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Beratung verhindert die „Helferfalle“

Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse Beratung verhindert die „Helferfalle“

Der Fachkräftemangel steigt, gleichzeitig kommen immer mehr Ausländer nach Deutschland. Doch damit sie hier arbeiten können, müssen ihre Abschlüsse anerkannt sein.

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Teresa Gimbel vom Institut für berufliche Bildung, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik bietet jeden zweiten und vierten Montag im Monat bei der Arbeitsagentur eine Beratung zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse an.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Aus diesem Grund findet bei der Marburger Arbeitsagentur an jedem zweiten und vierten Montag im Monat eine kostenlose Anerkennungsberatung zu ausländischen Abschlüssen statt. „Es kann nicht sein, dass Menschen, die hierher kommen mit einer vernünftigen Qualifikation, die sie von zuhause mitbringen, lange darauf warten müssen, bis sie arbeiten können“, verdeutlicht Volker Breustedt, Leiter der Arbeitsagentur.

Häufig stelle sich noch ein weiteres Problem: Die Menschen liefen Gefahr, in die „Helferfalle“ zu geraten. „Um zu überbrücken und zu überleben nehmen sie einen Helferjob an – was prinzipiell nicht verkehrt ist. Aber aus dieser Situation kommt man häufig nicht mehr heraus“, so Breustedt. Auch im Lebenslauf mache sich dies nicht gut – weil man demonstriere, dass man unter seiner Qualifikation gearbeitet habe „und weil dann beim Arbeitgeber die Angst aufkommt, dass das Wissen verschüttgegangen ist – das ist ganz gefährlich“, sagt der Agenturleiter.

Wie wichtig die Anerkennung eines Berufsabschlusses ist, verdeutlicht Breustedt mit Zahlen: „Von den 1120 arbeitslosen Ausländern bei uns im Kreis werden 809 bei uns ohne abgeschlossene Berufsausbildung geführt – das sind 72 Prozent“, sagt er. „Da stecken viele Menschen drin, die das Anerkennungsverfahren noch nicht absolviert haben – es verbirgt sich bestimmt viel Potenzial in diesen Menschen.“

Nachfrage ist in Marburg besonders hoch

Daher hat die Arbeitsagentur seit vergangenem Juli die mobile Beratung zur Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen durch das „IQ Landesnetzwerk Hessen“ im Angebot. Teresa Gimbel bietet die Beratung in Marburg an. Sie betont, dass das Angebot sehr gut angenommen werde: „Gerade auch in Marburg ist die Nachfrage im Vergleich zu anderen Landkreisen sehr hoch. In die Beratung kommen Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern und mit den verschiedensten Berufsqualifikationen.“

Sehr häufig kämen Ratsuchende mit Ingenieurs- oder Lehramtsabschlüssen oder mit Abschlüssen im Pflegebereich. „Die Anerkennung der im Ausland erworbenen Berufsqualifikationen ist auf jeden Fall ein wichtiger Schritt, um Wege in den Arbeitsmarkt zu ebnen und Lebensleistungen wertzuschätzen“, so Gimbel.

Die Sprachbarriere sei meist gar nicht so hoch, wie man denke, sagt Gimbel. „Häufig sind die Ratsuchenden schon lange in Deutschland und sprechen ganz gut deutsch oder sie haben Verwandte dabei, die bereits deutsch sprechen“, sagt sie. „Oder ich berate auf Englisch.“

Wichtig sei jedoch, dass sie selbst nicht die Abschlüsse anerkenne: „Wir beraten dazu, wer für die Anerkennung zuständig ist und verweisen auf die richtige Stelle“, betont sie. Allerdings erläutere sie bereits im Vorfeld, ob eine Anerkennung nötig oder auch möglich sei – „und wie hoch die Kosten dafür sind“, betont die Fachfrau.

Qualifikation ist mitunter schwer einzuordnen

Denn: Ihre Leistung koste nichts – allerdings müssten Übersetzungen ebenso angefertigt werden wie beglaubigte Kopien, so könnten schon „einige hundert Euro zusammenkommen“, erläutert Teresa Gimbel. Manchmal sei es gar nicht so leicht herauszufinden, welcher deutsche Referenzberuf mit der ausländischen Qualifikation gleichbedeutend sei, „mitunter sind die ausländischen Berufsbezeichnungen schon recht abenteuerlich“, lacht sie.

Manchmal sei dies nicht ganz eindeutig – dann folge eine Analyse der Qualifikation, die mitgebracht werde. Hinzu komme, dass sich auch in Deutschland zahlreiche Berufe in den vergangenen Jahren verändert hätten. „Wir nehmen also eine Gleichwertigkeitsprüfung vor“, sagt Gimbel.

Ein Großteil ihrer Kunden sei zum Zeitpunkt der Beratung ohne Job: „61 Prozent sind nicht erwerbstätig“, verdeutlicht Gimbel. Daher kämen hauptsächlich Kunden der Arbeitsagentur oder des Jobcenters zu ihr, „aber die Beratung steht allen offen“.

Auch viele Akademiker würden sich beraten lassen, dabei spiele häufig die Bewertung und „Umrechnung“ des Zeugnisses eine Rolle. „Das ist auch wichtig, denn der durchschnittliche deutsche Arbeitgeber kann mit einem ausländischen Zeugnis recht wenig anfangen“, weiß Volker Breustedt. Wichtig sei, die ausländischen Notensysteme „auf die deutschen Noten umzurechnen“, betont er.

Ausländische Arbeitskräfte sind für Arbeitsmarkt nötig

Für die Erstberatung sei es hilfreich, wenn übersetzte Zeugnisse, Abschlüsse, Facharbeiterbriefe, Lebenslauf sowie Arbeitszeugnisse oder andere Nachweise der ausgeübten Tätigkeit, beispielsweise Arbeitsbücher, gleich mitgebracht werden. „Ich überprüfe, ob die Dokumente vollständig sind und ob alles vorhanden ist. Falls nicht muss man schauen, ob man gegebenenfalls noch an die entsprechenden Dokumente kommt“, sagt Gimbel.

Zudem versorge sie die Ratsuchenden mit den Adressen von Übersetzern, erläutere, welche Unterlagen für die Antragstellung benötigt würden – und welche Stelle letztendlich für den Antrag zuständig sei. Und auch beim Ausfüllen des Antrags sei sie behilflich.

Sie weiß auch: Die Stellen bewerten die Dokumente unterschiedlich – das Schulamt etwa anders als die Uni. „Das Thema ist sehr komplex – da ist es hilfreich, dass jemand erst einmal mit der Machete durch den Busch geht“, sagt Breustedt. Denn: „Wir können es uns nicht leisten, auf diese Menschen zu verzichten.“

  • Die nächste Beratung durch Teresa Gimbel findet jeweils montags am 8. und am 22. Juni bei der Agentur für Arbeit statt – in der Zeit von 9.30 bis 11.30 Uhr. Kontakt: Telefon 0151 / 6549 7416.

von Andreas Schmidt

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