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Bargeldlos zahlen zum Preis der Daten

Banken arbeiten an „kontaktlosen“ Bezahlsystemen Bargeldlos zahlen zum Preis der Daten

Wird das Bargeld abgeschafft? Über diese Fragestellung wird in Expertenkreisen längst diskutiert. Fakt ist: Es gibt mehr und mehr Möglichkeiten, um bargeldlos zu zahlen.

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Ist die Einführung von Bargeld-Obergrenzen nur der Anfang, um Münzen und Geldscheine ganz abzuschaffen?

Quelle: dpa

Marburg. Bargeld ist ein anonymes Zahlungsmittel und hinterlässt keine „Papierspur“. Das Bundeskriminalamt (BKA) befürwortet daher die Forderung nach einer Abschaffung beziehungsweise Beschränkung von Papierscheinen und Münzen.

Transaktionen könnten leichter nachvollzogen und Zusammenhänge von Personen und Sachverhalten besser erkannt werden, so das BKA. „Für die polizeilichen Ermittlungen könnte dies ein hilfreicher Schritt sein, um neue Ermittlungsansätze zu generieren“, erklärt Pressesprecherin Jennifer Kailing vom BKA Wiesbaden.

Die meisten Banker, Händler und Privatpersonen sind allerdings bisher gegen die Abschaffung des Bargelds oder der 500-Euro-Scheine und gegen Obergrenzen. Schmuckhändlerin Andrea Balser stellt fest, dass 80 Prozent ihrer Kunden bereits mit Karte zahlen – „aber freiwillig“.

Volksbank entwickelt mobiles Bezahlsystem

„Eine Obergrenze für Bargeld wäre ein weiterer Eingriff in die persönliche wirtschaftliche Freiheit des Einzelnen“, sagt sie. Dennoch sind sich die meisten Banker und Geschäftsleute auch darin einig, dass der bargeldlose Zahlungsverkehr eines Tages kommen wird.

Die Volksbank Mittelhessen arbeitet an der Entwicklung von mobilen Zahlsystemen, das heißt, der Käufer muss dem Verkäufer weder einen Geldschein noch eine EC- oder Kreditkarte vorlegen. „Bevor andere solche Bezahlsysteme entwickeln, machen wir das lieber selbst“, erklärt Dr. Lars Witteck, Vorstandsmitglied der Volksbank Mittelhessen.

Seit Internet- und Elek
tronikriesen wie beispielsweise Google, Apple, Paypal und Samsung massiv in dieses Geschäft investieren, befürchten Banken, aber auch Mobilfunkanbieter, dass sie dabei den Kürzeren ziehen. Das Ziel: Zahlungen sollen mit Smartphones oder auch Computeruhren abgewickelt werden.

Persönlich ist Witteck gegen die Abschaffung des Bargelds. Das greife in die Freiheit des Einzelnen ein, erklärt er. Die bestehenden Gesetze reichen seiner Meinung nach aus, um Schwarzgeldgeschäfte und Geldwäsche zu bekämpfen. „Die Geldwäsche-Vorschriften sind in den letzten Jahren verschärft worden, das Regierungspräsidium war hier zuständige Kontrollbehörde“, sagt Witteck, der vor seinem Wechsel zur Bank Regierungspräsident war.

Kirchenkollekte 
mit Kartenzahlung?

Als weiterer Grund für die Abschaffung der 500er wird zudem die Terrorbekämpfung angegeben. „Verbrecher und Terroristen würden auch auf andere Währungen zurückgreifen, sind doch nicht auf den Euro angewiesen“, sagt Jochen Schönleber, Vorstandsmitglied der Sparkasse Marburg-Biedenkopf.

„Eine Bargeldabschaffung wäre ein Angriff auf die Freiheitsrechte. Deutsche legen im Vergleich zu anderen Europäern viel Wert auf Bargeld“, sagt Schönleber. Er kann sich ein Leben ohne Bargeld nicht vorstellen und fragt sich: „Wird die Kollekte in der Kirche abgeschafft, die Möglichkeit zur anonymen Spende? Und was ist mit dem Straßenmusiker, der um Kleingeld bittet?“

Schönleber und Witteck betonen, dass die regionalen Kreditinstitute das Bankgeheimnis wahren, die Daten ihrer Kunden schützen. Doch dennoch sollte es ihrer Meinung nach weiterhin die Möglichkeit des Einkaufs ohne Datenspuren geben.

Derzeit denken die Europäische Zentralbank (EZB) und das Bundesfinanzministerium auch über die Abschaffung der 500-Euro-Noten nach. Als Grund dafür wird unter anderem die Alltagsuntauglichkeit dieser Scheine angegeben. Die meisten Geschäfte nehmen keine 500-Euro-Scheine an, sodass die 500-Euro-Noten lediglich der Hortung von Vermögen dienen würden.

500-Euro-Scheine sparen Lagerkosten

„Für Privatpersonen dürften höhere Stapel durch den Rückgriff auf 200-Euro-Noten unbedeutend sein. Anders ist es jedoch bei den Banken“, erklärt Marco Altinger, Präsident des Bunds der Selbständigen – Gewerbeverband Bayern. Sie messen auch die Höhe der Stapel.

Seit Einführung der Negativzinsen lagern viele Banken ihr überschüssiges Bargeld nicht mehr bei der EZB, sondern in Tresoren. „Durch die Verwendung von 200-Euro-Scheinen würden die Stapel in den Tresoren höher. Die Banken bräuchten viel mehr Lagerkapazität. Damit würde der Lagerpreis um das 2,5-Fache steigen, und der Sparer muss zahlen“, so Altinger.

Aktuell liegt der Preis für die Tresorlagerung in etwa in Höhe der Negativzinsen und damit bei 0,3 Prozent pro Jahr. Die 500er wirken somit als natürliche Untergrenze des Negativzinses. Schafft man diese jedoch ab, könnte der Zins durch die höheren Lagerkosten auf -0,75 Prozent gesenkt werden.

„Auf Dauer schmilzt das Ersparte dann noch mehr dahin. Bereits heute liegen viele Guthabenzinsen unter dem Inflationsniveau. Jeder, der etwas erspart hat, wird bei Abschaffung der 500-Euro-Scheine zusätzlich zur Kasse gebeten“, so Altinger.

von Anna Ntemiris

Finger weg 
vom Bargeld
Das Smartphone an der Supermarktkasse vorzeigen, um im Nu 10 oder 100 Euro loszuwerden: Wer will, kann heute schon fast ganz ohne Bargeld auskommen. Das ist gut so – solange es freiwillig passiert. Wer zum Beispiel teuren Schmuck anonym kaufen möchte, der legt lieber viele „große“ Scheine vor als die Kreditkarte. Das ist nicht dubios, das ist Geschmackssache. Das sollte auch in Zukunft möglich sein.

Die Einführung von Bargeldobergrenzen wäre ein Einschnitt in die Freiheit des Einzelnen. Der Preis einer Bargeldabschaffung ist zu hoch: Wir würden mit unseren persönlichen Daten zahlen. Und wie sollten in einer Welt ohne Münzen und Geldscheine Kinder – und sicher auch Erwachsene – den Umgang mit Wert lernen? 
Wer das Geld nicht sieht, das er so schnell ausgibt, rutscht schneller in die Schuldenfalle, als er rechnen kann.

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