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Baustein gegen den Fachkräftemangel

Agenturleiter: „Geflüchtete bieten Potenziale“ Baustein gegen den Fachkräftemangel

Die Förderung von Flüchtlingen als künftige Auszubildende sind eine Chance, dem wachsenden Nachwuchsmangel zu 
begegnen – das rät die 
 Arbeitsagentur seit langem und geht mit gutem Beispiel voran.

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Die künftige Auszubildende der Marburger Arbeitsagentur Rasha Essa (Mitte) mit Agentur-Leiter Volker Breustedt (rechts) und Fachausbilder Helmut Kräling.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Seit einigen Monaten 
verstärkt eine junge Frau aus 
Syrien das Team der Marburger Arbeitsagentur – ab Herbst tritt Rasha Essa offiziell ihre neue Ausbildung an. Der Weg zum beruflichen Neueinstieg war dabei gar nicht so lang wie man glaubt. Eine Hilfestellung bietet die erweiterte Einstiegsqualifizierung speziell für geflüchtete Menschen.

An dieser nimmt derzeit auch das „neue Gesicht“ in der Marburger Behörde teil: Im Oktober vergangenen Jahres floh die 31 Jahre alte Syrerin aus Damaskus nach Deutschland. Nach einem kurzen Aufenthalt im Cappeler 
Flüchtlingscamp erhielt sie ein Zimmer in einer Marburger 
Privatwohnung. Lange musste sie auf eine offizielle Anhörung warten, viel schneller entstand bei Rasha Essa der Wunsch, wieder arbeiten zu dürfen, dabei einen neuen Beruf anzustreben.

Voll ausgebildet ist die junge Frau bereits, absolvierte in ihrer 
Heimat nach dem Abitur ein Chemie-Studium, arbeitete zudem im Vertriebsmarketing und gab Sprachunterricht in Englisch und Arabisch.
In Deutschland wurde aus der Lehrerin wieder eine Schülerin: Bei ihrer Ankunft sprach Rasha 
Essa noch kaum ein Wort deutsch, nun kann sie bereits 
flüssig und ausgiebig über 
ihren Werdegang und neue 
 Zukunftsträume berichten. „Heute kann ich alles verstehen und bin glücklich – das ist nun mein neues Leben und ich habe ein Ziel, das ich erreichen möchte“, erzählt die junge Frau.

Ihr neuer Berufswunsch: sie möchte ausgebildete Fachangestellte für Arbeitsmarktdienstleistungen werden. Ihr Weg in die berufliche Integration begann im März mit dem Start der Einstiegsqualifizierung (EQ).

Rasha Essa hat in 
Rekordzeit Deutsch gelernt

Das betriebliche Langzeitpraktikum dauert in der Regel 
sechs Monate und ermöglicht den Teilnehmern, den neuen 
Beruf intensiv kennenzulernen und erforderliche Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Speziell für Migranten finden parallel dazu Sprachkurse statt. Auch Rasha Essa begann als Vorbereitung ihrer Ausbildung ein Praktikum, durchlief bereits sämtliche Fachabteilungen und Arbeitsabläufe der Agentur, schnupperte in den Empfangsbereich, die Antragsannahme, den Arbeitgeberservice und 
 Berufsberatung hinein.

Parallel dazu absolvierte sie drei Monate lang ein intensives Sprachtraining – mit Erfolg. Und auch den psychologischen Test hat sie bereits bestanden. „Ich finde mich hier wieder, das Arbeitsklima ist toll, wie in einer Familie“, freut sich die junge Syrerin. Rekrutiert wurde sie vom Team des Arbeitsmarktbüros für Flüchtlinge in Marburg, bei 
ihren Aufgaben begleitet wird sie von einem Team-Paten.

Bundesweit erweitert die Bundesarbeitsagentur die EQ für geflüchtete Menschen und schafft weitere Ausbildungsplätze, in Hessen konnten bisher sechs Stellen speziell für junge Migranten aufgebaut werden, zusätzlich zu den bereits vorhandenen Plätzen.

Als vorbereitende Zwischenstation steht die EQ samt Sprachtraining. „Viele junge 
Menschen, Deutsche wie Ausländer, benötigen Unterstützung und eine individuelle Chance“, betont Volker Breustedt, Leiter der Marburger Arbeitsagentur. Die Behörde will mit gutem Beispiel vorangehen und rät allen Arbeitgebern, „das Wagnis“ ebenfalls einzugehen. Erst recht angesichts sinkender Schulabgängerzahlen und der steigenden Fachkräfteverknappung.

„Es geht nicht um reine Menschenfreundlichkeit: Wir werben um Ausbildungsplätze für geflüchtete Menschen, darunter sind Potenziale, auf die wir nicht verzichten können und wollen“, betont Breustedt. Er wendet sich gegen diverse Vorbehalte „auf Stammtischniveau“ und betont: „Flüchtlinge sind ein Baustein gegen den Fachkräftemangel. Dafür muss man aber etwas tun.“

Appell an Arbeitgeber: „Die zusätzliche Arbeit lohnt sich“

Eine EQ kann nach dreimonatigem Aufenthalt von Asylbewerbern mit einer Aufenthaltsgestattung und von geduldeten 
Personen angetreten werden. Auch Rasha Essa hat bislang 
lediglich eine Duldung, keinen Asylstatus, ihr Verfahren läuft noch. Den gesetzlichen Vorgaben nach kann sie während ihrer Ausbildung und mindestens zwei Jahre danach nicht abgeschoben werden. Ein weiterer Bonus für Arbeitgeber, die somit nicht Gefahr laufen, ihre ausgebildeten Lehrlinge wieder zu verlieren.

Erst rund acht Monate ist 
Rasha Essa im Land, spricht nun die bis vor kurzem noch fremde Sprache und freut sich auf den Ausbildungsbeginn im September. „Für mich ist dieser Einstieg eine große Chance, ich bin stolz, diesen Start geschafft zu haben“, erzählt sie glücklich.

Mit ihr habe die Behörde ausnehmend gute Erfahrungen 
 gemacht, „sie ist hoch ambitioniert, saugt das Fachwissen auf wie ein Schwamm und wird ein Gewinn für unsere Mannschaft und Kunden sein. Wir geben sie nicht wieder her“, lobt Volker Breustedt und betont in Richtung der Arbeitgeber: „Leute, es kann funktionieren, die zusätzliche Arbeit lohnt sich.“

  • Interessierte Betriebe können sich zu diesem Thema an den Arbeitgeberservice wenden. Kontakt unter Telefon 0800/4555520.

von Ina Tannert

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