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„Belegschaft darf sich nicht spalten lassen“

Warnstreik bei Johnson Controls „Belegschaft darf sich nicht spalten lassen“

Am Mittwoch beteiligten sich Mitarbeiter aller drei Schichten von Johnson Controls an den Warnstreiks der IG Metall.

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Etwa 120 Mitarbeiter der Tagschicht beteiligten sich am Mittwoch am Warnstreik bei Johnson Controls. In der Frühschicht hatten bereits 129 Kollegen gestreikt.

Quelle: Andreas Schmidt

Friedensdorf. Gleich dreimal fanden bei Johnson Controls in Friedensdorf Warnstreiks statt: Zunächst hatte die Nachtschicht um 4 Uhr morgens gestreikt. „Von den 149 zum Streik aufgerufenen Kollegen haben sich 129 beteiligt, das ist ein sehr guter Wert“, sagte Hans-Peter Wieth, Erster Bevollmächtigter der IG Metall.

Am Mittag versammelte sich dann die Tagschicht vor den Werkstoren, um die Forderungen der IG Metall nach einem Lohnplus von 5,5 Prozent, einem Recht auf Bildungsteilzeit und verbesserten Regelungen zur Altersteilzeit zu unterstützen. Und um 20 Uhr waren die Mitarbeiter der Spätschicht zum Warnstreik aufgerufen.

Die Situation bei Johnson Controls ist jedoch nicht nur wegen des derzeitigen Tarifstreits angespannt – für das Unternehmen in Friedensdorf geht es um weit mehr. 480 der derzeit noch rund 850 Mitarbeiter sollen 2017 entlassen werden – das würde für den Betrieb auf lange Sicht das Aus bedeuten, wie Betriebsratsvorsitzende Carmen Thomä verdeutlicht. Denn das Werk könne mit so wenigen Kollegen nicht gefahren werden.

Mitarbeiter vor Warnstreik unter Druck gesetzt

Am 9. Februar startet laut Thomä ein Mediationsverfahren, „dann werden wir das erste Mal zusammenkommen, in der Hoffnung, eine Grundlage für Verhandlungen zu bekommen“, so Thomä. „Das ist zwar noch nichts, was uns euphorisch stimmen könnte – aber es ist zumindest ein wenig Optimismus vorhanden“, fasst die Betriebsratsvorsitzende die Gemütslage im Betrieb zusammen.

Die Geschäftsleitung halte laut Thomä bisher daran fest, mit 400 bis 500 Mitarbeitern auszukommen – in einem 18-Schichten-Modell, was bei drei Schichten täglich bedeutet, dass der Samstag zur Regelarbeitszeit wird. Dies soll nach Vorstellung der Konzernleitung mit einem Modell der Flexibilisierung der Arbeitszeit gekoppelt werden. Stunden, die mehr geleistet würden, könnten auf einem Pluskonto gutgeschrieben werden. Zudem solle das Arbeitsentgelt um 20 Prozent reduziert werden.

„Das ist mit uns nicht zu machen“, sagt Carmen Thomä. „Wir wollen hier mal mindestens für 700 Menschen Arbeit haben, um die Zukunft zu sichern. Wir wollen ein Leistungsentgelt auf tariflicher Basis und neue Aufträge – das ist das Hauptproblem.“ Das Unternehmen habe neue Produkte, „aber wir bekommen hier nichts“, so Thomä.

Arbeitslos – so oder so?

Auch im Vorfeld des Warnstreiks am Mittwoch seien die Mitarbeiter wieder unter Druck gesetzt worden, kritisiert die Vorsitzende. „Mitarbeiter des mittleren Managements haben versucht, Einfluss zu nehmen, dass Warnstreiks zum jetzigen Zeitpunkt ja ein völlig falsches Si­gnal seien. Doch für uns ist klar: Der Streik bezieht sich auf den Tarifkonflikt – und nicht auf die ­Situation im Unternehmen.“ Dennoch werde bewusst mit der Angst der Mitarbeiter gespielt – auch vor dem Hintergrund, dass nach dem Protest im vergangenen April gut 40 Mitarbeiter eine Abmahnung erhalten hätten.

Darauf ging auch Hans-Peter Wieth in seiner Ansprache ein: „Ich danke euch, dass ihr eure Ängste besiegt habt. Wir sollten mit denen, die dringeblieben sind, nochmal ganz in Ruhe reden.“ Zwar stehe man heute vor den Toren wegen der Forderungen in der Tarifbewegung. „Wir stehen aber auch hier in der Frage, ob sich die Belegschaft geschlossen oder gespalten zeigt. Der Konflikt, wie viele Menschen hier am Standort in Zukunft Arbeitsplätze finden werden, wird umso schwerer, je ängstlicher die Kollegen werden“, so Wieth.

Man habe es mit einem Konzern zu tun, der „euch versucht einzureden: Wenn ihr euer Grundrecht wahrnehmt, dann sei das schlecht für eure Zukunft“. Doch wenn man bessere Tarifverträge wolle, „und wenn wir wollen, dass hier am Standort möglichst viele von den heutigen Beschäftigten Zukunft haben, dann darf die Belegschaft sich nicht spalten lassen“, so Wieth. „Wovor habt ihr Angst?“, fragte er. „Die Drohung ist doch, dass ihr so oder so ­arbeitslos werdet.“

von Andreas Schmidt

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