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Topverkäufer im Betrugsskandal muss in Haft

Aus dem Landgericht Topverkäufer im Betrugsskandal muss in Haft

Er verführte Dutzende 
Aktienkäufer am Telefon, zog die Kunden mit schönen Worten rein in die 
Betrugsmasche der Bande. Dafür erwartet den schneidigen Telefonverkäufer nun das Gefängnis.

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Weil sie sich satte Börsengewinne erhofften, gingen Dutzende Kunden dem verurteilten Verkäufer auf den Leim.

Quelle: Frank Rumpenhorst

Marburg. Drei Jahre und zehn Monate Freiheitsstrafe plus eine Geldstrafe von insgesamt 20.000 Euro wegen gewerbsmäßigen und bandenmäßigen Betruges – so lautete am Dienstag das Urteil des Marburger Schöffengerichts gegen den „Verkäufer Nummer eins“, der fast zwei Jahre für die bundesweit agierende Betrügerbande tätig war.

Mit gekrauster Stirn und hörbarem Seufzen vernahm der 33 Jahre alte Anlagenberater die Urteilsverkündung des Vorsitzenden Richters Dominik Best. Der Angeklagte hatte sich leise­ Hoffnungen auf eine Bewährungsstrafe gemacht, hatte für dieses Ziel eine „umfassende Aufklärungshilfe“ geleistet, honorierte das Gericht die Bemühungen.

Nur deshalb und durch sein Geständnis landete der betrügerische Aktienhändler überhaupt vor dem Schöffengericht, nicht wie die Kollegen vor dem Landgericht. Nichtsdestotrotz wog seine Beteiligung an der jahrelangen Betrugsserie der Bande schwer, befand der Richter. Der „Topverkäufer“ des ­
dubiosen Firmenkonstrukts war wegen 102 Betrugsfällen angeklagt.

Mann hoffte auf Bewährung

Sichtlich nervös, dabei mit ruhiger Stimme verlas der geständige Angeklagte seine niedergeschriebene Einlassung, wählte wohlüberlegte Worte, „damit ich keine Fehler mache“. Er berichtete von seinem Werdegang als Telefonverkäufer, lernte den Kopf der späteren Betrugsbande kennen und fing an, „zu ihm aufzublicken“, folgte ihm schließlich, als der seine erste Firma gründete.

Über Monate hinweg verkaufte er nicht existente Aktien von einem Call-Center in Düsseldorf aus, akquirierte Dutzende­ Käufer am Telefon und lockte­ mit verführerischen Preisen und Exklusivangeboten. Am Tag führte er „20 bis 50 Gespräche, vielleicht mehr“. Etwa jeder Zehnte fiel auf die professionelle Masche herein. Die Kunden kauften fleißig, investierten jeweils zwischen 2000 Euro und bis zu 100.000 Euro in die falschen Wertpapiere. Insgesamt rund 2,5 Millionen Euro landeten durch die erfolgreiche Verkaufsmasche des Angeklagten auf den Konten diverser Scheinfirmen.

Zu Spitzenzeiten erhielt er einen Anteil von bis zu 70.000 Euro im Monat aus den Betrugsgeschäften, galt als erster Topverkäufer der Bande. Seine Rolle in der Gruppierung spielte er mehrfach herunter. „Bis zu meiner Verhaftung war mir die Tragweite des Betruges nicht bewusst“, beteuerte der Mann unter Tränen vor Gericht. Dass er den tatsächlichen Hintergrund erst sehr spät mitbekam, das nahm ihm Staatsanwalt Oliver Rust nicht ab.

„Wir haben hier eine Bandenstruktur – das war ihm klar“, betonte der Anklagevertreter, der auf eine „Vielzahl an Taten und einen enormen Schaden“ verwies und sich für eine vierjährige Haftstrafe aussprach.

Trotz hohen Gehalts bislang kein Schadensausgleich

Die Verteidigung beantragte die Hälfte und spielte auf eine mögliche Bewährung an. Sein Mandant sei von dem mutmaßlichen Bandenchef für die Betrugsmasche angeworben und „mit hineingezogen“ worden, habe sich heute jedoch „gefangen“, betonte Verteidiger Nikolaus Krebsbach-Noske. „Ich bereue meine Taten zutiefst“, ergänzte der Angeklagte. Er wolle mit sich „ins Reine kommen“ und die Finger von illegalen ­Geschäften lassen.

Auch wenn er mit einer Haftstrafe rechnete, hoffte der Mann auf einen offenen Vollzug, um eine neue, lukrative Arbeit fortsetzen zu können. Denn: Seine Branche hat er nicht verlassen, wenige Monate, nachdem die Bande aufflog, fand er ­eine neue Anstellung bei einer Wertpapierbank, sei seitdem ­legal tätig. Dass er bei einem­ ­Monatsverdienst von mindestens 8000 Euro netto bislang keinerlei Schadenswiedergutmachung an die geprellten Kunden geleistet hat – das kam vor Gericht weniger gut an.

Er erhielt zusätzlich zu einer Haftstrafe eine Geldstrafe von 100 Tagessätzen zu je 200 Euro. Diese diene gerade bei Wirtschaftstaten dazu, auf die Vermögensverhältnisse des Delinquenten „einen gewissen Einfluss zu nehmen“, erklärte der Richter. Das Strafmaß sei im Falle des Angeklagten noch ­gering, spiegele sowohl dessen hohe Kooperation wie auch eine „erhebliche kriminelle Energie“ wider. „Sie wissen, was sie gemacht haben und sie wissen, dass die Strafe nicht hoch ist“, schloss der Richter. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

von Ina Tannert

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Aus dem Landgericht
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