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Apotheken kämpfen um ihre Zukunft

Nachwuchssorgen Apotheken kämpfen um ihre Zukunft

Eine Apotheke gehört für viele zu einem Ort wie die Bäckerei oder der Friseur. Doch in Deutschland geht die Zahl der Apotheken stetig zurück – das macht sich besonders auf dem Land bemerkbar.

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An einer Glasscheibe ist das Apothekensymbol zu sehen. Im Hintergrund stehen verschiedene Medikamente in Regalen.

Quelle: Uli Deck

Marburg. 65 – ein Alter, in dem viele andere Menschen bereits in Rente gehen, ist für Dr. Susanne Rück noch lange kein Grund zum Aufhören. Ihre Apotheke in Fronhausen wolle sie auch gerne noch einige Zeit weiterführen, sagt sie. „Weil ich das Glück habe in einem tollen Beruf und mit einem tollen Team zu arbeiten. Und unsere Kunden sind außergewöhnlich angenehm“, so Rück.

Doch selbst wenn sie aufhören wollte: Einen Nachfolger für die Apotheke zu finden wäre eine schwere Aufgabe. „Natürlich hätte ich irgendwann gerne jemanden, der das macht. Dem würde ich dann gerne die Vorzüge aufzeigen, die es hat, hier zu arbeiten. Voraussetzung dafür ist aber natürlich, dass es sich wirtschaftlich überhaupt noch lohnt“, fügt sie an.

Gerade in ländlichen Regionen ist die Nachfolgeregelung immer häufiger ein Problem – auch in Marburg-Biedenkopf hat sich die Situation verschärft, erklärt Rück, die als Sprecherin zudem die Apotheken in Marburg und Umland vertritt. „Schon Mitarbeiter zu finden, ist inzwischen schwer.“

Schwierige Bedingungen

Junge Pharmazeuten gingen lieber in die Industrie – dort ließe sich schließlich besser verdienen. Und die, die doch den Beruf des Apothekers ergreifen, arbeiteten heute zum Teil lieber in Teilzeit oder wollten zumindest nicht die vielen Zusatzaufgaben übernehmen, die man als Chef zu erledigen habe. „Buch führen, Bestellungen machen, Rezepturen herstellen – all das muss man oft nach Feierabend machen“, erläutert sie. „Und die Mitarbeiter sehen das natürlich.“

Während sie selbst noch das Glück habe, eine weitere ausgebildete Apothekerin im Geschäft zu haben, seien andere oft die einzigen mit Approbation in ihrer Apotheke. Da so ein Ansprechpartner gesetzlich gesehen immer da sein müsse, könnten diejenigen oft keine Pause oder freien Tage machen. Ihr selbst sei das fast so bei der Beerdigung ihres Vaters gegangen. Mit Not organisierte sie eine Vertretung und kam nur rechtzeitig, „weil der Pfarrer den Termin verschoben hat“.

Diesen Stress, diese Dauerbelastung wollten sich viele offenbar nicht mehr antun – zumal das Geschäft schwieriger geworden ist. Versandhändler sind zu einer großen Konkurrenz geworden.

Automaten-Apotheke 
muss wieder schließen

Zu Jahresbeginn gab es laut dem Deutschen Apothekerverband (DAV) bundesweit 20.023 Apotheken, so wenige wie nie seit der Wiedervereinigung. In den vergangenen Jahren seien je etwa 200 Apotheken weggefallen – zum Jahresende könnte die Zahl deutlich unter 20.000 liegen. „Rückgänge gab es in allen Bundesländern“, sagt DAV-Vorsitzender Fritz Becker. „Aber sie haben für die Patienten 
in unterschiedlichen Regionen unterschiedliche Auswirkungen: Gerade in strukturschwachen Regionen, in ländlichen Gemeinden, aber auch in Außenbezirken und Wohngebieten von Großstädten müssen wir wachsam bleiben.“ Versorgungslücken gebe es noch nicht, aber es dürften eben auch keine entstehen.

Als vor Jahren im kleinen Hüffenhardt in Baden-Württemberg der Inhaber der Apotheke in Ruhestand ging und keinen Nachfolger fand, musste die Apotheke schließen. Dies nutzte der niederländische Versandhändler DocMorris mit einer umstrittenen Idee. Er stellte eine Automatenapotheke auf und eröffnete sie vergangene Woche. DocMorris-Apotheker in den Niederlanden geben per Knopfdruck das Medikament frei, das aus dem Automaten fällt. Beraten wird per Videochat. Vor 
Ort steht kein Apotheker, ähnlich wie bei einem Bankautomaten.

Schon nach gut 48 Stunden aber musste die Automatenapotheke nach einer Entscheidung des Regierungspräsidiums 
Karlsruhe jüngst schließen. Die Abgabe erfolge nicht in einer Apotheke und das Ganze sei nicht Teil der Versandhandelserlaubnis des Unternehmens, hieß es. DocMorris darf wegen des Fremdbesitzverbots keine Apotheken hierzulande betreiben. DocMorris teilte daraufhin mit, dass zumindest der Verkauf mit rezeptfreien Arzneimitteln wieder angelaufen sei. Zudem sei Klage beim Verwaltungsgericht Karlsruhe gegen die Verfügung des Regierungspräsidiums eingereicht worden.

Apotheker sehen sich durch EuGH-Urteil benachteiligt

In Berlin wird über den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Medikamenten heftig diskutiert (in der EU ist er nur noch in sieben Ländern erlaubt). 
 Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will ein Verbot erwirken. Der Europäische Gerichtshof hatte 2016 die deutsche Regelung verworfen, wonach die Preisbindung für 
rezeptpflichtige Medikamente 
auch für ausländische Versandapotheken gelten soll. Viele Apotheker hierzulande sehen sich so benachteiligt.

Der Deutsche Apothekerverband fordert eine Preisbindung für rezeptpflichtige Arzneimittel mithilfe eines Versandverbots. Wenn die Zukunftsaussichten stabil seien, könne man auch wieder mehr jungen Leuten eine Perspektive in Apotheken auf dem Land bieten, meint Vorsitzender Becker. Der Bundesverband Deutscher Versandapotheken hält ein Verbot dagegen für falsch und plädiert für mehr Wettbewerb. Entsprechende Anträge werden morgen im Bundestag debattiert (siehe Kasten).

An ein Verbot mag Rück nicht so recht glauben, auch wenn es aus ihrer Sicht richtig wäre. Im Gegensatz zu Versandhändlern seien Apotheken nämlich dem Gemeinwohl verpflichtet, während „eine Kapitalgesellschaft auf Profit aus ist“. Dabei, sagt Rück, „gehört die Beratung nun einmal dazu. Es gehört dazu, dass ich den Kunden vor mir sehe, auf ihn eingehen kann und nicht selten vom Kauf eines Medikamentes abrate, das in der TV-Werbung als unverzichtbar dargestellt wird.“ Eine Beratung per Hotline könne das nicht ersetzen.

„Wenn wir wissen, was unsere Kunden benötigen, dann stellen wir uns drauf ein und sind übrigens fast immer schneller als die Belieferung übers Internet“, so Rück. Sie beschäftige alleine vier Botenfahrer, um auf die Bedürfnisse ihrer Kunden reagieren zu können. „Rentabel wäre nicht mal einer – aber das gehört einfach dazu.“ Für solchen Service „sollte auch die Preisbindung bleiben“.

von Peter Gassner
 und Anna Ringle

 Anträge im Bundestag

An diesem Mittwoch stehen im Bundestag zwei Anträge der Opposition zum Medikamentenverkauf auf der Tagesordnung.

Die Fraktion „Die Linke“ stellt unter dem Titel „Gute und wohnortnahe Arzneimittelversorgung“ den Antrag, den Versandhandel von rezeptpflichtigen Medikamenten zu verbieten. „Ein wichtiger Baustein bildet die Abgabe der Arzneimittel durch die Apotheken. Im persönlichen Gespräch können Unklarheiten beseitigt, aber auch Unstimmigkeiten bei der Verordnung aufgedeckt werden. Das persönliche Gespräch ist unerlässlich, um auf die individuellen Belange der Patientinnen und Patienten eingehen zu können“, heißt es in dem Antrag.

Die Grünen wiederum wollen die Preisbindung bei Medikamenten aufweichen. Die gesetzlich fixierten Preise seien eigentlich für eine gleichmäßige Versorgung gedacht, tatsächlich nützten sie den großen Apotheken in Bestlagen. Die ländlichen Apotheken hingegen 
würden durch die Preisbindung belastet, so die Grünen.

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hatte im Oktober 2016 die deutsche Regelung verworfen, wonach die Preisbindung für rezeptpflichtige Arzneimittel auch für ausländische Versandapotheken gelten soll. Darüber, wie die Bundesrepublik damit umgehen soll, herrscht auch in der großen Koalition noch Uneinigkeit. Anders als Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will die SPD den Versandhandel nicht verbieten. Nach Ansicht der Sozialdemokraten ist der Versandhandel gerade im ländlichen Raum und für chronisch kranke Menschen sogar von großem Vorteil.

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