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Aus der Pflicht entstehen Chancen

Nachhaltigkeitsberichterstattung Aus der Pflicht entstehen Chancen

Ab kommendem Jahr müssen große Unternehmen auch über ihr soziales und ökologisches Engagement berichten. Doch auch kleine Unternehmen werden mittelbar betroffen sein.

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Die nachhaltige Unternehmensführung rückt durch die ab kommendem Jahr geltende Berichtspflicht bei Firmen stärker in den Vordergrund.

Quelle: Sven Geske

Marburg. Mit Wirkung ab 2017 wird die EU-Richtlinie zur Berichterstattung sogenannter „nicht-finanzieller Informationen“ in deutsches Recht umgesetzt.

Von der Umsetzung der EU-Richtlinie in Deutschland unmittelbar betroffen sind große Unternehmen, die eine Bilanzsumme von 20 Millionen Euro oder Umsatzerlöse von 40 Millionen Euro und zugleich die Zahl von 500 Arbeitnehmern überschreiten.

Berichtsinhalte sind Angaben zu Umwelt-, Arbeitnehmer- und Sozialbelangen, zur Achtung der Menschenrechte und zur Bekämpfung von Korrup­tion und Bestechung.

Firmen in der Verantwortung

„Es geht darum, sozial-ökologische Themen in Unternehmen gleichrangig zu ökonomischen zu berücksichtigen und darüber zu berichten“, erläutert Dr. Stefan Blümling aus Marburg. Er ist Berater und Dozent zu nachhaltiger Unternehmensführung, auch Corporate Social Responsibility (CSR) genannt.

CSR bedeutet: Die Unternehmen machen sich bewusst zur Aufgabe, auch die sozialen und ökologischen Auswirkungen ihrer Tätigkeit zu ermitteln, zu messen und kontinuierlich zu verbessern – und zwar über die gesetzlichen Bestimmungen wie Einhaltung des Mindestlohns, der Emissionsgrenzwerte und weiteren Punkten hinaus.

„Der Umgang mit Unternehmensverantwortung ist in Europa bereits seit einigen Jahren in der Diskussion – jetzt soll es allerdings verpflichtend werden zu berichten, was Firmen in dieser Hinsicht tun“, erläutert Blümling. Unmittelbar seien zwar nur die ganz großen Unternehmen davon betroffen – aber laut Blümling gehe das Thema auch kleine und mittlere Unternehmen an.

„Denn die Großen werden darüber berichten müssen, wie es im Kundenbereich und vor allem bei den Lieferanten zu diesem Thema aussieht“, erklärt Blümling. „Und schon kommt die Berichtspflicht der Großen bei vielen kleinen und mittleren Unternehmen in unserer Region an. Denn sie sind oft Zulieferer für große Unternehmen – oder für öffentliche Einrichtungen. Letztere werden zukünftig bei Ausschreibungen auch Nachhaltigkeitsaspekte in die Bewertung der Anbieter aufnehmen.“

Aspekte zahlen sich 
für die Unternehmen aus

Unter dem Strich sind also auch die kleinen und mittleren Unternehmen gefragt, Position zu beziehen. „Unternehmen sollten nicht zu lange warten, damit sie nicht ins Hintertreffen kommen“, meint Blümling. „Denn wenn sie aufgefordert werden, zu sozialen und ökologischen Auswirkungen ihrer Unternehmenstätigkeit zu berichten, dann können sie das nicht mal schnell eben aus dem Hut zaubern.“

Im Übrigen sei es – abgesehen von der Berichts­pflicht – für Unternehmen ökonomisch sehr lohnend, sich mit Nachhaltigkeit systematisch zu befassen. Denn es gehe um Themen, die ihnen bereits jetzt gut bekannt seien: Energiesparen, Ressourcenschonung, Recycling, Mitarbeiterzufriedenheit, gesellschaftliches Engagement für die Region bis hin zu Vorteilen gegenüber Wettbewerbern, die hierzu nicht viel vorzuweisen haben. All dies seien Aspekte, die sich für das Unternehmen auszahlten.

So seien etwa die eigenen Mitarbeiter ein Handlungsfeld – die Palette reiche von der Mitarbeiterbeteiligung über Work-Life-Balance-Angebote bis hin zum Führungsverständnis und der Mitarbeiter-Entwicklung.

Zufriedene Mitarbeiter steigern Produktivität

„Das sind Themen, die auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels massiv diskutiert werden“, sagt der Berater. „Wir werden in der Region auf Dauer nur wettbewerbsfähig bleiben können, wenn wir attraktive Bedingungen für Mitarbeiter schaffen“, ist sich Blümling sicher. Und die Mitarbeiter würden immer kritischer: Die Zeiten seien vorbei, in denen allein die schwarze Zahl auf dem Gehaltskonto für die Auswahl des Arbeitgebers entscheidend sei.

Die jährlich erscheinende Gallup-Studie zeige, dass 16 Prozent der Arbeitnehmer bereits innerlich gekündigt haben, weitere 68 Prozent erledigten nur „Dienst nach Vorschrift“. Nur 16 Prozent sagten, sie seien gerne bei einem Unternehmen. „Das führt zu immensen Produktivitätsverlusten, Krankenstand und Fluktuation“, sagt Blümling.

Auch der Bereich Soziales, der sich auf das Gemeinwesen beziehe, spiele bei CSR eine Rolle. „Viele Unternehmen stiften, spenden oder sponsern und wundern sich, dass sie selbst keine positiven Effekte verspüren“, sagt Blümling.

Dabei komme es gerade dort darauf an, im gemeinnützigen Bereich mit Partnern verlässlich und auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten. Am besten mit Vereinen oder Einrichtungen, deren Zweck sehr nah am Kerngeschäft des Unternehmens liege: Dann sei der Wiedererkennungseffekt größer und das Unternehmensengagement werde stärker wahrgenommen. „Da muss man sehen, dass es passt“, erläutert Blümling.

Bei der Ökologie gehe es um Energie, Klimaschutz, Ressourcensparen, Recycling und Natur­erhalt. Viele kleine und mittelständische Unternehmen seien zwar auch dort aktiv – „aber oft nur punktuell. Häufig gibt es keine Strategie, die mit messbaren Zielen und mit Maßnahmen unterlegt ist“, kritisiert der CSR-Coach.

Zur Umsetzung gehört 
auch eine Strategie

Bei der Umsetzung der Berichtspflicht hilft in seinen Augen der Leitfaden des „Deutschen Nachhaltigkeitskodex“ (DNK), der es ermögliche, über die Nachhaltigkeitskennzahlen in schlanker Form zu berichten.

„Es handelt sich um ­eine Internet-Plattform, die eine sogenannte Entsprechenserklärung über 20 Punkte ermöglicht“, erklärt Blümling. Die Plattform biete einen „niedrigschwelligen Einstieg und rege Unternehmen an, sich mit dem Thema zu beschäftigen – „und fast alle werden dabei feststellen: Wir fangen nicht bei null an“.

Im Idealfall gehe ein Unternehmen gemeinsam mit einem Sachkundigen alle Themenstränge durch, „dann schaut man, was das Unternehmen in diesen Bereichen schon macht. Zum Schluss ermittelt man, wo der größte Handlungsbedarf besteht, setzt sich messbare Ziele und ermittelt passende Maßnahmen“.

Danach werde die Erklärung zwar auf Vollständigkeit, aber nicht inhaltlich geprüft, jedoch anschließend auf der Plattform veröffentlicht. Mit der DNK-Erklärung genügen die Unternehmen der neuen Berichtspflicht vollumfänglich.

Die Unternehmen, die in Richtung Nachhaltigkeit marschieren, können auch ihren Mitarbeitern vermitteln „dass sie in einem Unternehmen arbeiten, welches gesellschaftliche Verantwortung übernimmt. Dann begreift der Mitarbeiter auch den eigenen Arbeitsplatz ganz anders – er ist Teil eines Ganzen, das über die Wertschöpfung des Unternehmens hinaus einen gesellschaftlichen Nutzen erzielt.“

von Andreas Schmidt

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