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„Bild“-Boykott führt zu Lieferstopp

Kiosk ohne Zeitungen „Bild“-Boykott führt zu Lieferstopp

Der Marburger Kiosk „Fireflight Späti“ will keine „Bild“-Zeitung mehr verkaufen. Doch nun bekommt er gar keine Zeitungen mehr geliefert – um Zensur zu verhindern.

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Richard Schmidtke (von links), Carolin Rübel und Patrick Überall stehen hinter dem Tresen im „Fireflight Späti“, im Vordergrund das leere Zeitungsregal, das nun für Flyer und Postkarten verwendet wird.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Der „Fireflight Späti“ versorgt in der Biegenstraße seine Kundschaft bis spät in die Nacht mit Getränken, Süßwaren, Knabbereien und vielem mehr – aber nicht mehr mit Zeitungen. Denn seit rund vier Wochen wird der Spätverkauf von der „Presse-Vertriebs-Gesellschaft“ (PVG), dem für Marburg zuständigen Grossisten, nicht mehr beliefert.

Der Grund: Ende März haben sich Richard Schmidtke und sein Team dazu entschlossen, die „Bild“-Zeitung nicht mehr zu verkaufen. „Wir hätten nicht gedacht, dass dies zu so hohen Wellen führt“, sagt Schmidtke. Die Entscheidung sei im Zusammenhang mit der reißerischen Berichterstattung über den Absturz der Germanwings-Maschine gefallen.

Damit habe man sich nicht identifizieren können und ein Zeichen setzen wollen. „Und das nicht nur im Stillen“, wie Schmidtke erklärt, „sondern ganz öffentlich – wir wollten zeigen, dass wir Eier haben.“

Also veröffentlichten die „Spätis“ auf ihrer Facebook-Seite einen Hinweis, hängten auch ein entsprechendes Schild mit dem Titel „Dieses Geschäft ist Bild-frei“ ins Schaufenster. Und auch auf die Internetseite „Bildfrei“ wurde der Laden aufgenommen – gemeinsam mit bundesweit 14 Einzelhändlern, die das Boulevard-Blatt nicht mehr verkaufen möchten.

Bürger sollen Auswahl aus breitem Sortiment haben

Doch dieser Boykott hatte größere Folgen. Denn mit der Entscheidung verstößt der Kiosk gegen geltendes Recht – nämlich gegen das Gebot der Pressevielfalt und das Zensurverbot. Und das hat zur Folge, dass der „Fireflight Späti“ nun überhaupt nicht mehr mit Zeitungen beliefert wird.

Der Bundesverband Presse-Grosso führt dazu aus, im Handel mit Zeitungen und Zeitschriften disponiere nicht der Einzelhändler, sondern der neutrale Pressegroßhändler das Sortiment. Dadurch solle gewährleistet werden, dass alle Titel in das Angebot gelangen könnten und nicht nur umsatzstarke Blätter. Der Pressegroßhandel sorge dafür, dass die Bürger freie Auswahl aus einem breiten Pressesortiment erhielten. Er stelle das Sortiment je nach Region „verkaufstäglich individuell neu“ zusammen.

Wenn ein Einzelhändler die Belieferung mit bestimmten Presseprodukten verweigere, sei dies „vertragsrechtlich und medienpolitisch problematisch“. Der Erhalt gleicher Verkaufschancen für das gesamte Pressesortiment sei in diesem Zusammenhang höher zu bewerten als die einzelnen Interessen des Händlers und der übrigen Presseverlage, die nicht vom Boykott betroffen seien.

Schmidtkes Partnerin Carolin Rübel stellt klar: „Uns geht es nicht darum, eine Zensur auszuüben oder die Pressefreiheit einzuschränken. Wir sind ja keine Feinde der Demokratie. Aber wir sehen die Berichterstattung der ,Bild‘ als sehr, sehr kritisch an.“ Die „diffamierende und beleidigende Berichterstattung“ habe man nicht unterstützen wollen.

„Stiller Boykott“ wäre einfachere Lösung gewesen

Nur wenige Tage nach dem Entschluss sei jedoch ein Außendienstler der PVG vorbeigekommen und habe kontrolliert, ob die „Bild“-Zeitung wirklich nicht mehr im Verkauf sei – schlussendlich habe man den Vertrag mit der PVG gekündigt.
„Wir wollten uns nicht kontrollieren lassen“, sagt Rübel.

Es wäre natürlich leichter gewesen, das Blatt im Stillen zu boykottieren und einfach nicht zu verkaufen. Aber das sei nicht die Intention. „Es geht also nur, das gesamte Paket zu nehmen und zu verkaufen – oder nichts“, fasst Schmidtke zusammen. Auch die „Bild“ einfach unter dem Tresen zu verstecken, funktioniere nicht – „die Zeitungen müssen sichtbar ausgelegt werden“.

Also wird es auch weiterhin keine Zeitungen im „Fireflight Späti“ geben, denn klein beigeben ist Schmidtkes Sache nicht. Und dafür erhält das „Fireflight“-Team auch viel Unterstützung, vor allem vonseiten der Studierenden.

Der Geschäftsbetrieb des Ladens ist durch den Wegfall des Zeitungsverkaufs nicht gefährdet, denn so hoch sei der Umsatz nicht gewesen, sagt Schmidtke. Dabei habe es in Marburg schon Gerüchte gegeben, der Spätverkauf müsse schließen, das sei jedoch „völliger Quatsch“. Und Carolin Rübel fügt hinzu: „Durch die Berichterstattung haben wir sogar mehr Kundschaft gewonnen.“ Einen Dankesbrief an die „Bild“-Zeitung wolle man deshalb aber noch lange nicht schreiben.

von Andreas Schmidt

 
Pressefreiheit im Grundgesetz

In Paragraph 5 des Grundgesetzes heißt es: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

Mit dieser Etablierung der Pressefreiheit sollen die Gleichschaltung der Presse und die Unterdrückung unbequemer Meinungen ausgeschlossen werden. Doch dies sichert nicht nur die Pressefreiheit in Bezug auf die Beschaffung von Information – sondern auch deren Verbreitung.

 
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