damit gegen einen drohenden Stellenabbau am Universitätsklinikum zu protestieren. Zudem war und ist es weiterhin eine Kernforderung, dass das UKGM wieder zurück in die öffentliche Hand geht.

„Nachdem es jetzt eine kleinere Ruhepause gab, haben wir uns wieder zusammengefunden, um die Forderung nach einem Tarifvertrag ,Entlastung und Gesundheitsschutz‘ am Klinikum zu unterstützen“, betonte Jan Schalauske, gemeinsam mit Monika Biebusch als Sprecher des Bündnisses.

Man sei sich einig: Die Arbeit im Krankenhaus dürfe nicht krank machen – das größte Problem sei der Personalmangel. Durch ihn sei letztendlich eine gute Gesundheitsvorsorge gefährdet, im schlimmsten Fall sei sogar die Gesundheit der Patienten in Gefahr.

Rehm: In Mittelhessen fehlen 2000 Stellen

„Wir wollen den Personalmangel im Krankenhaus überwinden – und dafür sind die Kämpfe für einen Tarifvertrag zum Gesundheitsschutz eine Möglichkeit“, verdeutlicht Schalauske. Vor den nächsten Tarifgesprächen, die am 22. März stattfinden, bezieht das Bündnis also deutlich Position. „Mit dem Aufruf wollen wir zeigen, dass die Forderung nach Personal eine breite Unterstützung in der Bevölkerung genießt“, so der Sprecher. Daher werde das Bündnis diesmal keine Unterschriften sammeln, „wir setzen darauf, dass der Aufruf möglichst weit verbreitet wird“, erläutert Schalauske.

Wie notwendig mehr Personal im Krankenhaus – und zwar nicht nur am UKGM – ist, verdeutlicht Fabian Rehm vom Fachbereich Gesundheit bei Verdi: „In den mittelhessischen Krankenhäusern fehlen mehr als 2000 Stellen“, sagt er, das hätten Berechnungen ergeben. Für das UKGM mache dies an beiden Standorten also rund 1000 Stellen aus. „Wir glauben fest, dass es möglich ist, Entlastung im Krankenhaus zu schaffen – und zwar durch mehr Personal.“ Dafür sei es unabdingbar, dass es Standards gebe, „wie viel Personal auf welcher Station oder in welchem Bereich arbeiten muss – aktuell gibt es keinerlei Standards“, so Rehm.

Gesundheitstarifvertrag muss keine Utopie bleiben

Dies sei in anderen Ländern durchaus anders, was dazu führe, dass beispielsweise in den USA eine Pflegekraft für 5,3 Patienten zuständig sei, „in Deutschland sind es im Schnitt 13 Patienten“. Die Folge: Unterbesetzungen auf Stationen, „die dazu führen, dass Kollegen angerufen werden, die frei haben, ob sie einspringen können – was wiederum zu mehr Belastung führt“, konkretisiert der Gewerkschaftssekretär. In der Konsequenz würden permanent Überstunden aufgebaut – am UKGM seien es derzeit mehr als 100.000.

Dass ein Tarifvertrag zum Gesundheitsschutz keine Utopie ist, beweisen drei Beispiele: So wurde im vergangenen Jahr nach langem Arbeitskampf an der Berliner Charité ein solcher Vertrag abgeschlossen. „Vergangenes Jahr wurde ein Pflegeförderprogramm auf den Weg gebracht, das im Bundesgesundheitsministerium angesiedelt ist“, so Rehm. Nun habe es eine Empfehlung der Expertenkommission nach „Untergrenzen“ in der Intensivpflege und im Nachtdienst gegeben. „Das ist bereits ein sehr großer Erfolg“, sagt der Gewerkschaftssekretär. Zudem wolle das Saarland nun – nach Warnstreiks – einen Personalmindeststandard im Krankenhausplan festschreiben.

Ulf Immelt vom DGB Mittelhessen stellt klar: „Von zu wenig Personal kann jeder betroffen sein, sobald er ins Krankenhaus kommt.“ Doch es gebe einen Punkt, der genauso wichtig sei: „Wenn wir als Gewerkschaft mit entscheiden können, wie Personalbemessung aussieht, dann ist das auch eine Frage von Mitbestimmung – also ein Schritt mehr in der Frage von Demokratisierung der Wirtschaft.“ Zudem sei es eine gesellschaftliche Frage, „inwieweit eine gute Gesundheitsversorgung sowohl für die Patienten als auch die Beschäftigten möglich ist“.

Böttcher: Wollen nicht länger Krankenfabrik sein

Jürgen Hahn-Schröder von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hatte seinerzeit eine Petition eingereicht, „um den Landtag an seine Aufgabe zu erinnern, sich auf die Verfassung zu besinnen und die öffentliche Krankenversorgung in Landeshand zu halten – das ist aber leider im Ausschuss versandet“, sagt er. „Jetzt schauen wir nach vorne und sagen, dass die Gesundheitsvorsorge und -fürsorge im Vordergrund stehen und dass es nicht angeht, dass Zielsetzungen verschoben werden – zugunsten von betriebswirtschaftlichen Interessen, die auf dem Rücken der gesamten Bevölkerung ausgetragen werden.“

Für Bettina Böttcher, Betriebsratsvorsitzende am UKGM, ist klar: „Wir wollen nicht länger eine Krankenfabrik sein, in der Beschäftigte nur als Kostenfaktor berechnet werden.“ Immer wieder habe man für mehr Personal, verlässliche Dienstpläne und weniger Überstunden gekämpft. „Menschen, die ihren Einsatz für andere Menschen bringen, wollen nicht selbst zum Pflegefall werden“, sagt sie – und betont, dass nicht nur in der Pflege zu wenig Personal vorhanden sei, „sondern auch in der Technik, beim Reinigungspersonal und in der Verwaltung – eben in allen Bereichen“. Die Politik müsse es endlich schaffen, „dass ein Personalmindeststandard qualitativ und quantitativ eingeführt wird – dafür machen wir uns stark“.

von Andreas Schmidt

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