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Baubranche bietet Flüchtlingen Chance

Hessisches Projekt „Wirtschaft integriert“ Baubranche bietet Flüchtlingen Chance

Das Bildungszentrum der Bauwirtschaft Marburg nimmt am Projekt „Wirtschaft integriert“ teil, um Flüchtlingen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen – und an dringend benötigte Fachkräfte zu gelangen.

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Rudolf Paulus (links) erläutert Said Mifta, wie er den Stein beim Mauern richtig setzen muss – weitere Flüchtlinge der Gruppe, die derzeit im Bildungszentrum unterrichtet werden, schauen zu.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Händeringend sucht die Baubranche Nachwuchs. Denn jedes Jahr gehen rund 16.000 Arbeitnehmer vom Bau in den Ruhestand.

„Wir können aber nur etwa 10.000 junge Menschen für den Bauberuf und die Aufnahme einer Lehre begeistern“, verdeutlicht Dr. Burkhard Siebert, Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbands Hessen-Thüringen. In Hessen würden jährlich zwischen 600 und 800 Arbeitskräfte fehlen.

Dabei ist der Bedarf vorhanden, denn es gibt viel zu tun: „Die Infrastruktur wurde über Jahre vernachlässigt. Es gibt schon einen immensen Investitionsstau von 7,5 Milliarden Euro jährlich bundesweit nur für Instandhaltung“, verdeutlicht Siebert. Etwa zehn Prozent davon entfielen auf Hessen. „Und das nur, um den Status quo zu erhalten“, sagt er. „Wir haben die Situation, dass das Geld vorhanden ist – aber wir brauchen auch das Personal, um die Umsetzung voranzutreiben“, so der Geschäftsführer.

„Nicht nur Hacke, Schippe und Schubkarre“

Eine weitere Chance für den Nachwuchs seien künftige Ingenieurstellen. Denn das Durchschnittsalter der Ingenieure 
liege in der Bauwirtschaft sehr hoch: Rund 50 Prozent seien älter als 45 Jahre – auch dort biete sich also in naher Zukunft ein großes Potenzial. „Wir bieten sichere Arbeitsplätze und hervorragende Karrierechancen mit überdurchschnittlichen Verdienstmöglichkeiten“, wirbt Siebert.

Doch dies komme bei den jungen Leuten so wohl nicht an. Zu deutlich scheint noch das alte Bild in den Köpfen zu hängen von Plackerei und Dreck. „Ohne körperliche Arbeit geht es nicht“, gibt Siebert zu. „Aber die Berufsbilder sind mittlerweile wesentlich vielschichtiger und anspruchsvoller – nicht nur Hacke, Schippe und Schubkarre.“

Vielmehr wolle die Baubranche den Nachwuchs für „spannende und vielfältige“ Berufe 
begeistern. „Am Bau entstehen Unikate, der Arbeitsablauf ist nie monoton. Zudem wird mit modernen Maschinen 
 gearbeitet, die digital gesteuert werden – das bedingt einen hohen Anspruch an die Mitarbeiter“, sagt Siebert.

Um potenziellen Nachwuchs in den Reihen der vielen geflüchteten Menschen zu finden, engagiert sich die Bauwirtschaft daher auch im Projekt „Wirtschaft integriert“, das vom Land Hessen, dem europäischen Sozialfonds, den Agenturen für Arbeit sowie den Jobcentern finanziert wird. Es soll jungen Menschen mit erhöhtem Sprachförderbedarf den Weg in die Ausbildung ermöglicht.

Teilnehmer durchlaufen drei Phasen

Zielgruppe sind laut Hessischem Wirtschaftsministerium Menschen unter 27 Jahren, die noch nicht genug Deutsch sprechen, um eine Ausbildung ohne Hilfe zu absolvieren. Teilnehmen 
können schon länger hier 
lebende Menschen mit Migrationshintergrund – anerkannte 
Flüchtlinge ebenso, wie Asylbewerber mit Bleibeperspektive sowie geduldete junge Menschen ohne Arbeitsverbot. Das Projekt besteht aus drei Phasen: Der Berufsorientierung, der Einstiegsqualifizierung (EQ) und der betrieblichen Ausbildung. Alle werden von berufsbezogener Sprachförderung flankiert.

„In der Berufsorientierung lernen die Teilnehmer zunächst die Berufe kennen“, verdeutlicht Lothar Kaiser, Geschäftsführer des Bildungszentrums. Ob Fliesenleger, Straßenbauer, Tiefbauer, Maurer oder Zimmermann – innerhalb von drei bis sechs Monaten bekommen die jungen Leute einen Überblick. „Der begleitende Deutschunterricht findet ebenfalls bei uns im Haus statt – allerdings durch das Bildungswerk der hessischen Wirtschaft“, so Kaiser.

Die zweite Phase ist die 
Einstiegsqualifizierung: In Betrieben der Bauwirtschaft absolvieren die Teilnehmer ein Praktikum, das ebenfalls von Deutschunterricht begleitet wird. Zudem gibt es „Stützunterricht“ und auch ein Bewerbungstraining – die Dauer beträgt zwischen sechs und zwölf Monaten. Und als dritte Phase schließt sich die betriebliche Ausbildung an, die ebenfalls begleitet wird.

„Sie sind sehr eifrig und engagiert“

15 Flüchtlinge hätten das Projekt begonnen, 12 seien noch dabei. „Und die konnten wir 
alle in die EQ vermitteln“, sagt Lothar Kaiser. Dabei zahle sich aus, „dass das Bildungszentrum hervorragende und enge Kontakte zu den Betrieben in der Region hat“.

Das Projekt lief so gut an, dass ab August bereits weitere mindestens 18 Teilnehmer in dem Projekt beginnen werden. „Sollte es mehr Anmeldungen geben, können wir die Gruppe teilen. Wir sind vorbereitet“, versichert Kaiser.

Rudolf Paulus, Ausbildungsleiter im Bildungszentrum, ist von „seinen“ Flüchtlingen begeistert: „Sie sind sehr eifrig und engagiert – wenn ich nichts sage, dann machen sie weder Frühstück noch Mittag, sondern arbeiten durch“, sagt er lachend.

Dabei zeichne sich bei einigen Teilnehmern der EQ schon ab, dass es wohl nur ein Kurzpraktikum werde – „danach können sie sofort mit der Ausbildung beginnen“, sagt Paulus. Andere 
hätten zwar vielleicht keine sprachlichen Defizite – doch 
hapere es am Schreiben. „Die werden wohl länger in der EQ bleiben“, prognostiziert der Ausbildungsleiter.

Die Betriebe seien von dem Angebot begeistert. „Die Firmen kamen ins Bildungszentrum und haben die Teilnehmer vom Fleck weg ins Praktikum engagiert – das habe ich noch nicht erlebt“, sagt Paulus. „Drei Leute ziehen sogar um, damit sie näher am Ausbildungsbetrieb sind.“

von Andreas Schmidt

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