Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 4 ° Sprühregen

Navigation:
„Bin durch Verzicht groß geworden“

DVAG „Bin durch Verzicht groß geworden“

Marburg. Mit Zahlen zu einzelnen Investitionen und Spenden in Marburg ist die Deutsche Vermögensberatung äußerst zurückhaltend. Bekannt ist, dass allein das im Herbst 2011 eröffnete Kongresszentrum als Herzstück im Nordviertel 50 Millionen Euro gekostet hat. In einem Monat stellt Konzern-Chef Pohl die Bilanz 2012 vor und äußert sich im OP-Interview bereits äußerst zufrieden mit den Zahlen.

Voriger Artikel
Uniklinik-Rückkehrerin will Job in Marburg
Nächster Artikel
Pohl: „Ich beflügele die Stadt“

Im Marburger Nordviertel hat die Unternehmerfamilie Pohl in den vergangenen zwölf Jahren Millionensummen in diese Bauten und Gewerbe investiert. Foto: Thorsten Richter

Marburg. Im Interview mit der Oberhessischen Presse verweist Dr. Reinfried Pohl, der Inhaber und Gründer der Deutschen Vermögensberatung, darauf, dass er der Stadt Marburg seit 1996 nicht nur durch 100 Millionen Euro an Gewerbesteuer Auftrieb und Wirtschaftskraft verliehen habe. Auch durch seine Investitionen in Infrastruktur und Gewerbe sowie in seiner Rolle als Stifter habe er sehr viel bewirkt (siehe Hintergrund).

Marburg habe auf diese Weise auch direkten Anteil am Erfolg seines Unternehmens. Im April, kurz vor seinem 85. Geburtstag, wird Pohl die Konzern-Bilanz für das Jahr 2012 bekannt geben, sobald die Zahlen durch den Aufsichtsrat gegangen sind. Im OP-Gespräch verrät Pohl bereits: „Wir sind sehr zufrieden, heutzutage ist es ja eine Leistung wenn man das Vorjahresergebnis behält. Wir haben ein außerordentliches Ergebnis. “

Worin sieht der Familienunternehmer die Basis seines Erfolgs? „Ich bin durch den Verzicht groß geworden“, sagt Pohl. Er habe auf den Gang an die Börse verzichtet, auf den Gang an den Kapitalmarkt, auf Unternehmensgründungen im Ausland. „Wäre ich an die Börse gegangen, hätte es die Gefahr gegeben, dass das irgendwann einem ausländischen Unternehmen gehört“, erklärt Pohl. „So bin ich jetzt unangreifbar“, sagt der 84-Jährige und schickt zwei Zahlen hinterher: „Sechs Millionen Kunden hat die DVAG. Norwegen hat 5,6 Millionen Einwohner.“ Von Zahlen versteht der promovierte Jurist viel, das Geschäft mit dem Verkauf von Versicherungen habe er schon als junger Mensch beherrscht.

Der Erfolg wuchs, seine Strategie blieb: Die DVAG soll ein Familienunternehmen sein. Damit dies auch in Zukunft so bleibt, dass eines Tages seine beiden Söhne das Unternehmen ohne ihn fortführen, darf sich nach Meinung des Unternehmers die Politik nicht allzu sehr in die Wirtschaft einmischen. Weitere Steuern und Reglementierungen, ob von Brüssel oder Berlin aus, könnten den Erfolg des Unternehmens und damit tausender von Arbeitsplätzen gefährden, meint er.

„Eine Einführung der Vermögenssteuer würde für mich eine enorme Bremse bedeuten. Die Erhöhung der Erbschaftssteuer könnte dazu führen, dass ich kapitulieren muss. Damit meine ich: Meine Familie und ich müssten die Mehrheit meines Unternehmens abgeben, um die Erbschaftssteuer aufzubringen. Dann wäre die DVAG aber kein Familienunternehmen mehr. Ich bin ein wohlhabender Mann, aber mein Vermögen steckt im Unternehmen.“

Und wie schützt er sich davor? „Durch Sparen! Umso schwerer fällt es auch im Familienkreis, meine Spendenbereitschaft zu rechtfertigen“, sagt Pohl.

Mit Blick auf das bevorstehende Super-Wahljahr stehe für ihn zumindest fest, dass er keine Partei fördern wird, die für die Erhöhung der Erbschaftssteuer eintritt. Die Frage, welche Parteien er denn konkret unterstützen will, lässt der liberal-konservative Geschäftsmann offen. Und gibt sich auch wortkarg, ob und in welcher Form er vor der letzten Kommunalwahl und Marburger Oberbürgermeisterwahl Parteien und Kandidaten finanziell unterstützt hat. „Ich spende ja grundsätzlich an die Zentrale, an den Bundes- oder Landesverband. Die Spenden ab 10000 Euro werden veröffentlicht.

Honorarberatung als Todesstoß für die Branche

Auf die Nachfrage der OP, ob er die Marburger Parteien nicht unterstützt hat, gibt er keine Auskunft: „Ich wiederhole mich: Es gibt ein Parteienfinanzierungsgesetz, ab 10000 Euro wird veröffentlicht.“

Auf Ebene der großen politischen Bühne fürchtet Reinfried Pohl, dass die EU der Finanz- und Vermögensberatung immer mehr Verordnungen und Regeln auferlegt, dass seine Vermögensberater „zu Professoren ausgebildet werden müssen.“

Dabei mache ein Vermögensberater nichts anderes, als lebensnotwendige Dinge zu verkaufen. Kein Auto darf ohne Versicherungsschutz fahren, ohne Versicherungen geht es nun mal nicht.

 „Und wenn jetzt eine neue Bundesregierung zustimmt, dass Brüssel mehr Einfluss bekommt und eine Honorarberatung eingeführt wird, wäre das tödlich – nicht nur für mich, sondern für die ganze Wirtschaft. Bevor Sie sich beraten lassen, müsste man über Beratungskosten verhandeln.“ In Großbritannien sei dies bereits der Fall. Die Folge: Viele Verbraucher würden bloß aufgrund der Beratungsgebühren auf den Abschluss einer Versicherung verzichten.

Verbraucherschützer verfolgen die Branche mit Skepsis, es werde Bedarf geweckt, wo keiner ist, dadurch überflüssige Versicherungen abgeschlossen, so einer der Vorwürfe. Das kann Pohl nicht nachvollziehen. „Was wird alles in den Läden gekauft, was gar nicht gebraucht wird? Wir handeln mit einer unsichtbaren Ware und manche Verbraucherschützer sind für die Kunden die größten Problemverursacher. Es gibt wenige speziellen Verbraucherschützer für Versicherungen. Sie fordern immer wieder neue Kontrollen, obwohl sie dafür gar nicht ausgebildet sind.“

Ungeachtet dessen herrschten bei jedem Verbraucher unterschiedliche Verhältnisse. Eine „Tragödie“ sei, dass zu viele Versicherungen gekündigt werden, „weil man glaubt, die braucht man nicht mehr.“

Ein Vorwurf, mit dem sich Pohl ebenfalls seit Jahrzehnten konfrontiert sieht: die Gebühren für die Versicherungen und den Strukturvertrieb der DVAG zehrten höhere Renditen für die Sparer auf. Und: Das Schneeball-System verlange nach Abschlüssen mitunter ohne Rücksicht auf den individuellen Bedarf.

Im Interview mit der OP gibt sich Pohl verwundert über die negative Deutung des Begriffs Strukturvertrieb: „Strukturen kann man nicht vermeiden, in jedem Wirtschaftszweig gibt es das. Und die Gebühr ist bei jedem Anbieter enthalten. Bei uns ist es so, dass der oben Stehende für alles haftet, was die Anderen unter ihm tun. Er betreut sie, bildet sie aus. Es wird immer nur so getan, als ob er kassiert. Der oben Stehende verdient mehr, wenn die von ihm Betreuten erfolgreich sind.“

Das Interview mit Reinfried Pohl im Wortlaut lesen Sie in unserer Ausgabe am Samstag.

von Christoph Linne und Anna Ntemiris

HINTERGRUND

Unter dem Dach der DVAG sowie in Tochtergesellschaften entfaltet die Unternehmerfamilie Pohl zahlreiche Aktivitäten in Marburg  – als Gewerbetreibende, Stifter und Sponsoren. Diese Übersicht zeigt die wichtigsten Investitionen und Spenden seit 2001:
 

Gewerbe
Hotel Rosenpark (Fünf Sterne Superior-Kategorie, Restaurants „Rosenkavalier“ und „Zirbelstube“, „Café
Rosenpark“)
Sitz der DVAG Holding
Zentrum für Vermögensberatung  (Kongress-Zentrum mit Haus der Gründer, Café)
Aroma Bistro & Eisbar
Marburger Esszimmer
VITA essentials
Fachhochschule der Deutschen Wirtschaft Marburg
(Waldecker Hof)
Bückingsgarten (Biergarten und Schlossrestaurant)
Hofgut Dagobertshausen (mit Waldschlösschen, Kulturscheune, Kleine Kulturscheune, Schlafgut).

Bauten für die Stadt und Universität Marburg
Anneliese Pohl-Allee
Rosenpark-Brücke
Parkhaus Bahnhofstraße
Zentrum für medizinische Lehre (Lahnberge)
Anneliese Pohl-Kindertagesstätte (Lahnberge)

Förderung der Stadt
4-Millionen-Euro-Spenden an die Stadt mit dem Zweck: Bau eines Schrägaufzugs zum Schloss
Spenden an die Stadt und Stadtteile

Förderung der Schulen
Altenpflegeschule Marburg
Brüder-Grimm-Schule
Emil-von-Behring-Schule
Erich-Kästner-Schule, u.a. Klassenfahrt
Landschulheim Steinmühle, (unter anderem Laptops, Außensportanlage)

Stiftungen
Anneliese Pohl-Stiftung (Psychosoziale Krebsberatung Marburg, Anneliese Pohl-Krebszentrum, Da Vinci
Krebsforschungspreis)
Dr. Reinfried Pohl-Stiftung (Zentrum für Medizinische Lehre, Stiftungsprofessuren und Forschungsprojekte)

Förderung der Philipps- Universität Marburg
Erneuerung der Bestuhlung in der alten Aula, Restaurierung der Orgel in der alten Aula, Spenden an Fachbereiche
Rechtswissenschaften (Kostenübernahme des Hörsaals im Landgrafenhaus, jährliche Ausstattung der Bibliothek, 500 Laptops an die Forschungsstelle Rechtsinformatik, Forschungsstelle für Finanzdienstleistungsrecht, Partner-Uni Hermannstadt)

Vereine & Gemeinden
Spenden an 37 verschiedene Vereine und Einrichtungen im Kreis (Sport, Musik, Kultur, Kirche,  Wohlfahrt, Selbst- und Entwicklungshilfe).

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
DVAG
Dr. Reinfried Pohl über seine Rolle und die Investitionen in Marburg: „Ich würde viel mehr machen, wenn ich die öffentliche Debatte darum nicht fürchten müsste.“ Foto: Tobias Hirsch

Verwundbar, verletzlich, verärgert. So emotional und offen hat einer der reichsten und einflussreichsten Deutschen noch nie darüber gesprochen, wie sehr ihn die Debatte über die Spende von vier Millionen Euro an seine Heimatstadt gekränkt hat.

  • Kommentare
Kostenpflichtiger Inhalt mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr