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Vom Nobel-Hotel in Haft

Aus dem Schöffengericht Vom Nobel-Hotel in Haft

Wegen des Diebstahls von 426.690 Euro verurteilte das Schöffengericht einen 31-Jährigen zu drei Jahren und acht Monaten Haft.

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Weil ein 31-Jähriger seinem Arbeitgeber mehr als 425.000 Euro gestohlen hat, muss er ins Gefängnis.

Quelle: Pixabay

Marburg. Der Brief, der am Donnerstag verlesen wurde,­ war höchst emotional. In dem Schreiben an seine Eltern ­berichtete der Bankangestellte von seinem Plan, seinen Arbeitgeber zu bestehlen und unterzutauchen. Der Delinquent, der immer wieder mit seiner Spielsucht zu kämpfen hatte, sagte aus, den Brief einen Tag vor der Tat verfasst zu haben.

Der zweite Verhandlungstag förderte ansonsten kaum neue Erkenntnisse zutage. Verhört wurden der ehemalige Vorgesetzte des Beschuldigten beim geschädigten Geldinstitut sowie zwei ehemalige Arbeitskollegen. Alle versicherten, dass sie dem Angeklagten eine solche Tat niemals zugetraut hätten und ihn als „herzlich und hilfsbereit“ kennen. Lediglich einer der beiden Kollegen berichtete davon, dass der Mann aus Caldern einige Zeit vor dem Diebstahl von einer Aktion gesprochen habe, „um groß herauszukommen“.

Staatsanwältin Kathrin Ortmüller führte in ihrem Plädoyer aus, dass mehrere strafmildernde Umstände zu berücksichtigen seien. Zum einen, dass der Angeklagte die Tat eingeräumt habe. Zum anderen, dass er sich gestellt und bereiterklärt habe, den Schaden soweit möglich wiedergutzumachen.

Allerdings spreche auch einiges gegen den Angeklagten. „Sie haben mit dem Geld nicht ihre Schulden von mehreren zehntausend Euro beglichen, sondern haben es für Ihr Vergnügen zum Fenster herausgeworfen“, sagte die Vertreterin der Anklage: „Außerdem hätte das Geld bei Ihrem Lebensstil ohnehin nicht lange gereicht. Deswegen kann ihr Umdenken bei der Strafzumessung nicht so stark ins Gewicht fallen.“

Haft in Spanien wird dreifach angerechnet

Der Angeklagte hatte am 13. April dieses Jahres, dem Gründonnerstag, nach Geschäftsschluss die Sicherheitssysteme der Bank umgangen und das Geld in zwei Sporttaschen mitgenommen. Er setzte sich über Paris nach Barcelona ab, wo er für rund sechs Wochen fürstlich in Nobel-Hotels wohnte. Mehr als 200.000 Euro gab er für sexuelle Dienste und in Diskotheken aus. Am 26. Mai stellte er sich der spanischen Polizei und übergab das verbliebene Geld, 80.000 Euro.

Weitere strafschärfende Faktoren laut Ortmüller: Der Beschuldigte nutzte das Vertrauen seitens des Arbeitgebers aus und plante seine Tat minutiös. Die Staatsanwältin plädierte für eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und zehn Monaten.

Nach Meinung von Pflichtverteidiger Peter Schick sei sein Mandant zur Tatzeit in einer sehr prekären Lage gewesen: „Er hatte hohe Schulden und kam beruflich nicht weiter. Als er dann sein letztes Geld an der Börse verloren hat, war er schlichtweg verzweifelt“, erklärte der Rechtsanwalt.

Aufgrund der „nicht menschenwürdigen“ Haftumstände im Gefängnis in Spanien müsse jeder dortige Hafttag im Verhältnis eins zu drei bei der Strafzumessung berücksichtigt werden. Schick beantragte eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren – die längste Strafzeit, bei der eine Bewährungsstrafe möglich ist. Das Gericht urteilte dagegen: drei Jahre und acht Monate Haft.

von Benjamin Kaiser

Mehr zum Prozess lesen Sie hier.
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