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Arbeiter wollen Entgelt-System kippen

CSL Behring Arbeiter wollen Entgelt-System kippen

Der interne Unmut in der Belegschaft über die Neu-Bewertung aller Tarif-Stellen bei CSL Behring wurde gestern erstmals öffentlich ausgetragen: In zwei Güteverhandlungen vor dem Arbeitsgericht.

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Die CSL-Mitarbeiter Rainer Feisel (links) und Hans Gerber klagen vor dem Arbeitsgericht Gießen gegen ihre Herabstufung in eine niedrigere Entgeltgruppe.Foto: Anna Ntemiris

Marburg. Es geht nicht nur ums Geld, es geht ums Ansehen: „Der Kläger fühlt sich mit der Bewertung seiner Tätigkeit diskreditiert“, erklärte Rechtsanwalt Jürgen Schreiber für seinen Mandanten Hans Gerber. Der 48-jährige Schichtarbeiter geht gegen seinen Arbeitgeber CSL Behring juristisch vor, weil er in der Entgeltstruktur zwei Stufen niedriger eingruppiert worden ist.

Der Kläger, der seit 1996 am Standort Behringwerke beschäftigt ist, habe momentan keine finanziellen Einbußen durch diese Neueingruppierung, sagte Richter Rainer Ratz in der Güteverhandlung. Denn CSL Behring gleicht die Differenz zum vorherigen Lohn durch freiwillige Leistungen aus (die OP berichtete). Das betonte Geschäftsführer Dr. Roland Martin vor dem Arbeitsgericht. Dies sei in einer Betriebsvereinbarung festgeschrieben.

„Betriebsvereinbarung kann gekündigt werden“

Aus Sicht von Hans Gerber ist diese Betriebsvereinbarung aber keine stabile Grundlage für die Zukunft. Er und sein Kollege Rainer Feisel (53) sind die ersten Mitarbeiter, die gegen die Neubewertung ihrer Stelle geklagt haben. Während die Geschäftsleitung erklärt, dass es sich um Einzelfälle handelt, sehen sich die Kläger als Vorreiter für zahlreiche Kollegen. Weitere erwägen, ebenfalls zu klagen, andere haben Angst vor einer internen Versetzung. Ein Teil von ihnen kam gestern nach Gießen, um die beiden Güteverhandlungen zu verfolgen. Die unzufriedenen Kollegen erhoffen sich, das ganze Entgelt-System kippen zu können. Wenn das Gericht den ersten Klägern Recht gebe, „könnte das ganze System zusammenbrechen“, sagte Rechtsanwalt Schreiber.

Hans Gerber erklärte, dass es ihm nicht nur um die Wertschätzung seiner Arbeit geht, sondern er auch finanzielle Nachteile erwarte: Er erhalte weniger Sozialleistungen und damit fließe weniger in die Rentenkasse. Auch fürchte er, dass er weniger Weihnachtsgeld und einen geringeren Anteil am Jahresbonus erhalten werde.

„Betriebsvereinbarungen sind kündbar. Ja, diese hier ist bundesweit einmalig. Ein Nachfolger von Dr. Martin könnte diese freiwilligen Leistungen daher streichen. Dann würde ich 600 Euro brutto weniger im Monat erhalten“, so Gerber. Die Betriebsvereinbarung ist mit einer Frist von sechs Monaten kündbar, erklärte er weiter. Er habe daher keine feste Zusicherung, dass er bis zur Rente so bezahlt werde wie bisher. Die gleichen Argumente bringt auch Feisel vor, der Arbeiter wurde von der Entgeltgruppe E 6 auf E 3 herabgestuft. Die Geschäftsführung erklärte, dass jeder Mitarbeiter seine Einwände vor der eigens eingerichteten Clearing-Stelle vorbringen könnte. Dieses Gremium besteht aus Martin und Betriebsratschef Walter Kreuer, der das neue System für fair hält. Die Clearing-Stelle bringe keinerlei Klarheit für die Betroffenen, so Anwalt Schreiber. Jeder habe die gleichen Antworten erhalten. „Die Clearing-Stelle ist hier“, sagte er im Gerichtssaal. Im OP-Gespräch berichtete Feisel, dass er zum Gespräch mit Martin und Kreuer einen Anwalt mitnehmen wollte. „Nachdem ich das angekündigt hatte, bekam ich keine Einladung für die Clearing-Stelle“, sagte er.

Martin: Unterm Strich verdient keiner weniger

„Die Emotionen sind da“, räumte Martin im OP-Gespräch am Rande der Verhandlung ein. „Die Sorgen sind verständlich“. Doch die Ausgleichszahlung führten dazu, dass unterm Strich keiner weniger als bisher verdiene. Außerdem halt sich CSL, das überdurchschnittlich zahle, an die Tarifgehälter. Die Gewinnbeteiligung am Jahresende habe nichts mit der neuen Entgeltstruktur zu tun. Der Anteil werde am Erfolg des Unternehmens gemessen und „künftig auch an der Leistung der Mitarbeiter“.

Da sich in beiden Fällen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gestern nicht einigen wollten, bestimmte Richter Ratz für den 1. Oktober einen Kammertermin. Allerdings erklärte er, dass er „kleine Stellschrauben“ sehe: An Schichtzulagen, Ausgleichszahlungen oder Sonderzahlungen könnte noch gedreht werden, sodass ein Kompromiss vielleicht möglich sei. von Anna Ntemiris

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