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Anschein überzeugte Käufer

Aus dem Landgericht Anschein überzeugte Käufer

Drei weitere Kunden der Angeklagten berichteten im Prozess um den Verkauf nicht existierender Aktien von gewieften Praktiken der Betrügerbande.

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Der Bulle steht für den Aufschwung der Börse – den erhofften sich auch die geprellten Kunden der Betrügerbande.

Quelle: Frank Rumpenhorst

Marburg. Als einer der letzten Zeugen berichtete ein Apotheker von einem besonders verlockenden Angebot der trickreichen Verkäufer der Betrügerbande. Ein „Loader“ überzeugte den geprellten Käufer mit günstigen Aktien eines neuen, vielversprechenden Medikaments.

„Der Aktientipp war gar nicht schlecht“, erinnerte sich der Zeuge. Denn kurze Zeit später stieg der Kurs tatsächlich. Er schlug zu, investierte mehr als 20.000 Euro. Der Verkäufer setzte noch eins drauf und präsentierte eine falsche Investorengruppe, die die Billig-Aktien zu einem deutlich höheren Preis abnehmen würde. Natürlich nur, wenn der Kunde das Rundumpaket nimmt. Das klang wie ein sicheres Geschäft, „ich dachte, die wissen was, ich habe mich überreden lassen“, erklärte der Zeuge.

So wie ihm erging es Dutzenden Aktienkäufern, die bei ihren Geschäften „eher risikofreudig“ vorgingen, gerne mal zockten und auf die Betrugsmasche hereinfielen. Mit einem ausgeklügelten System zur Kundenakquise vermittelte die Bande den Eindruck, man habe „ein seriöses Brokerhaus“ vor sich, fand ein weiterer Zeuge. Dem war nicht so. Über Jahre hinweg unterhielten die Betrüger diverse Scheinfirmen. Wie einer der Angeklagten gestern noch zu-
gab, hatte auch er nach der Geschichte die Hände in dubiosen Geschäften.

Angeklagter hofft nach Aussage auf Milde

Die Bande flog im April vergangenen Jahres auf, die Hauptangeklagten wurden verhaftet. Nachdem der Haftbefehl vorübergehend aufgehoben wurde, betätigte sich der 49-Jährige erneut als Anlagenberater bei einer mutmaßlichen Betrugsfirma. Er betreute „ruhig zu stellende Kunden“, die wertlose Unternehmensanteile an einer jungen Pharmafirma besaßen, dabei vergeblich auf eine Rendite hofften, verlas Verteidiger Dr. Henner Apfel die ergänzende Einlassung seines Mandanten. Der hielt zudem weiter Kontakt zu einem früheren Kollegen aus der Betrügerbande und verstieß damit gegen seine Auflagen zur Haftaussetzung.

Der Angeklagte scheint sich mit dem neuen Geständnis weitere Bonuspunkte vor Gericht zu erhoffen. Denn: der eigentlich bis Ende Mai angesetzte Mammutprozess konnte gehörig verkürzt werden, die Beweisaufnahme ist abgeschlossen. Nicht zuletzt durch die hohe Mitarbeit und Aufklärungshilfe der Beschuldigten, wie fast alle Verteidiger immer wieder betonten.

Zu guter Letzt kam der psychiatrische Sachverständige zu Wort, der einem der Angeklagten – dem angeblichen „Laufburschen“ von „El Presidente“ – eine Mehrfachabhängigkeit von Alkohol und Kokain bescheinigte. Der 38-Jährige neige zur „Persönlichkeitsakzentuierung“, suchte Halt bei „seinem Idol“, dem charismatischen, selbstsicheren Bandenchef und kompensierte seine labile Persönlichkeit mit Drogen. Dennoch liege in seinem Fall keine schwere Sucht vor, eine Therapie sei zwar nötig – Voraussetzungen für eine gerichtlich angeordnete Unterbringung sah der Gutachter jedoch nicht. Der Angeklagte könnte daher, wie seine Kollegen, mit einer mehrjährigen Haftstrafe rechnen.

  • Der Prozess wird diesen Mittwoch, 5. April, ab 
9 Uhr im Landgericht fortgesetzt. Es werden sowohl die Plädoyers wie auch die Urteile erwartet.

von Ina Tannert

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Aus dem Landgericht
Weil sie sich satte Börsengewinne erhofften, gingen Dutzende Kunden dem verurteilten Verkäufer auf den Leim. Foto: Frank Rumpenhorst

Er verführte Dutzende 
Aktienkäufer am Telefon, zog die Kunden mit schönen Worten rein in die 
Betrugsmasche der Bande. Dafür erwartet den schneidigen Telefonverkäufer nun das Gefängnis.

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