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Verkäufer: „Ich kann Ihren Tag versüßen“

Aus dem Landgericht Verkäufer: „Ich kann Ihren Tag versüßen“

Verlockende Angebote vom Verkaufsprofi: Am fünften Verhandlungstag gegen eine international agierende Betrügerbande, wurden aussagekräftige Audio-Mitschnitte der polizeilichen Überwachung gehört.

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Am Montag fand der fünfte Tag im Betrugsprozess rund um den Verkauf von nicht existenten Aktien statt. Das Foto zeigt die drei Hauptangeklagten mit ihren Verteidigern beim Prozessauftakt.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. „Ich kann Ihren Tag versüßen, hier klingeln die Kassen“, sagt die freundliche Stimme am Ende der Leitung. Der sprachgewandte Mann klingt schon fast euphorisch, bietet günstige Aktien namhafter Unternehmen zum Kauf an. Ein ganz spezielles Angebot für den gefragten Neukunden. Der wirkt interessiert, fragt genauer nach.

Es ist nicht das erste Telefonat mit dem Broker. Der Kunde hat sich die Unterlagen ­bereits angesehen und selber ­recherchiert, ist zufrieden mit dem professionell erscheinenden Firmenauftritt. „Das geht so in Ordnung, ich habe Interesse“, freut er sich.

Es laufe wirklich sehr gut für das aufstrebende Unternehmen und die Entwicklung der Tesla-Aktie oder die von Coca Cola „ist der Hammer“, der Kauf lohnt sich, lockt der nette Mann am Telefon. Natürlich gibt es ­eine Haltefrist für einige Monate, sonst könnte der Kunde über die Aktie ja direkt verfügen und sie weiterverkaufen, zu so einem Preis, „das wäre ja Betrug“, erklärt der freundliche Berater. Nur heute gibt es diesen besonders günstigen Preis und dazu ein exklusives Bezugsrecht und ein Gratis-Depot obendrauf.

Der Kunde ist beruhigt, freut sich über das gute Angebot, entscheidet sich heute dennoch für nur zehn Aktien. Das sei ungewöhnlich, aber ausnahmsweise machbar und den Vertrag kann er auch erst morgen schicken, „das ist ein Gentlemen‘s Agreement“, betont der Gesprächspartner die gegenseitige Vertrauensbasis. Er macht noch einen Witz, freut sich auf das Geschäft mit einem so „grundsoliden Kunden“ und verabschiedet sich fröhlich mit dem Standard-Satz: „Ihr Vertrauen werde ich mit meiner korrekten und sauberen Arbeit rechtfertigen.“

Callcenter klopften Möglichkeiten bei Kunden ab

So oder ähnlich liefen zahlreiche Kundentelefonate diverser Scheinfirmen im März vergangenen Jahres ab. „Das ist ein typisches Gespräch, der Verkäufer schafft Vertrauen und setzt den Kunden unter Druck“, berichtete ein Kriminalpolizist vom ­Dezernat für Wirtschaftsdelikte­ am Montag vor der Strafkammer. Unzählige Gespräche hatten die Ermittler im vergangenen Jahr mitgeschnitten, kamen der mutmaßlichen Betrügerbande auf die Schliche.

Lügen und Betrug sind das Thema in der laufenden Hauptverhandlung. Weitere Aktienverkäufer berichteten am Montag über fragwürdige Geschäftspraktiken innerhalb der verschiedenen Fake-Firmen: Am Telefon wurden den Kunden die nicht existierenden Aktien, unter anderem von Apple, Coca Cola oder Guinness angeboten und „weitere Möglichkeiten abgeklopft“, so ein Zeuge.

Wurde ein Kunde erreicht, landete sein Name samt Kontaktdaten auf einer Karteikarte. Der zuständige Händler notierte daneben weitere Hinweise für die Kollegen: „Kein Interesse“, „zu alt“, „zu krank“, „kein Geld“, wurden unter anderem vermerkt. Dass die Vertriebsmitarbeiter an einer groß angelegten Betrugsmasche mitwirken, sei ihnen nicht bewusst ­gewesen.

Beide Seiten bezweifeln Aussagen von Zeugen

„Das habe ich nicht durchschaut“, beteuerte ein Zeuge,­ der sich bereits selbst vor ­Gericht zu verantworten hatte. Seine angebliche Unwissenheit nahm ihm Staatsanwalt Oliver Rust nicht ab. „Sie wussten ganz genau, dass das nicht-existente Aktien waren“, schlussfolgerte der Anklagevertreter. Dafür habe es mehr als genug Hinweise gegeben. Unter anderem entstanden einige der Call-Center in den Räumen früherer mutmaßlicher Fake-Firmen, unter anderem dem „SOS Tierschutz“, einem Unternehmen, das noch vor dem falschen Aktienhandel von einem der Angeklagten aufgebaut worden sein soll. „Der Name stand noch an der Tür“, verwies Rust auf einen Zusammenhang.

Zweifel ob der Aussagen bereits gehörter Zeugen hegt auch die Verteidigung. Zu Verhandlungsbeginn nahm Verteidiger Joachim Albert Stellung zu früheren Vernehmungen. Wie der Rechtsanwalt nach weiterer Sichtung der Akten vermutet, habe einer der ertappten Aktienverkäufer vom vorherigen Verhandlungstag unwahre ­Angaben gemacht, was seine Verkaufshöhe, Provision­ oder Rolle in dem betrügerischen Firmenkonstrukt anging.

Seine verschiedenen Aussagen lägen „Lichtjahre voneinander entfernt“ – der Zeuge „hat das Gericht wohl mit seinen Kunden verwechselt“, kommentierte der Anwalt. Er habe seine Tatbeteiligung heruntergespielt, um die Angeklagten zu belasten, sich selber in einem besseren Licht darzustellen.

Auch das Gericht zweifelt so manche Aussage an, zumindest zwei der bisher vernommenen Zeugen kamen vor Gericht „nicht sehr überzeugend“ rüber, kommentierte der Vorsitzende Richter Dr. Marco Herzog die Erklärung. Der Prozess wird diesen Dienstag, 21. März, fortgesetzt.

von Ina Tannert

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