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Bandenchef: „Ja, wir haben betrogen“

Aus dem Landgericht Bandenchef: „Ja, wir haben betrogen“

Lug, Betrug und Verschleierung herrschten nicht nur in der Kundenakquise, sondern generell im Geschäftsgebaren der Scheinfirmen vor, über die die vier Angeklagten ihre Kunden über Jahre hinweg abzockten.

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Justizmitarbeiter nehmen den drei Hauptangeklagten im Betrugsprozess die Handschellen ab. Ein vierter Angeklagter wird am Dienstag befragt.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Sichtlich nervös, dabei äußerst mitteilsam, berichtete der angebliche Drahtzieher vor der Wirtschaftsstrafkammer über die lukrative Betrugsmasche – den groß angelegten, professionellen Handel mit nicht existenten Aktien. Der 46-Jährige räumte sämtliche Anklagepunkte ein: „Was mir hier vorgeworfen wird, stimmt, das gebe ich zu.“

Seit rund 20 Jahren ist er als Börsenmakler tätig, arbeitete bei diversen Firmen und handelte mit Aktien. In der Regel noch mit echten Wertpapieren, „auch illegale Geschäfte waren darunter“, teilte er mit. Vor rund drei Jahren zog er ein eigenes Geschäft auf, holte weitere Mittäter „ins Boot“, versammelte Verkäufer um sich herum und gründete schließlich mit einer Handvoll Vertrauter die erste Scheinfirma.

Die potenziellen Kunden brachten die Mitarbeiter vom Fach entweder mit oder er kaufte besonders exklusive Kundendaten ein. Dabei ging es nicht um Masse, sondern um besonders gut betuchte, risikofreudige Geschäftsleute, „per Hand verlesen und ausgewählt“, schlussfolgerte der Vorsitzende Richter Dr. Marco Herzog. Das bestätigte der Angeklagte, berichtete von den üblichen Lockangeboten der geschulten Verkäuferteams.

Bei telefonischen Anrufen blieb es bei der Kundensuche bei Weitem nicht. Professionell wirkende Anschreiben, gefälschte Nachweise, plus positiv lautender Internetartikel „als Eyecatcher“ wurden an wohlhabende Kunden verschickt. Schlagworte wie „Apple geht durch die Decke“ wurden bevorzugt, sollten zum Kauf animieren.

„Das war jedem von Anfang an klar“

Diese erschienen glaubhaft, waren gezielt so abgestimmt, dass der potenzielle Kunde diese selbst recherchieren konnte und auf dasselbe, verlockende Ergebnis kam. Das Problem für die Käufer bestand letztlich an der vereinbarten Haltefrist der Fake-Aktien: An die angeblichen Wertpapiere kamen die Kunden erst ein halbes bis ein Jahr nach dem Kauf. Bis dahin waren Firmen und Finanzen längst in der Versenkung verschwunden.

Die Aufgabe des Chefs bestand in der Koordination, er traf sich mit Mitarbeitern aus dem Vertrieb, besorgte über Dritte neue, saubere Konten und zahlte die Provisionen. „Ich habe die Leute motiviert und das Ganze mitorganisiert“, teilte der Beschuldigte mit. Den illegalen Machenschaften, die er mit den Kollegen aufzog, waren sich dabei alle bewusst, „dass wir die Firmen benötigen, um zu betrügen, das war jedem von Anfang an klar“, betonte der 46-Jährige.

Zwei seiner Mitangeklagten hatten bereits zum Prozessauftakt am Montag ausgesagt, dabei den Kopf der Bande als Drahtzieher der Betrugsmasche bezichtigt, sich selber eher als Befehlsempfänger dargestellt. Dem Chef, der „El Presidente“ genannt worden sein soll, sei Bericht erstattet worden, er verteilte die Aufgaben, entschied, wohin das ergaunerte Geld geschafft und wann dieses in Gold umgesetzt wurde. „Das konnte­ nur er entscheiden, ich war ­weisungsgebunden“, sagte der Beschuldigte, der die Aufgaben eines Sekretärs übernahm und das Firmenbüro betreute. Er berichtete ergänzend über weitere Alias-Namen und koordinierte­ Geschäftsgebaren in der nur schwer zu durchschauenden Scheinwelt der Fake-Firmen.

Fantasie-Namen
 standen auf Überweisung

So war es üblich, dass auch auf den Überweisungen der Mitarbeiter fantasievolle Namen auftauchten, die einem Kindermärchen entsprungen sein könnten, wie „der Drache“, „Burgwächter“ oder „Wolf“. Selbst bei betriebsinternen Besprechungen wurden falsche Namen genutzt, man blieb bis auf eine Handvoll Strippenzieher anonym.

Zur Sicherheit liefen die gefälschten Finanzunternehmen stets nur einige Monate, innerhalb von rund zwei Jahren wurden mehrere Firmen eingestampft und wieder neue gegründet. Stets wenn die Verkäuferteams kein Geld mehr akquirieren konnten, wurde die aktuelle Firma geschlossen. Sämtliche Beweise vernichteten die Mitarbeiter nach genauer Anweisung, „immer wenn die Alarmlampe anging“, teilte der Angeklagte mit. Konten wurden gekündigt, wenn sie nicht bereits wegen Geldwäsche-Verdacht gesperrt waren.

Alle Unterlagen wurden geschreddert, Daten gelöscht, Firmencomputer und anderes Gerät zerstört. Die Handys der Beteiligten ebenfalls, wobei die Telefone generell alle paar Wochen sicherheitshalber gewechselt wurden. „War das die normale Prozedur, wenn eine Firma verbrannte?“, hakte Staatsanwalt Oliver Rust genauer nach. Das war der übliche „Notfallplan“, der regelmäßig angewendet wurde, bestätigte der Angeklagte.

Der vierte Angeklagte soll am nächsten Verhandlungstag, am Dienstag ab 10 Uhr, im Landgericht, gehört werden. In den vergangenen Wochen und ­Monaten mussten sich bereits Mittäter, die eine untergeordnete Rolle spielten, vor dem Amtsgericht verantworten.

von Ina Tannert

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