Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 15 ° wolkig

Navigation:
Antrag baut neue Befürchtungen auf

Partikeltherapie Antrag baut neue Befürchtungen auf

Die Marburger Landtagsabgeordneten der Oppo­sition sprechen von einer dramatischen Entwicklung. Das Land und Rhön signalisieren jedoch weiterhin Optimismus und erklären, eine Inbetriebnahme des PTZ sei noch möglich.

Voriger Artikel
Partikeltherapie vor dem Aus
Nächster Artikel
Rhön-Ausverkauf betrifft auch UKGM

Partikeltherapiezentrum auf den Lahnbergen in Marburg. Foto: Thorsten Richter (thr)

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Es gibt einen Abbauantrag, aber de facto keinen Abbau, erklärt Dr. Gunther Weiß, Geschäftsführer für Zentrale Dienste am UKGM, gestern Abend auf Anfrage der OP. Eine Stellungnahme zum Abbauantrag könne er nicht geben, verweist aber auf die Position der Rhön-Klinikum AG.

Konzernsprecher Hans-Jürgen Heck erklärte, dass Siemens den Beschluss des Vorstandes umsetzt und daher einen Antrag auf Abbau der Partikeltherapieanlage gestellt habe. Sprich: Der Antrag kam für Rhön nicht unerwartet, zumal Siemens bereits den Mietvertrag gekündigt hatte (die OP berichtete).

Der Vorstand der Rhön AG sei jedoch weiterhin optimistisch, dass die Gespräche mit Zulassungsbehörden, dem Uni-Klinikum Heidelberg und der Siemens AG zur Inbetriebnahme der PTZ-Anlage erfolgreich abgeschlossen werden können.

Ab dem 1. Oktober werde Siemens einen so genannten „Erhaltungsbetrieb“ fortführen, der es jederzeit ermögliche, die PTZ-Anlage innerhalb weniger Tage wieder in den Regelbetrieb zu überführen. Im Prinzip ändere sich in der Anlage derzeit nichts, nur dass weniger Strom verbraucht werde, heißt es.

Die Marburger Grünen-Landtagsabgeordnete Angela Dorn mag diese Version überhaupt nicht glauben: „Man fühlt sich auf den Arm genommen!“, sagte sie gestern Abend der OP. Dorn ergänzte, sie sei „schockiert“ über die Chuzpe von Landesregierung und Siemens-Konzern, gerade einmal drei Tage nach der Landtagswahl mit der Wahrheit herauszurücken, nachdem monatelang so getan worden sei, als gebe es noch ernsthafte Hoffnung für das Partikeltherapiezentrum. „Es ist genau so gekommen, wie wir befürchtet haben“, sagte Dorn. Der gestern bekannt gewordene Abbauantrag sei „dramatisch“ für die Region und die Patienten.

Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag, der Marburger Abgeordnete Dr. Thomas Spies, geht davon aus, dass die Anlage nächste Woche abgebaut wird. Die Vorstellung, dass nun in den nächsten Tagen die Gespräche für eine Inbetriebnahme auf einmal fruchten, sei absurd. Das Letter of intent (Absichtserklärung), das Rhön und Land im Januar geschlossen hatten, sei letztendlich nur eine Attrappe gewesen, um über die Wahl zu kommen, sagt Spies und setzt einen drauf: „Wortbruch, dein Name ist Bouffier“, sagt er über den Ministerpräsidenten Volker Bouffier. Spies geht davon aus, dass die Landesregierung nun „den Gerichtsvollzieher schickt“, sprich: Das Land werde das Geld einklagen. „Dann ist es offensichtlich zu Ende“, so Spies.

Ursprünglich hatte sich der Klinik-Betreiber Rhön-Klinikum AG verpflichtet, die Partikeltherapie bis Ende 2012 einzurichten. Die Frist wurde dann im Januar bis Ende 2013 verlängert. Wegen der Verzögerungen zahlt Rhön eine Vertragsstrafe von vier Millionen Euro. Das Land verzichtete vorerst darauf, Investitionsbeihilfen zurückzu­fordern.

Entwickelt und gebaut wurde die Anlage von Siemens. Das Unternehmen beschloss 2011 aus wirtschaftlichen Gründen den Ausstieg aus dem Projekt und kaufte die Anlage von Rhön zurück, um sie für eigene Forschungen zu nutzen. Bei der Partikeltherapie werden Tumore punktgenau mit Ionen bestrahlt. von Anna Ntemiris und Till Conrad

Kommentar von Anna Ntemiris

Hoffnungen zerschlagen

„Die Partikeltherapie wird den Klinikstandort Marburg auf Jahre hinaus aufwerten“. Diesen Satz sagte Oberbürgermeister Vaupel im Juni 2007, als der Bauausschuss nach kontroverser Debatte die Waldrodungen für den Bau der Partikeltherapieanlage genehmigte. Es wurde höherwertiges Waldgebiet vernichtet und viel Geld für den Bau verschwendet, ohne dass jemals ein Patient diese Anlage betreten hat. Und – noch schlimmer – es wurden die Hoffnungen krebskranker Menschen zerschlagen. Sechs Jahre später müssen die Marburger Politiker und Bürger nun einen Kahlschlag tragischster Art befürchten. Seit 2007 heißt es, in Marburg könnte bald die modernste Krebstherapie stattfinden. Die Marburger haben den Konjunktiv und Versprechungen satt. Rhön und Land erklären weiterhin, der Patientenbetrieb sei noch möglich. Na, dann auf: Was in Heidelberg möglich ist, kann in Marburg doch nicht so schwer sein. Die Landesregierung müsste dann bereit sein, das PTZ in die öffentliche Hand zu nehmen. Eine preisgekrönte Bauruine wäre für den Klinikstandort Marburg peinlich und arm.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Wirtschaft

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr