Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 3 ° Regen

Navigation:
„Es war wie in einer Scheinwelt“

Aus dem Schöffengericht „Es war wie in einer Scheinwelt“

Beim ersten von zwei Verhandlungstagen machte der Beschuldigte, der ein Geldinstitut bestahl und nach Spanien durchbrannte, vor dem Schöffengericht Angaben zu Tathergang und Motiven.

Voriger Artikel
„Zu wenige Abgänger bleiben in der Region“
Nächster Artikel
Bouffier will kein Bauministerium

Ein  31-Jähriger erleichterte seinen Arbeitgeber um 426.690 Euro, lebte in Saus und Braus – und stellt sich dann der Polizei.

Quelle: FMFA / Pixabay

Marburg. Mehrere Wochen lebte er das Leben eines schwerreichen Mannes und erfüllte sich in der spanischen Metropole Barcelona mehrere Träume: Er wohnte in der Präsidenten-Suite eines Nobelhotels, fuhr Edelkarossen, verzockte beim Glücksspiel mehrere Zehntausend Euro, feierte in exklusiven Discotheken und gab rund 200.000 Euro für Alkohol, Dienste von Escort-Services und käuflicher Liebe aus. Das nötige Geld stammte aus einem Verbrechen. Mehrere Wochen später stellte er sich der spanischen Polizei.

Der ehemalige Bankangestellte einer Filiale in der Region­ Marburg brachte laut Anklage seinen damaligen Arbeitgeber am 13. April dieses Jahres, dem Gründonnerstag, um 426.690 Euro. Davon stammten rund 217.000 Euro aus dem Kassenbestand, der Rest aus dem Geldautomatenbestand. Dabei­ wäre­ der schwere Diebstahl wohl verhindert worden, wenn die ­Sicherheitsregeln der Bank vorschriftlich eingehalten worden wären: Die verschiedenen Räume, in denen Bargeld untergebracht war, ließen sich teilweise von einer, teilweise nur von zwei Personen öffnen. Hinzu kam 
 eine zehnminütige Wartezeit zwischen Entriegelung und Betreten der Räume – zur Sicherheit.

Flucht nach Paris und weiter nach Barcelona

Ein Bereichsleiter des Geldinstituts bestätigte vor Gericht den Unterschied zwischen Theorie und Praxis: „Gerade in solchen kleinen Filialen arbeitet wenig Personal. Manche Räume lassen sich nur von zwei Mitarbeitern mit entsprechenden Sicherheitscodes öffnen. Damit aber alles reibungslos abläuft, wenn beispielsweise nur eine Person anwesend ist, kommt es vor, dass ein Mitarbeiter über zwei Codes verfügt.“

So war es auch im Falle des 31-Jährigen. Er besaß noch den Code eines vor mehreren Monaten ausgeschiedenen Arbeitskollegen, brauchte somit keinen zweiten Mitarbeiter, um die Sicherheitssysteme zu umgehen. Es kam ihm ebenfalls gelegen, dass seine 22-jährige Kollegin an diesem Tag ihren Arbeitsplatz 15 Minuten vor Geschäftsschluss verließ, um einen Termin wahrzunehmen. So konnte er unbeobachtet schalten und walten.

Der Angeklagte packte das Geld in extra mitgebrachte Sporttaschen, lud diese in seinen Wagen und verschwand vom Tatort. Doch erst am Karfreitag setzte er sich ins Ausland ab: Mit dem Taxi nach Frankfurt, wo er seinen Zug verpasste. Weiter nach Kaiserslautern – ebenfalls per Taxi. Dort erwischte er seinen Anschluss und kam einige Stunden später in Paris an. Von dort ging die Flucht per Zug weiter nach Barcelona. „Ich hatte überlegt, mit einem Containerschiff heimlich in die ­Karibik überzusetzen, wo nicht ausgeliefert wird. Auch Afrika war eine Option“, erklärte der 31-Jährige. Er wurde per internationalem Haftbefehl gesucht.

Neben dem Leben auf großem Fuß in der katalanischen Stadt – der Beschuldigte berichtete­ von Sonne, Strand und Sex – ­habe er Tausende Euros an Obdachlose auf den Straßen Barcelonas verteilt. Das schlechte­ ­Gewissen habe ihn geplagt. „Ich habe ständig gedacht, dass mich ­
jeden Moment die Polizei festnehmen kann und hatte­ Angst“, berichtete der Delinquent, dem das Geld schnell ausging.

Angeklagter hatte 
viel Geld verloren

Am 26. Mai, als noch rund 81.000 Euro übrig waren, stellte er sich der Polizei. Grund sei ein sehr emotionales Telefonat mit seinen Eltern gewesen. „Meine Mutter hat gesagt, dass ich zur Polizei gehen und nach Hause kommen soll“, sagte der 31-Jährige unter Tränen.

Sowohl die 22-jährige Bankangestellte als auch der beste­ Freund des 31-Jährigen beschrieben den Angeklagten als „verlässlich und hilfsbereit“. Der 28-Jährige berichtete, dass bereits in der Vergangenheit die Spielsucht an seinem „engsten Freund“ genagt habe. In den Jahren 2012 und 2013 machte­ der Angeklagte eine Therapie für Spielsüchtige. 61 Einzel- und Gruppensitzungen habe er besucht. „Ich habe angefangen, bei Banken mehrere Kredite aufzunehmen und habe an der Börse investiert. Das hat mich nicht mehr losgelassen“, sagte der Beschuldigte. Doch er habe viel Geld verloren. Die Zinslast von rund 1000 Euro monatlich habe ihn sehr belastet. Ein weiteres Motiv sei die Unzufriedenheit mit der beruflichen Perspektive bei der Bank gewesen.

„Ich habe hier in Deutschland und auch in Barcelona an Selbstmord gedacht“, erklärte er. Sein bester Freund bestätigte die Suizidgedanken. Auch habe der 31-Jährige davon berichtet, seinen Arbeitgeber um viel Geld zu erleichtern. „Er hat mal gesagt, dass er das entweder mit dem Diebstahl durchzieht oder sich umbringt. Ich hätte aber niemals gedacht, dass er eins davon macht“, meinte der 28-Jährige.

Der Kriminalpolizist, der in dem Fall ermittelte, war fest davon überzeugt, dass die Tat von langer Hand geplant war. „Er hat seine Kündigung kurz vor seinem Verschwinden verfasst, hat seine Wohnung gekündigt und alle seine Möbel verkauft und sich bei der Gemeinde abgemeldet“, sagte der Beamte. Zumal der Angeklagte anforderte, den Geldautomaten der ­Geschäftsstelle am Tattag mit einem besonders hohen Betrag zu bestücken.

Die Verhandlung wird diesen Donnerstag fortgesetzt.

von Benjamin Kaiser

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr