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Verwirrspiel mit Scheinfirmen und Decknamen

Aus dem Landgericht Verwirrspiel mit Scheinfirmen und Decknamen

Immer mehr Scheinfirmen, Fake-Namen und weitere Strippen eines umfangreichen Netzwerks tauchen im Prozess gegen eine mutmaßliche Betrügerbande auf.

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Die drei Hauptangeklagten im Betrugsprozess beraten sich mit ihren Rechtsanwälten.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Am dritten Verhandlungstag bezog der vierte und letzte Angeklagte Stellung zu den umfangreichen Vorwürfen rund um einen groß angelegten, bundesweiten Aktienbetrug. Der Ex-Geschäftspartner erhob nicht unumstrittene Vorwürfe­ gegen den angeblichen Bandenchef.

Der 49 Jahre alte Düsseldorfer sitzt derzeit in Untersuchungshaft, so wie zwei seiner Mitangeklagten. Über seinen Verteidiger ließ er einen „groben Abriss“ der Betrugsgeschäfte verlesen, an denen er im Bandennetzwerk beteiligt war. Darin gestand der Kaufmann einige Anklagevorwürfe, gab zu, ab Mitte 2015 in dem Konstrukt mitgemischt zu haben.

Während seine drei Mitangeklagten anscheinend als Boss, dessen rechte Hand sowie als Sekretär tätig waren, schlüpfte er in die Rolle eines Vermittlers. Er war unter anderem dafür zuständig, Kontakte zu weiteren Drahtziehern zu knüpfen, organisierte über Dritte weitere Mitarbeiter für die Callcenter und beschaffte frische Konten. Zeitweise übernahm er die Leitung eines Verkaufszweiges unter weiteren Scheinfirmen, wie der „ATT“ oder „First American“.

„Es gab viel Zwietracht und Streit“

Von dort aus tätigten seine Leute Erstgeschäfte, sogenannte „Opener“, und zogen die Käufer an Land. Zeigte einer der hinters Licht geführten Kunden Interesse, folgte der offizielle Kaufvertrag von anderer Seite. „Er bedauert sehr, Leute um ihr Vermögen gebracht zu haben“, verlas Rechtsanwalt Dr. Henner Apfel die Stellungnahme. Selber zum Hörer gegriffen habe sein Mandant dabei nicht, „aus dem Vertrieb hat er sich rausgehalten“. Sinn und Zweck des Ganzen, „zum Schein Aktien zu verkaufen“, war ihm jedoch bewusst. Die Scheinfirmen erwirtschafteten unter ihm rund 1,2 Millionen Euro. Er selber erhielt zumeist zehn Prozent als Provision.

Fiel mal ein Mitarbeiter weg, etwa, weil dieser verhaftet wurde, warb der Vermittler auf Anfrage von „El Presidente“ neue Callcenter-Mitarbeiter an, richtete ein neues Büro ein. Auch ­
bei Streitigkeiten, vermittelte er,­ 
„es gab viel Zwietracht und Streit“. Offen und sachlich berichtete der Angeklagte über „sein Produkt“, also verschiedene, gerade gut laufende Aktien, die er auch dem Chef zum Verkauf anbot, als dessen Fake-Firmen „nicht so gut liefen“.

Zu seinen Aufgaben zählte auch, Informationen über die Kundenakquise und neue Verkäufe weiterzuleiten, etwa an den Hauptangeklagten, den auch der dritte Ex-Kollege als Quasi-Bandenchef darstellte.

„Er hatte die Leute, 
ich die Bürofläche“

Das Verhältnis zwischen den Beschuldigten erscheint vor ­Gericht angespannt, besonders aufseiten des angeblichen Bosses, der die Aussage des Mitverschwörers augenscheinlich nur mit unterdrückter Wut ­vernahm. Fragen der anderen Verteidiger ließ sein Anwalt nicht zu. 
„Sehr interessant“, kommentierte ­Joachim Albert, Verteidiger des angeblichen Bandenchefs, diese Entscheidung. Er spielte auf eine Lüge des 49-Jährigen an.

Denn: Mit einigen von ihm kontrollierten Konten, von denen er gesprochen hatte, habe sein Mandant nie etwas zu tun gehabt. Auch, dass der Chef eines der Büros fast per Zwangsmaßnahme übernahm und mit eigenen Leuten füllte, sei „eine­ freie Erfindung“. Das nahm der andere Beschuldigte mit einem Kopfschütteln hin, ergänzte kurz: „Er hatte die Leute, ich die Bürofläche – wir sind uns einig geworden“. Die Anwälte ­ließen die Angelegenheit auf sich beruhen.

Wie in den vergangenen Sitzungen tauchten auch am dritten Tag immer neue Alias-Namen auf, unter denen sich die Strippenzieher untereinander ansprachen. „Die rechte hat die linke Hand nicht kennen wollen“, beschrieb der vierte ­
Angeklagte dieses Vorgehen. Es gab Pseudonyme wie „Ernie“, „Pierre“ oder „der Kleine“, zählte er neue Mitglieder des Netzwerks auf. Diese und zahlreiche weitere Titel tauchen auch in den üppigen Aktenbergen des Gerichts auf. Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richter Dr. Marco Herzog konnte der Beschuldigte die korrekten Klarnamen nicht nennen.

„Es gab immer Cash“

Einer seiner Mitangeklagten – der Sekretär – wurde indes „Max 2“ genannt. Dessen Vorgänger sagte als erster Zeuge aus. Er wurde bereits vom Amtsgericht verurteilt. Ihm boten die Angeklagten in einer der früheren Firmen „JCN“ – eine GmbH, die regulär über das Internet eingekauft wurde – einen Bürojob an, um die Geschäfte abzuwickeln. „Womit wurden die Geschäfte gemacht?“, stellte Richter Herzog die entscheidende Verfahrensfrage. Es wurde mit Aktien namhafter Unternehmen gehandelt, „die wir aber nicht hatten“, bestätigte der Zeuge.

Er kümmerte sich um den Mail-Verkehr und Zahlungen,­ verschickte bei Interesse der Kunden Informationen und Überweisungsunterlagen mit einem „vorgefertigten Standardtext“. Seine Entlohnung erhielt er stets bar, „es gab immer Cash“, so der Zeuge. Immer neue Scheinfirmen wurden gegründet oder eingekauft, die Adresse änderte sich, ansonsten war es „das gleiche Spiel – ein anderes Produkt, aber dasselbe Muster“, fasste er die millionenschwere Betrugsmasche zusammen.

  • Der Prozess wird diesen Mittwoch um 
9 Uhr fortgesetzt.

von Ina Tannert

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Aus dem Landgericht
Justizmitarbeiter nehmen den drei Hauptangeklagten im Betrugsprozess die Handschellen ab. Ein vierter Angeklagter wird am Dienstag befragt. Foto: Nadine Weigel

Lug, Betrug und Verschleierung herrschten nicht nur in der Kundenakquise, sondern generell im Geschäftsgebaren der Scheinfirmen vor, über die die vier Angeklagten ihre Kunden über Jahre hinweg abzockten.

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