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Auch in der „Boom-Region“ gibt es Probleme

Arbeitsmarkt Auch in der „Boom-Region“ gibt es Probleme

Was tun gegen den drohenden Fachkräftemangel? Um die Nöte der Arbeitgeber drehte sich am Dienstag das Arbeitsmarktgespräch im Ausbildungszentrum von Christmann&Pfeifer (C+P).

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Vor dem Arbeitsmarktgespräch gab es einen Rundgang durch das C+P-Ausbildungszentrum – dabei konnten die Arbeitgeber auch Isabell Schneider bei der Arbeit zuschauen.

Quelle: Andreas Schmidt

Breidenbach. Quasi ins „Herz der Ausbildung“ hatte die Arbeitsagentur Marburg 29 Unternehmer aus dem Hinterland eingeladen: Das Ausbildungszentrum von C+P ist mittlerweile der größte Ausbildungsverbund Hessens, dem derzeit rund 60 Mitgliedsbetriebe angehören, erläuterte C+P-Geschäftsführer Bernd Feige. „Wir haben hier rund 350 Jugendliche im Durchlauf“, sagte Feige. Diese würden in 15 Metall- und Elektroberufen ausgebildet. Dabei stehe das Ausbildungszentrum auf vier Säulen: Der Orientierung, der Verbund-Ausbildung, der Umschulung und der Weiterbildung.

Jeglicher Ausbildungsschritt wird dokumentiert und ausgewertet. „In den ersten drei Monaten erfassen unsere Meister etwa 2500 Bewertungen“, so Feige - diese würden dann auch grafisch aufgearbeitet. Hinzu kommen noch Tagesseminare, die etwa von der Zerspanung bis hin zur Arbeitsplatzergonomie reichen - so ergebe sich ein rundes Bild.

Doch trotz der guten Ausbildungsmöglichkeiten im Verbund steht C+P, wie viele Betriebe im Hinterland, vor der Problematik, dass die Zahlen der potenziellen Auszubildenden sinken. Dies verdeutlichte Volker Breustedt, Leiter der Arbeitsagentur Marburg: Die „Boom-Region Biedenkopf“ mit einer stark gesunkenen Arbeitslosenquote von lediglich 3,2 Prozent (Vorjahr: 3,8 Prozent) verfüge über etwa 1400 Betriebe mit rund 18000 Beschäftigten.

„Im Landkreis gibt es einen guten Branchen-Mix und eine tolle Lage“, verdeutlichte er. Denn: Wenn eine Branche ein wenig schwächele, könne dies häufig mit einer anderen ausgeglichen werden. „Natürlich machen wir aus dem Metzger keinen Automechaniker“, stellte Breustedt klar. Doch der Mix biete vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten.

Demografischer Wandel: Zahl der Bewerber sinkt

Ein Manko sieht der Agenturleiter jedoch auch - und zwar im gesamten Landkreis: Die Zahl der Bewerber geht zurück - aktuell liegt das Minus im Vergleich zum Vorjahr bei 4,4 Prozent. Etwa 1500 Jugendliche suchen einen Ausbildungsplatz. „Wir beten das wie ein Mantra vor uns her: Achtet darauf, es werden weniger Schulabgänger und es wird schwieriger, Ausbildungsstellen zu besetzen, weil die Auswahl schwieriger wird. Dies tritt jetzt ein.“

Das Fazit laute: Biedenkopf sei eine Boom-Region mit annähernder Vollbeschäftigung, die von einem Zuwachs an Zeitarbeitsstellen und einer geringen Fluktuation im verarbeitenden Gewerbe geprägt sei. „Das macht die Besetzungsprozesse schon ziemlich schwierig“, so Breustedt, „das Hinterland ist wie bei Asterix und Obelix ein kleines gallisches Dorf mit starken Geschäftsideen und vielen Marktführern.“ Allerdings sei die Region aufgrund der Erreichbarkeit relativ abgekapselt. „Und das macht es für Sie als Arbeitgeber extrem schwierig, neue Menschen zu gewinnen, die nicht aus der Region kommen.“

Das bestätigten die Unternehmer, die sich im Anschluss an die Zahlen in Kleingruppen austauschten. Ein wichtiges Thema an allen Tischen: Die Mobilität, vor allem von Auszubildenden. Katrin Münzenberg vom Personaldienstleister Persoplan berichtete, dass sie häufig mit der Problematik zu kämpfen habe, dass ein Azubi noch keinen Führerschein habe. Sie wünschte sich für solche Fälle die Möglichkeit, etwa durch die Arbeitsagentur einen Führerschein vorfinanzieren zu können.

Auch ein weiteres Problem wurde deutlich: Zwar sei etwa ein Drittel aller gemeldeten Arbeitslosen im Landkreis älter als 50 Jahre - deren Fachkraft schätzten die Arbeitgeber zwar, doch seien sie häufig den körperlichen Anforderungen der Berufe etwa in der Industrie nicht mehr gewachsen.

Infrastruktur im gesamten Landkreis ein Problem

Auch in den anstrengenden Pflegeberufen sei es „sehr schwierig, die Menschen einzusetzen“, wie Karin Görg vom gleichnamigen Hauskrankenpflegedienst weiß. Und das, obwohl sie gerne ältere Arbeitnehmer beschäftige.

Als problematisch stelle sich auch die schwierige Infrastruktur im Landkreis - nicht nur im Hinterland - dar, wie Michael Thoss vom Arbeitgeberservice berichtete. „Ein ganz großer Wunsch ist auch, ein Netzwerk zu schaffen, bei dem ein Ansprechpartner alle Fäden in der Hand hat, um das Hinterland noch weiter nach vorne zu bringen“, erläutert er.

Agenturleiter Breustedt zog ein positives Fazit der Veranstaltung - es sei um den Austausch gegangen, und der sei erfolgt. Die Agentur werde die Arbeitgeber so gut wie möglich unterstützen, denn: „Die Prozesse der Vermittlung werden immer individueller.“

von Andreas Schmidt

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