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Aus Albanien in Kirchhainer Backstube

Ausbildung Aus Albanien in Kirchhainer Backstube

Der Kirchhainer Bäckermeister Frank Schubert bildet mit dem Albaner Kujtim Shehu einen minderjährigen unbegleiteten Flüchtling aus und setzt damit für andere Handwerker ein Zeichen, dass dies möglich ist.

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Kujtim Shehu (Dritter von links) mit Dr. Christian Lohbeck (von links), Verkäuferin Edith Schneider und dem Bäckermeister Frank Schubert.

Quelle: Klaus Böttcher

Kirchhain. „Ich bin vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen“, erzählt der damals erst 15-jährige Kujtim Shehu. Er hatte zu der Zeit schon den Hauptschulabschluss und strebte in der 10. Klasse den mittleren Bildungsabschluss an. Trotzdem er in Albanien eine Familie hat, floh er nach Deutschland. „Ich wollte ein besseres Leben für mich“, sagt er zu seinem Entschluss.

In Deutschland war er zunächst in der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen untergebracht und kam dann in eine Wohngruppe in den Kirchhainer Stadtteil Niederwald. Dort leben jeweils in Zimmern zu zweit zehn minderjährige unbegleitete Flüchtlinge zusammen.

Den Kontakt zu Bäckermeister Frank Schubert stellte der Kirchhainer Kommunalpolitiker Dr. Christian Lohbeck her, der sich in der Flüchtlingspolitik engagiert. Frank Schubert hatte bereits im Frühjahr 2016 einen Albaner in der Backstube, den er ausbilden wollte. Doch der junge Mann wurde 18 Jahre alt und musste zunächst zurück in seine Heimat. Er wollte mit den nötigen Papieren seines Heimatlandes und der deutschen Botschaft wiederkommen. Schubert hatte ihm zur Erleichterung schon einen Vorvertrag ausgestellt.

„Die dortigen Behörden und wohl auch die deutsche Botschaft waren nicht in der Lage, aus welchen Gründen auch immer, ihm solche Papiere zu geben, dass er nach Deutschland hätte zurückkommen können“, sagt Lohbeck. Er kümmerte sich dann darum, dass der Bäckermeister einen neuen Interessenten zur Ausbildung bekam.

Das war ein Glücksgriff für den Kirchhainer Handwerker, der sagt: „Wenn ich jemanden ausbilde, dann jemanden, der es möchte und nicht muss.“ Schubert ermöglichte Shehu zunächst ein sechswöchiges Praktikum. „Dabei hat er sich hervorragend eingearbeitet. Er ist sehr begabt und spricht gut deutsch. Außerdem ist er mit Freude bei der Sache“, lobt ihn der Meister.

Derzeit absolviert Kujtim Shehu eine Einstiegsqualifizierung, ist jeweils zwei Wochen im Betrieb und eine Woche in der Berufsschule. „Im Juni wird er 18 Jahre und ab 1. August hat er den Ausbildungsvertrag zum Bäcker“, erzählt Schubert begeistert von dem Jungen.

Kujtim Shehu sucht nun eine eigene Wohnung

In seiner Bäckerei mit Verkaufsladen sind insgesamt neun Leute beschäftigt. „Wir sind wie eine Familie“, betont der Meister. Seinen Handwerksmeisterkollegen, die teilweise dringend Auszubildende suchen, empfiehlt er, es ihm nachzumachen. „Man muss ein Vorgespräch führen und ein wenig Menschenkenntnis haben“, sagt Schubert. An seinem Projekt haben einige Leute mitgewirkt, die sich für Flüchtlinge einsetzen. Außerdem unterstütze die Handwerkkammer und auch die Arbeitsagentur die Betriebe bei derartigen Vorhaben.

Zu seiner Motivation, warum er Flüchtlingen eine Chance geben will, sagt der Bäckermeister: „Das ist aus dem Menschlichen heraus, meine liberale Einstellung. Jeder, der hierher kommt und geflüchtet ist, weil er zu Hause Angst hatte, ist wirklich willkommen, wenn er arbeiten möchte und unser Grundgesetz und so weiter achtet.“

Kujtim Shehu sucht jetzt dringend eine kleine Wohnung in Kirchhain. Als Bäcker muss man früh raus - und dazu brauche er Ruhe. Die hat er in dem Wohnheim nicht, da die anderen Bewohner und auch sein Mitbewohner nicht so früh schlafen gehen. Shehu erzählt, dass er dann gestört werde - und wenn er um 2.30 Uhr aufstehe, störe er seinen Zimmernachbarn. Jede Nacht fährt er mit dem Fahrrad nach Kirchhain zu seiner Arbeit. Trotzdem sagte er: „Der Bäckerberuf ist super“ und ergänzt: „In der Belegschaft bin ich aufgenommen worden wie in einer Familie.“

von Klaus Böttcher

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