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„Brauchen einen langen Atem“

Aus dem Arbeitsgericht „Brauchen einen langen Atem“

Muss die Absolventin 
eines dualen Studiums 
ihrem Arbeitgeber Studiengebühren zurückerstatten, wenn sie vorzeitig kündigt? Ein Urteil gab es nicht, weil die Parteien 
einem Vergleich zustimmten.

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Eine Duale Studentin muss einen Teil der Studiengebühren zurückzahlen, weil sie vorab kündigte.

Quelle: I-vista, knipseline / pixelio.de

Marburg. Die heute 36-Jährige hatte jahrelang als Physiotherapeutin gearbeitet. Dann wollte sie sich umorientieren und begann im Juli 2012 einen Job bei einem Marburger Gesundheitszentrum – und zwar als duales Studium. Das Ziel: Innerhalb von sechs Semestern wollte sie den Abschluss als Bachelor Mittelstandsmanagement schaffen.

Der Vertrag lief also über drei Jahre. Während dieser Zeit erhielt die Beklagte 900 Euro monatlich – konnte damit ihr Studium bestreiten und arbeitete­ während der Praxisphasen im Betrieb. Nach erfolgreichem Studienabschluss begann die Frau, in dem Unternehmen zu arbeiten. Sie erhielt einen Vertrag über drei Jahre. Der Arbeitsvertrag enthielt eine Klausel, dass sich die Beklagte verpflichtet, die Studienbeiträge anteilig zurückzuzahlen, wenn sie vor Ablauf von drei Jahren kündigt.

Und genau das geschah: Nach 13 Monaten als „Junior Healthcare Managerin“ reichte die Frau die Kündigung ein – das Unternehmen forderte anteilig 6000 Euro von ihr zurück. Doch diese wollte die Beklagte nicht zahlen: Denn das Unternehmen habe ihr nach dem Studium weder eine angemessene Stelle angeboten, noch sei sie entsprechend entlohnt worden.

Demnach habe sich die ­Beklagte lediglich mit der Organisation des sogenannten „Gesundheits-Checks“ sowie der Kontrolle und dem Versand von Befunden und Statistiken beschäftigt. Hinzu seien Abrechnungen und die Arbeit im Empfangsbereich als Hauptaufgaben gekommen.

Krankenkassen müssen von Konzept überzeugt werden

„Außerdem kam die Entwicklung eines Konzepts für die integrierte Versorgung zur Osteoporose-Prävention hinzu – das war aber nur ein kleiner Teil, da das Projekt nicht zustande kam“, erläuterte Arbeitsrichterin Sylvia Blöhß.

Der Geschäftsführer des Unternehmens verdeutlichte, dass man sich bewusst für die Beklagte entschieden habe, weil sie langjährige Erfahrung im Gesundheitsbereich habe. Wenn man Konzepte zur integrierten Gesundheitsvorsorge entwickele, „braucht man jedoch einen langen Atem“, bis ein Konzept von den Krankenkassen abgenickt sei.

„Wenn der Gesetzgeber neue Gesetze erlässt, wollten wir explizit eine BWL-Studentin in unserem Betrieb haben, die wir dann sofort gezielt auf ein Projekt setzen können“, erläuterte er. So habe man die Beklagte beispielsweise mit einer halben Stelle auf das Osteoporose-Projekt gesetzt, das man gemeinsam mit dem Landkreis umsetzen wollte.

„Wären die Fördergelder gekommen, wäre sie dort sofort hineingekommen – das war kein kleines Projekt“, sagte er. Ziel sei es gewesen, für weitere Projekte – etwa zu Diabetes, übergewichtigen Kindern oder Inkontinenz – Konzepte zu entwickeln. „Die müssen dann den Kostenträgern vorgestellt werden, um diese zu überzeugen, dass sie besser sind, als die ­Regelversorgung“, erläuterte­ der Geschäftsführer. Dann sei ein Projekt finanziert und könne beginnen.

Dies sei der ehemaligen Angestellten von Beginn an klar gewesen – „man kann jetzt nicht hergehen und sagen, sie wusste nie, was im Unternehmen gemacht werden sollte“, sagte er. „Wir haben extra die Stelle für sie geschaffen, um die Innovationskraft im ­Unternehmen zu haben.“

Beklagte fühlte sich hoffnungslos unterfordert

Die beschriebene Arbeit am Empfang sei extrem wichtig gewesen, „denn sie hat Manager und Führungskräfte zum Gesundheits-Check empfangen – auch diesen Check hätte sie weiterentwickeln und weitere Unternehmen dafür gewinnen sollen“, so der Geschäftsführer.

„Klar war das alles angedacht – aber es ist nur ein ,hätte‘ und ,könnte‘ und hat nie stattgefunden“, sagte die Beklagte. Sie habe in einigen Gesprächen darauf hingewiesen, dass sie unterfordert sei und Arbeit brauche.

„Wenn ich mich mal woanders bewerben will und habe zwei Jahre, in denen ich nichts gemacht habe, kommt das in einer Bewerbung auch nicht gut – das war für mich der Grund, dass ich gesagt habe, ich kann das nicht mehr“, erläuterte sie. Sie habe sich aktiv um Arbeit im Unternehmen bemüht, habe sogar Telefondienst übernommen – doch letztendlich habe sie sich hoffnungslos unterfordert gefühlt.

Ein Urteil bezüglich der Kündigungsmodalitäten bei einem dualen Studium gab es nicht – auch, wenn sich Rechtsanwalt Jürgen Schreiber dies aufgrund der Fülle von mittlerweile laufenden Prozessen gewünscht hätte. Stattdessen schlossen die Parteien nach mehreren Unter­brechungen zur Beratung ­einen Vergleich: Die Beklagte­ zahlt 3000 Euro bis zum 1. März kommenden Jahres an das ­Unternehmen zurück.

von Andreas Schmidt

 
 
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