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Auf den Höhenflug folgt der Absturz

Psychische Erkrankungen als Folge von Stress Auf den Höhenflug folgt der Absturz

Die Zahl von psychischen Erkrankungen am Arbeitsplatz steigt stetig an: Vor allem Leistungsträger sind gefährdet – die Forderung nach einer „Anti-Stress-Verordnung“ verhallte 
jedoch bisher.

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Psychische Erkrankungen wegen der Zunahme von Stress am Arbeitsplatz sind mittlerweile die zweithäufigste Diagnose bei Krankschreibungen.

Quelle: Oliver Berg

Marburg. Johannes Meuser (Name von der Redaktion geändert) geht es langsam wieder besser. Ihn hat die Arbeit ausgebremst. Eine Arbeit, die er als Projektleiter im Baugewerbe lange Zeit geliebt hat – die ihn aber letztendlich krank gemacht hat.

Zunächst arbeitete er in einem Marburger Unternehmen, war dann fast ein Jahrzehnt selbstständig. Danach arbeitete er bei einer Firma im Rhein-Main-Gebiet. Die Objekte wurden größer, die Verantwortung nahm zu. „Da war die Arbeitszeit schon recht heftig – zum Einen durch das Pendeln, aber auch durch Projekte, die sich in Süddeutschland befanden“, erzählt Meuser. Es sei aber noch „in Ordnung“ gewesen.

Doch das Unternehmen wurde von einer größeren Firma geschluckt. „Das führte dazu, dass ich parallel fünf große Baustellen von Süddeutschland bis in den Norden hatte – und jede musste mindestens einmal wöchentlich besucht werden. Das Pensum war gewaltig“, erzählt der 57-Jährige.

Auch habe die neue Firma ihre Struktur einfach über die vorhandene Firma gestülpt – Prozesse, die jahrelang im Familienunternehmen gelebte Praxis waren, wurden über den Haufen geworfen. „Das hatte zur Folge, dass ich gegen 5.30 Uhr das Haus verlassen habe und abends gegen 22.30 Uhr oder später nach Hause kam.“ Zu dem beruflichen Stress kam der private hinzu. „Meine Kinder sind extra früh aufgestanden, damit sie mich wenigstens kurz sehen“, erzählt Meuser.

Kurzzeitgedächtnis verloren

Er erinnert sich an eine Situation, als er morgens auf einer Baustelle in Süddeutschland war. „Ich erhielt einen Notruf von einem Objekt in Bremerhaven, mein Erscheinen war notwendig“, erzählt er. Also setzte er für den Abend um 20 Uhr eine Besprechung an. „Ich rief meine Frau an, die mir anbot, mitzukommen, damit sie wenigstens den Rückweg fahren konnte“, erzählt er.

Auf der Rückfahrt spät nachts konnte er ein wenig schlafen, „dann habe ich zu Hause geduscht, mich wieder angezogen und bin zurück in die Firma gefahren“. Irgendwann stieg sein Körper aus, „ich habe sogar das Kurzzeitgedächtnis verloren. Das ging so weit, dass ich in einer Besprechung saß, mir Notizen machte und mich zwei Türen weiter in meinem Büro an nichts von den vorherigen Stunden erinnern konnte“.

Meuser verlor seine Familie, seinen Job – „aber so langsam geht es mir wieder besser“, sagt er. Der 57-Jährige ist kein Einzelfall: Etwa jeder fünfte Arbeitnehmer fühlt sich von seiner Arbeitssituation überlastet – das ergab eine Umfrage durch das Institut TNS Infratest. 70 Prozent der Befragten sagten, ihre Arbeitsbelastung habe in den vergangenen Jahren zugenommen.

Gewerkschaften fordern schon lange eine „Anti-Stress-Verordnung“, dafür sprach sich vergangenes Jahr auch Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) aus – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erteilte der Forderung allerdings eine Absage.

Dr. Ulf Immelt, Gewerkschaftssekretär des DGB Mittelhessen, zitiert aus einer Beschäftigtenbefragung des DGB-Index „Gute Arbeit“. „Dabei haben wir festgestellt, dass zwei Drittel aller Beschäftigten in der gleichen Zeit mehr leisten müssen als vorher. Außerdem muss jeder Vierte permanent für den Chef erreichbar sein – das führt zu einer Entgrenzung von Arbeitszeit und Freizeit. Und 50 Prozent der Befragten sagen, sie arbeiten gehetzt.“

Arbeiten bis in die Nacht

Diese Zahlen kann Jana Kohlmetz von der Perspect GmbH, die sich unter anderem um betriebliche Wiedereingliederung kümmert, bestätigen. „Uns ist aufgefallen, dass unsere Klienten häufig eine starke Belastung am Arbeitsplatz hatten, dass ihre Leistungsfähigkeit stark beeinträchtigt wurde. Vor allem sind die betroffen, die am leistungsstärksten waren“, sagt sie.

„Enthemmtes Arbeiten“ sei da das Stichwort: Die Menschen arbeiteten von früh bis nachts, könnten nicht mehr loslassen, seien permanent erreichbar. „Sie sind häufig hoch motiviert, hören aber auf die ,kleinen Warnlämpchen‘ nicht, die der Körper aussendet. Und wenn man auf die kleinen Lämpchen nicht hört, dann wird es am Ende ein Motorschaden“, vergleicht sie die Situation mit dem Autofahren.

Besonders gefährdet sind ihrer Erfahrung nach Personen in Führungspositionen, weil diese besonders häufig enthemmt arbeiteten. „Es gibt allerdings Regularien wie die psychische Gefährdungsbeurteilung, die für Arbeitgeber gesetzlich vorgegeben sind“, verdeutlicht Kohlmetz. Doch würden diese häufig nicht eingehalten.

„Die Firmen müssen ihre Hausaufgaben machen“

Das Arbeitsschutzgesetz verpflichtet Arbeitgeber dazu, auf Basis einer Beurteilung der Arbeitsbedingungen zu ermitteln, welche Form des Arbeitsschutzes erforderlich ist. Bei dieser Gefährdungsbeurteilung sind auch psychische Belastungen der Arbeit zu berücksichtigen – also etwa die Arbeitsintensität, die soziale Unterstützung am Arbeitsplatz oder die Dauer, Lage und Verteilung der Arbeitszeit.

„Der Arbeitgeber muss also schauen, welche Belastungen vorliegen – und wie er sie abstellen kann“, fasst Jana Kohlmetz zusammen. Bei Stichproben der Unternehmen, in denen ihre Klienten arbeiteten, sei ihr aufgefallen, dass keines der Unternehmen dies getan habe – „und zwar querbeet, von ganz groß bis ganz klein. Die Firmen müssen ihre Hausaufgaben machen“, fordert sie. Zudem müsste die Einhaltung der Gesetze überprüft werden.

Dabei sollten gesunde Mitarbeiter auch im Interesse der Arbeitgeber liegen: Laut Gesundheitsreport der BKK ist vor allem der relative Anteil psychischer Erkrankungen in den vergangenen 39 Jahren von 
2 Prozent auf 14,7 Prozent angestiegen. Und während psychische Erkrankungen vor 20 Jahren nahezu bedeutungslos waren, sind sie heute die zweithäufigste Diagnosegruppe bei Krankschreibung.

Das führt zu Ausgaben in Milliardenhöhe: Die direkten Krankheitskosten für psychische Erkrankungen betragen laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin knapp 16 Milliarden Euro pro Jahr. Sie könnten bis 2030 auf rund 32 Milliarden Euro anwachsen.

von Andreas Schmidt

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