Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Azubis bauen Blockhäuser in Sibirien

Emsdorfer trotzt der Kälte Azubis bauen Blockhäuser in Sibirien

Neun angehende Zimmerer aus Mittelhessen waren vier Wochen lang in Sibirien. Dort lernten sie den Blockhausbau – und bringen bleibende Eindrücke mit zurück.

Voriger Artikel
Ralf Lüttebrandt "ist der Motor, der das Lager am Laufen hält"
Nächster Artikel
Das Geld kommt aus dem Internet

Mit der Kettensäge, dem wichtigsten Werkzeug, sägen die Auszubildenden die „russischen Tassen“ in die rund 60 Zentimeter dicken Stämme – das wird später die Verbindung.

Quelle: Privatfoto

Emsdorf. Einer der Russland-Reisenden war Johannes Berger. Der 32-Jährige ist Auszubildender im dritten Lehrjahr bei der Firma Holzbau Pfeiffer in Emsdorf. Und für ihn waren die vier Wochen in der Kälte Sibiriens „eine echte Erfahrung“, wie er im Gespräch mit der OP sagt.

Für einen Auszubildenden ist er relativ alt. „Ich habe vorher als Motopäde gearbeitet, habe aber gemerkt, dass ich in meinem Leben noch etwas Anderes machen wollte“, sagt er. „Ich wollte etwas mit den Händen schaffen – und einen Job finden, bei dem ich draußen schaffe“, so Berger. Also sei Zimmermann die erste Wahl gewesen.

Anreise mit Bus und Transsibirischer Eisenbahn

Als das Angebot der Theodor-Litt-Schule kam, für das Projekt nach Russland zu gehen, hat er nicht lange gezögert. Auch sein Chef, Hartmut Pfeiffer, gab sofort sein Okay. Denn der Obermeister der Zimmerer-Innung weiß, wie wichtig ein solcher Austausch sein kann. „Ich habe selbst damals an einem Gesellenaustausch teilgenommen“, sagt er. In Frankreich sei das gewesen.

Und privat habe er „einen der schönsten Urlaube“, wie er sagt, in Sibirien verbracht. Daher habe er sich auch dafür eingesetzt, dass sowohl die Zimmerer-Innung als auch das Bildungszentrum der Bauwirtschaft das Unternehmen finanziell unterstützten. Also ging für seinen Auszubildenden, dessen acht Kollegen sowie vier Begleiter von der Schule am 22. Februar das „Abenteuer Russland“ los.

Abenteuer trifft es ganz gut – denn schon die Anreise war durchaus abenteuerlich: Zunächst ging es per Zug von Gießen nach Berlin, wo weitere Jugendliche zu den Mittelhessen stießen – neben vier Berlinern kamen auch ein Weißrusse, ein Australier, ein Franzose, ein Engländer und ein Israeli zu den Mittelhessen. Gemeinsam fuhren sie mit dem Euro-Bus nach Riga, von dort weiter per Nachtzug nach Moskau.

Zu Fuß geht es über einen zugefrorenen See

Dort stieg die mittlerweile 22-köpfige Gruppe in die Transsibirische Eisenbahn: Drei Tage und vier Nächte lang ratterte der Zug bis nach Abakan. „Wir waren in einem Abteil mit etwa 50 Mitreisenden – und einer strengen Abteilschaffnerin“, so Berger. Geschlafen wurde in Stockbetten, zwei Toiletten standen der Gesellschaft zur Verfügung – inklusive winzigen Waschbecken.

Die Verpflegung bestand aus dem mitgebrachten Reiseproviant – und Fertigsuppen. Denn: Heißes Wasser war dank eines kohlebeheizten Boilers immer zu bekommen. Und an den Bahnhöfen in größeren Städten machte der Zug einen Stopp – dort verkauften Frauen Selbstgekochtes.

Nach der Ankunft in Abakan ging es auf die letzte Etappe: 22 Personen sowie Gepäck und Werkzeug fanden gerade so Platz in zwei Transportern, zwei Stunden reisten die Zimmerer durch die sibirische Schneelandschaft, luden dann alles in einen alten, russischen Bus, der eigentlich nur für 20 Personen gedacht war.

Egal, das passt schon – dann sitzt man eben auf dem Gepäck oder übereinander. An einer Anhöhe war die Fahrt jedoch zunächst zu Ende: Ein Lkw steckte im Schnee fest, nichts ging mehr.

„Wir haben versucht zu helfen, aber mit Händen war da nichts zu machen“, sagt Berger (Zweiter von rechts, Privatfoto). Zwei große Schlepper befreiten den Lastwagen nach zwei Stunden endlich. Und nach zwei weiteren Stunden waren die Azubis am Ziel: In Petropáwlowka am Fluss Kásir.

Dort sollte ein eineinhalbgeschossiges Blockhaus mit einer Grundfläche von neun mal sechs Metern entstehen. Am See Tiberkul, 25 Kilometer entfernt, wurde ein weiteres Blockhaus gebaut, das später als „Banja“, also als Badehaus, genutzt werden sollte. Dorthin reiste Johannes Berger mit seiner Projektgruppe zunächst.

Die Azubis mussten alles für eine Woche mitnehmen: Werkzeug, Verpflegung, Kleidung, Benzin sowie Schlafsack und Iso-Matte. Die Anreise hatte auch diesmal wieder ihre Tücken, denn die letzten acht Kilometer ging es zu Fuß über den See. Einziges Hilfsmittel – neben der eigenen Muskelkraft – waren Schneeschuhe. Geschlafen haben die jungen Leute in einer Jurte, einem mongolischen Zelt – bei Nachttemperaturen von bis zu minus 35 Grad.

Kalte Füße gibt‘s in Deutschland auch

„Einmal wollten wir ausprobieren, wie gut unsere Schlafsäcke sind. Da haben wir in einem normalen Zelt geschlafen – das ging auch, nur die Füße und die Knie waren ein bisschen kalt“, sagt der 32-Jährige lachend. Tagsüber lagen die Werte deutlich höher bei „angenehmen minus 6 bis minus 15 Grad“, durch die trockene Kälte sei die Arbeit im Freien nicht schlimm gewesen.

„Ich hatte nur kalte Füße – aber die habe ich in Deutschland auch“, sagt Berger. In der ersten Woche habe es zudem überwiegend blauen Himmel mit Sonnenschein gegeben. Aber auch Tage mit Schnee, Nebel und Sturm haben die Jugendlichen erlebt.

Zunächst war zwei Tage lang Schneeschippen angesagt – um Wege, Bauplatz und Baumaterial freizulegen. Dann wurde gebaut – aber einen Plan gab es nicht, „wir haben uns nach den Stämmen gerichtet, die da waren und dann das Maximum rausgeholt“, erzählt Berger. Auch einen Kran gab es nicht, Muskelkraft war angesagt.

Nach einer Woche gab es „Schichtwechsel“, Berger und seine Gruppe kamen zurück nach Petropáwlowka. Dort lernten die Azubis beispielsweise, wie die „russische Tasse“ hergestellt wird. Das ist allerdings kein Trinkgefäß, sondern die Verbindung der rund 60 Zentimeter dicken Stämme.

Reise war für Berger „eine immense Bereicherung“

„Fast nur mit der Kettensäge wird alles vorbereitet – und dann zusammengesteckt“, erläutert Johannes Berger. Schon nach wenigen Tagen seien alle Azubis fit in der Technik gewesen und hätten eigenständig arbeiten können.

Dass Johannes Berger die Kenntnisse in Deutschland nur bedingt anwenden kann, ist ihm klar. Denn: „Hier werden ja kaum Blockhäuser gebaut.“ Dennoch habe die Zeit ihm persönlich unglaublich viel gebracht. „Man nimmt unglaublich gute menschliche Erfahrungen mit, die auch die Angst nehmen können, mal in die Fremde zu gehen. Ein solcher Aufenthalt verändert die Sichtweise – auch auf die Politik“, so der 32-Jährige.

Gut für das Selbstvertrauen sei solch ein Aufenthalt, „man kann mit wenigen Mitteln unglaublich viel erreichen“, sagt Berger. Und auch die Sprachbarriere sei kein Hindernis gewesen: Auf der Baustelle hätten sie Englisch gesprochen, „da musste niemand Angst haben, Fehler zu machen“. Und wenn Englisch nicht weiterhalf, dann ging es mit Händen, Füßen, Gesten und Blicken. „Es war eine immense Bereicherung.“

von Andreas Schmidt

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr