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Bangen um die Trinkwasser-Reinheit

Fracking Bangen um die Trinkwasser-Reinheit

Sorgen um die Qualität des Trinkwassers in 
Hessen: Die Stadtwerke befürchten gefährliche Auswirkungen des sogenannten Frackings und fordern die Bundespolitik zur zügigen Verabschiedung eines Gesetzes auf.

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In den USA hat Fracking nach Angaben von Geologen dafür gesorgt, dass die Erdöl-Importe von 
60 auf 45 Prozent gesunken sind. Auch die Strompreise seien gesunken. Kritiker der Bohrtechnik, die auch in Hessen geplant war, warnen vor langfristigen Gefahren für die Umwelt.

Quelle: Jim Lo Scalzo

Marburg. Mehrere Landschaftsschutzgebiete rund um die Universitätsstadt könnten nach Analyse des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) verschmutzt und Wasser verunreinigt werden, sobald etwa in Nordhessen Bohrungen vorgenommen werden. Das fürchten nun auch die Stadtwerke als kommunaler Energieversorger.

„Das Recht auf sauberes Wasser und Wasserversorgung ist ein Menschenrecht. Es muss geschützt werden“, sagt Norbert Schüren, Stadtwerke-Geschäftsführer. Das für die Marburger Region geförderte Wasser habe bislang „höchste Qualität“, der Zweckverband Mittelhessischer Wasserwerke (ZMW) hielte strenge Vorschriften und Grenzwerte immer ein. Das sei durch Fracking bedroht.

Bei der Technik, einer hydraulischen Stimulation, wird eine Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien mit hohem Druck in den Boden gepresst, um so Kohlenwasserstoffe wie Erdgas und Erdöl aus Gesteinsschichten freizusetzen. Mitunter besteht dabei die Gefahr, das Erdschichten, die das Grundwasser schützen, durchbrochen werden.

Das kann wiederum zu Verunreinigungen des Grundwassers führen. Schüren fürchtet einen „nicht kontrollierbaren Einfluss auf die Wasserqualität“ durch solche Bohrungen und verweist auf Entwicklungen in den USA. Extrembeispiel: Aus Wasserhähnen strömt entflammbares Gas, oder das Leitungswasser stinkt.

Bislang keine verbindliche Regelung in Deutschland

In Nord- und Mittelhessen waren bereits Frackingprojekte geplant. Das 2012 beantragte Aufsuchungsfeld „Adler South“ hätte – vom Landkreis Marburg-Biedenkopf über den Schwalm-Eder-Kreis bis hinter Kassel – 
5200 Quadratkilometer umfassen sollen.

Der Vorteil der Fracking-Methode besteht in der Gewinnung eines natürlichen Rohstoffes, der eine große Menge des Gasbedarfs decken kann, was Deutschland in der Energieversorgung autonomer macht. In den USA hat die Gewinnung von unkonventionellem Erdgas zu einer Reduzierung der Gaspreise und einer Verringerung der Erdöl-Importe geführt.

Nach anhaltenden Protesten von Bürgerinitiativen wurden die Pläne 2014 zwar aufgegeben und die Landesregierung entschied, dass es auch künftig keine Genehmigungen für den umstrittenen Schiefergasabbau in Hessen geben werde. Jedoch gibt es bis heute kein bundesweites Verbot oder überhaupt gesetzlich festgelegte Grenzen inklusive Umweltschutz- und Sicherheitsmaßnahmen.

Laut einer aktuellen Emnid-Umfrage lehnen 80 Prozent der Befragten Fracking ab. „Die Bundesregierung muss das Fracking-Verbot anpacken. Die Mehrheiten sind dazu da“, sagt Gerald Neubauer von der Bürgerbewegung Campact, die die Umfrage in Auftrag gab.

Sollen Behörden oder Politiker entscheiden?

Doch der Gesetzgebungsprozess ist zum Erliegen gekommen. Das Bundeskabinett beschloss am 1. April 2015 den Entwurf eines Fracking-Gesetzes. Unter strengen Auflagen soll die Gasförderung mit der umstrittenen Technik möglich sein, in einigen Gebieten würde ein grundsätzliches Verbot gelten.

Eine Verabschiedung des Gesetzes steht bis heute aus. Um die Beratung voranzutreiben, haben die Stadtwerke den Marburger Bundestagsabgeordneten Sören Bartol (SPD) und Dr. Stefan Heck (CDU) einen Informationsbrief geschrieben.

Bartol sieht auf OP-Anfrage den Grund für die Verzögerung beim Koalitionspartner, vor allem bei Anhängern des CDU-Wirtschaftsflügels. „Dabei ist es wichtig, dass es klare Begrenzungen gibt und der Grundwasserschutz gewährleistet ist“, sagt der Sozialdemokrat, ein „strikter Gegner von unkonventionellem Fracking“ (siehe Info-Kasten).

Heck spricht sich ebenfalls „für einen verbindlichen Rahmen“ aus. Die stockenden Verhandlungen gründen seiner Einschätzung nach aber auf dem Für und Wider eines etwaigen Parlamentsvorbehalts (der bedeutet, dass alle für das Gemeinwesen wichtigen Entscheidungen eine parlamentarische Zustimmung brauchen und nicht in der Entscheidungsmacht von Behörden liegen). Während Bartol solch einen Vorbehalt fordert, lehnt Heck diesen mit der Begründung ab, dass die Abwägung „nicht unsere Aufgabe, sondern die von Experten in Behörden ist“.

Schüren: Konsequenzen für Kinder und Kindeskinder

Die Marburger Stadtwerke, wie auch Umweltverbände, fürchten „einen laxen Umgang mit dem Thema“ und ein weiteres Aufschieben gesetzlicher Regelungen über die laufende Legislaturperiode hinaus.
Mehrere Bürgerinitiativen gegen Gasbohren haben nun einen offenen Brief an die Bundesregierung geschickt, in der sie vor den Gefahren – unter anderem Erderwärmung – und vor „vehementen“ Wirtschafts- sowie Wissenschaftsinteressen warnen. Ihnen gehe es um „kurzlebige Ziele“, die mittel- und langfristig zu erwartenden schädlichen Folgen einer großflächigen Fracking-Förderung würden verdrängt.

Das sieht Schüren ähnlich: Bei der Debatte gehe es um die Sicherheit, Sauberkeit und den Schutz von Wasser: „Von den negativen Konsequenzen des Frackings wären wir genauso betroffen, wie unsere Kinder und Kindeskinder.“

Solange die Energiepreise so niedrig sind wie seit rund eineinhalb Jahren, lohnt sich für Energieunternehmen das unkonventionelle Fracking nicht. Das ist Bartols Einschätzung zufolge ein wesentlicher Grund dafür, weshalb es deutschlandweit derzeit kaum noch Beantragungen gibt.

von Björn Wisker

 
 Unterschiedliche Vorgehensweisen

Bei der Fracking-Technologie kann zwischen konventionellem und unkonventionellem Fracking unterschieden werden. Sie können unter anderem durch die Gesteinsart voneinander abgegrenzt werden:

Konventionelles Fracking erfolgt in Sandstein (meist auch in größerer Tiefe), unkonventionelles in Schiefer-, Ton-, Mergel- und Kohleflözgestein.

Im Gegensatz zu den bisher in Deutschland genutzten Sandsteinlagerstätten liegen für die Gewinnung von Erdgas aus Schiefer-, Ton-, Mergel- und Kohleflözlagerstätten hierzulande noch keine Erfahrungen und Kenntnisse vor.

Das konventionelle Fracking bei der Erdgasförderung aus Sandgestein wird in Deutschland bereits seit mehreren Jahren angewendet – vor allem in Niedersachsen.

 
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