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Böckler gibt den „Staffelstab“ weiter

Firmenübergabe Böckler gibt den „Staffelstab“ weiter

Auf dem Marburger Tannenberg geht eine Ära zu Ende: Nach mehr als 60 Jahren im Familienbesitz geht die Bauschlosserei Böckler an Alexander Alberg - der jetzige Meister wird zum Chef.

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Angelika (von links) und Burkhard Böckler übergeben die Bauschlosserei Böckler zum 1. November an Alexander und Charlotte Alberg.

Quelle: Privatfoto

Marburg. „Ich bin vier Jahrzehnte lang selbstständig gewesen und habe 50 Jahre lang gearbeitet - dann schuldet man es seinen Mitarbeitern, dass man sich Gedanken darüber macht, wie es weitergeht“, sagt Firmen-Inhaber Burkhard Böckler. Der 66-Jährige hat das Unternehmen 1976 von seinem Vater Justus übernommen.

Böckler zieht an seiner Pfeife - Markenzeichen und Begleiter des langjährigen Obermeisters der Marburger Metall-Innung - und erinnert sich an die Anfänge des Unternehmens: 28 Quadratmeter groß war das Ladengeschäft seines Vaters 1950 in der Hofstatt. „Die Firma ist also nächstes Jahr auch im Rentenalter“, sagt Böckler. Und relativiert: „Aber eine Firma, die bereits 65 Jahre auf dem Markt besteht, die hat sich bewährt und hat einen guten Namen.“

1994 zog das Unternehmen auf den Tannenberg

1955 zog Justus Böckler in eigene Geschäftsräume in der Wilhelmstraße. Dort wuchs das Unternehmen langsam, aber stetig, es wurde kontinuierlich an- und ausgebaut.

„Aber irgendwann ging es dort nicht mehr“, erklärt Böckler. Denn in dem dicht bebauten Gebiet kam es zusehends zu Problemen mit den Nachbarn - es war schlicht zu laut. „Wir hatten im Gewerbegebiet Cappel schon ein Baugrundstück gekauft. Aber dann ergab es sich, dass die Bundeswehr den Tannenberg aufgab“, erinnert sich Böckler. An einer bestehenden Halle musste lediglich ein Bürogebäude angebaut werden - so entstand 1994 der heutige Standort der Bauschlosserei Böckler.

Doch warum kommt jetzt die Übergabe? „Man muss diese Dinge regeln, solange man noch fit ist, und nicht warten, bis man durch gesundheitliche Gründe zum Handeln gezwungen wird“, sagt Böckler. Und fügt hinzu: „Ich habe mich in der Verantwortung gesehen, mir Gedanken zu machen, wie es weitergeht - und zwar, solange es mir noch gut geht.“ Sein Betrieb habe zwölf Mitarbeiter, „die teilweise schon seit 40 Jahren für mich arbeiten. Da sehe ich mich in der Verantwortung“, so Böckler. Die Alternative sei, einfach irgendwann zuzuschließen - „das kam nicht infrage, denn dann stünden alle auf der Straße“. Also suchte Böckler das Gespräch mit seinem Meister Alexander Alberg, der bereits seit 16 Jahren im Unternehmen arbeitet. „Zu meiner Freude hat er nach reiflichem Überlegen ja gesagt.“

Der „echte Ruhestand“ lässt noch auf sich warten

Böcklers Kinder - zwei an der Zahl - hätten sich für einen anderen Lebensweg entschieden. „Ich bin der Meinung, dass man seine Kinder zu einer positiven Lebenseinstellung und zur Leistungsbereitschaft erziehen sollte“, sagt Böckler. „Die Zeiten, in denen man den Kindern seinen Willen aufzwingt, sind zum Glück vorbei.“

Denn für den 66-Jährigen steht fest: „Die Leitung des Betriebs muss man wollen. Wenn man jemanden überreden muss, hat das keinen Wert. Jeder hat das Recht, seinen eigenen Weg zu gehen - und den gehen unsere Kinder sehr gut.“

Zum Firmenübergang sagt Burkhard Böckler: „Das ist ja nicht nur die Entscheidung eines Einzelnen. Ich hätte es nicht geschafft ohne die Frau an meiner Seite. Ein Handwerksbetrieb ohne eine Partnerin, die dahintersteht - das können Sie vergessen.“

Die „Frau an der Seite“ ist Angelika Böckler. Die 64-Jährige arbeitet ebenfalls seit Jahrzehnten in dem Metallbaubetrieb.

Ruhestand ist für Böckler nicht direkt angesagt: „Wir fangen jetzt mit langen Wochenenden an“, sagt Burkhard Böckler - montags und freitags werden er und seine Frau nicht mehr im Betrieb sein. Und an den übrigen Tagen werde er seinem Nachfolger mit Rat und Tat zur Seite stehen. Auch sonst wird ihm wohl nicht langweilig werden: Böckler ist noch stellvertretender Obermeister, außerdem stellvertretender Landesinnungsmeister und Sprecher des Tarifausschusses im Fachverband Metall. „Diese Ehrenämter werde ich aber auch im Lauf des kommenden Jahres ausklingen lassen“, so Böckler.

Als nächstes Projekt steht im kommenden Jahr der Umbau des Hauses in der Wilhelmstraße an, „der wird mich fordern“, ist sich Böckler sicher. Außerdem möchte er ein Seniorenstudium absolvieren - „mich würde Geschichte interessieren, da gibt es viele Dinge, die ich noch nicht weiß“.

Statt Fliegerei gibt‘s Ausfahrten mit dem Cabrio

Die Fliegerei hat Böckler bereits vor einigen Jahren aufgegeben, „aber meine Frau und ich haben uns ein Cabrio gekauft. Wenn das Wetter schön ist, genießen wir es einfach, über Nebenstraßen das herrliche hessische Mittelgebirge zu erkunden.“ Und außerdem gebe es in seinem Bücherregal „noch eine ganz lange Reihe, die ich unbedingt noch lesen will“. Auch Reisen könne sich das Ehepaar vorstellen.

„Reisen sind für mich erst mal gestrichen“, sagt hingegen Böcklers Nachfolger Alexander Alberg.

Der 33-Jährige erinnert sich noch an das Erste, das ihm durch den Kopf gegangen sei, als Böckler ihn fragte: „Oh, der Chef will aufhören - und dann war ich überrascht, weil die Firma sein Lebenswerk ist.“ Aber er habe auch die Chance gesehen, sich selbstständig zu machen und Verantwortung für die Kollegen zu übernehmen. Auch seine Frau Charlotte wird in die Firma einsteigen. „Es wird aufregend, es beginnt ein neuer Lebensabschnitt“, sagt Alberg - und darauf freue er sich.

von Andreas Schmidt

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