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Balance auch im globalen Wettbewerb

CSL-Betriebsratsvorsitzende Balance auch im globalen Wettbewerb

Gerechtigkeit ist ihr wichtig. Auch deshalb setzt sich Susanne Fischer, neue Betriebsratsvorsitzende bei CSL Behring, für die Belange ihrer Kollegen ein.

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Die 53-Jährige Susanne Fischer ist neue Betriebsratsvorsitzende bei CSL Behring.

Quelle: Privatfoto

Marburg. Erstmals wurde der neue Betriebsrat von CSL Behring in diesem Jahr per Listenwahl ermittelt. Drei Listen waren angetreten, der ehemalige Betriebsratsvorsitzende Walter Kreuer verzichtete nach seiner Wahl auf ein Mandat im Betriebsrat. Neue Vorsitzende wurde Susanne Fischer, die bereits vor Kreuer dem Gremium vorstand.

Ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden

Die kaufmännische Angestellte trat 1998 in das Unternehmen ein - „damals war es noch Centeon“, sagt sie. Schon früh engagierte sie sich in der Betriebsratsarbeit: 2004 wurde sie erstmals in das Gremium gewählt, von 2006 bis 2010 arbeitete sie als Betriebsratsvorsitzende.

„Ich halte mich für einen Mensch mit einen ausgeprägten Gerechtigkeitsempfinden. Und wenn das verletzt wird, dann ändere ich die Gründe dafür gerne“, sagt sie zu den Beweggründen, warum sie sich im Betriebsrat engagiere. Sie sei damals gefragt worden, ob sie in dem Gremium mitarbeiten möchte - spontan sagte sie ja. „Und dann habe ich schnell für mich festgestellt - das ist es“, beschreibt Susanne Fischer ihre Beweggründe. Denn das Gestaltungsfeld, das man habe, den Menschen zu helfen und „das Arbeitsumfeld zum Positiven zu verändern“, das seien starke Triebfedern. Zudem wolle sie die Weichen so stellen, „dass es für die Kollegen und das Unternehmen nach vorne geht“.

„Für mich gab es einen immensen Bruch in der Firmenkultur, als wir von CSL gekauft wurden“, sagt Susanne Fischer. Das sei im Jahr 2004 eine echte Zäsur gewesen. Und damit einher ging die Erstellung eines Sozialplans, bei dem letztendlich mehrere 100 Kollegen das Unternehmen verlassen mussten. „Bis dahin war die Anstellung für einen Behring-Mitarbeiter wie eine lebenslange Beziehung“, sagt sie. „Doch wenn bei einem Sozialplan einem Kollegen gesagt wird, man müsse sich jetzt von ihm trennen - das war nicht einfach so, als würde ein Arbeitsverhältnis enden.“ Darunter hätten auch viele Kollegen gelitten.

Zu dieser Zeit sagt sie heute rückblickend: „Das war die Phase in meinem Berufsleben, in der ich am schlechtesten geschlafen habe.“ Sie habe mit den Kollegen gebangt, „denn dort standen Existenzen auf dem Spiel“. Susanne Fischer sagt: „Das ist eine Situation, die ich nicht noch einmal erleben möchte.“

Die Betriebsratsvorsitzende ist sich bewusst, dass die Pharma-Branche einem stetigen Wandel unterzogen ist. Doch bei allem müsse man auch die Menschlichkeit im Blick behalten. „Denn die Menschen machen das Unternehmen aus“, sagt Susanne Fischer.

Daher komme der Standortsicherung eine immense Bedeutung zu.

„Zu den Aufgaben des Betriebsrats gehört es natürlich auch, im Wirtschaftsausschuss die richtigen Fragen zu stellen, um frühzeitig reagieren zu können. Denn trotz des globalen Wettbewerbs, in dem unser Unternehmen steht, ist alles eine Frage der Balance.“

Erschwerend komme manchmal hinzu, dass die Entscheider nicht mehr am Standort Behringwerke sitzen, sondern im Ausland - „und somit nicht alle Facetten der deutschen Arbeitsgesetzgebung kennen“, so Fischer. Daher habe das Management „manchmal schon einen schweren Job darin zu vermitteln, dass einige Entscheidungen durch den Betriebsrat mitbestimmungspflichtig und somit nicht einseitig zu bestimmen sind.“

Auch Verständnis für das Management

Verständnis für die Lage des Managements hat die 53-Jährige durchaus - „wenn man die Probleme dieser Seite sieht heißt das ja nicht, dass man seine originären Betriebsratsrechte missachtet. Denn ich sehe schon, dass wir uns in einem schwierigen Umfeld bewegen. Dann müssen eben kreative Lösungen gefunden werden. Und zwar im Sinne der Arbeitnehmer.“ Dass es diese gebe, da sei sie sich sicher. Susanne Fischer verdeutlicht: „Wir haben als Betriebsrat immer die Balance zwischen Geben und Nehmen vertreten. Und so sehe ich auch die Balance zwischen den verschiedenen Interessengruppen - das bedeutet nämlich auch Zukunftsfähigkeit.“

Über den neuen Betriebsrat sagt die neue Vorsitzende: „Wir sind weder Sozialromantiker noch Sozialisten. Aber ich möchte, dass dieses Unternehmen auch dann weiterhin gut dasteht, Arbeitsplätze anbietet und ausbildet, wenn ich einmal in Rente gehe.“

Das große Thema, das derzeit die Firma beherrscht, ist „ESA“. Das Kürzel steht für „Entgeltstrukturanalyse“ und bezeichnet die Neu-Eingruppierung der Mitarbeiter bezüglich ihrer Gehaltsstufen. Und das nicht nur für Neueinstellungen, sondern auch für bestehende Verträge - rund 850 Mitarbeiter wurden niedriger eingruppiert. „Das hat die Firmenkultur erneut nachhaltig erschüttert“, sagt Susanne Fischer. Der Konzern versuche, „australisch-amerikanische Wettbewerbsgedanken“ am Standort zu etablieren. „Dieses Einführen einer Ellenbogengesellschaft stößt bei den Mitarbeitern auf Widerstand, das wollen sie nicht haben“, sagt Fischer.

Bisher sei die Identifikation mit dem Unternehmen extrem hoch. „Wenn beispielsweise etwas passiert, würde sich jeder am Wochenende ins Auto setzen und mit anpacken. Doch diese Art der Firmenkultur wird jetzt nachhaltig erschüttert.“ Die Mitarbeiter besäßen einen hohen Teamgeist, „bisher waren wir alle gemeinsam für den Erfolg des Unternehmens verantwortlich.“ Diese Definition werde nun ausgehöhlt.

Außerdem könne der Arbeitgeber nicht einseitig in bestehende Verträge eingreifen - wie auch die bisherigen Prozesse vor dem Arbeitsgericht Gießen gezeigt hätten.

Arbeitszeit mit mehr „Work-Life-Balance“

Weitere Themen für den Betriebsrat seien Verhandlungen zu Bonus-Regelungen oder „das Thema Arbeitszeit, das uns bestimmt in dieser gesamten Legislaturperiode begleiten wird.“ Dies umfasse unter anderem neue Schichtmodelle, Langzeitkonten, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf „oder auch die Flexibilität, die in der Produktion gefordert sind - dort benötigen wir neue Konzepte, die etwas mehr ,Work-Life-Balance‘ berücksichtigen.“

Ihren Ausgleich findet die 53-Jährige beim Snowboard-Fahren. Das hat sie erst vor wenigen Jahren gemeinsam mit ihrer Tochter gelernt - und auch dabei viel für das Berufsleben mitgenommen. „Die ersten Tage lag ich nur auf der Nase. Aber Aufgeben gibt es nicht - wie im Beruf: Aufstehen, weitermachen“, sagt Fischer.

Darüber hinaus genießt sie ihr „altes Fachwerkhaus, an dem immer was zu tun ist“, den Garten in ihrem Wohnort Laubach - und die freie Zeit mit ihrer Familie, aus der sie Kraft zieht.

von Andreas Schmidt

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