Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Angeklagter sieht sich als naiver Helfer

Aus dem 
Landgericht Angeklagter sieht sich als naiver Helfer

Teil der Führungsriege oder kleines Licht im System? Welche Rolle ein weiterer Angeklagter innerhalb der Betrügerbande einnahm, war Thema am zweiten Verhandlungstag.

Voriger Artikel
Mitarbeiterinnen im Pflegeheim geehrt
Nächster Artikel
Steinmühle will international werden

Weitere Aussagen zum großen Aktien-Betrug gab es am zweiten Prozesstag.

Quelle: Frank Rumpenhorst / dpa

Marburg. „Ich wollte nichts hören, nichts sehen und nichts mitkriegen“ – so fasste der ­Beschuldigte seine Zeit bei der Bande aus Düsseldorf zusammen. Seinen umstrittenen Werdegang beschrieb der 46-Jährige in einer umfangreichen schriftlichen Einlassung, die er am Freitag vor der großen Wirtschaftsstrafkammer verlas.

Neu in der Geschäftswelt war er zum Tatzeitpunkt nicht, seine erste Firma gründete er laut eigener Aussage mit gerade mal 24 Jahren. Eine offizielle­ Ausbildung hatte er nicht, stellte­ dennoch zahlreiche weitere Unternehmen auf die Beine. Einige­ floppten, andere verlor er ­angeblich durch betrügerisches Handeln von Geschäftspartnern.

Als Grund für seine Beteiligung an den ersten beiden Scheinfirmen des Bandenchefs nannte er unter anderem eine finanzielle Notsituation. Als Heranwachsender lebte er zeitweise auf der Straße, schlief im Hauptbahnhof Düsseldorf, „ich wusch mich in der Bahnhofstoilette“, teilte er mit. Erst ein Job als Telefonverkäufer holte ihn aus der Gosse und führte zu ersten Kontakten in der Geschäftswelt, auf den sprichwörtlich grünen Zweig schaffte es der Unternehmer dabei angeblich nie.

Nur am Rande von Geldwäsche erfahren

Jahre später traf er auf den Bandenchef, der mit lukrativen Investitionen lockte, „meine finanzielle Decke war dünn“, erklärte der Beschuldigte. Er sah in dem charismatischen Unternehmer die Chance, seine eigene Geschäftsidee umzusetzen – plante eine Dentalfirma aufzubauen und an die Börse zu bringen. Zur Finanzierung seiner Idee sollte das lukrative Brokersystem des Chefs dienen, in das er einstieg.

Mit den Betrugsgeschäften der Aktienhändler habe er dabei kaum etwas zu tun gehabt, arbeitete im gemeinsamen Büro nebenher an seinem eigenen Projekt, beteuerte der Mann. Nur am Rande habe er von dem florierenden Vertrieb und zahlreichen Goldankäufen zur Geldwäsche erfahren. Woher die wachsenden Summen an Bargeld stammten, die durch das Büro wanderten, habe er angeblich nicht gewusst.

Von dem seiner Meinung nach zunehmend arroganten Gehabe­ seiner Büronachbarn sei er überrascht und schockiert gewesen: Diese sprachen sich nur mit Aliasnamen an, „plötzlich hieß einer nur noch Max, der Chef nannte sich Wolf – das war fast schon peinlich“.

Teil der Führungsriege sei er nie gewesen, beteuerte der Mann mehrfach, der sich eher als hörigen, naiven Helfer darstellte. „Ich war nie Partner, er duldete keine Götter neben sich“, sagte der Angeklagte­ über den Chef, auch „El Presidente“ genannt. Er selber lebte irgendwann „in Angst“, fühlte sich „außen vor – und irgendwann kippte die Stimmung“, berichtete er von zunehmenden Streitigkeiten und einer persönlichen „Enttäuschung“. Seine emotionale Geschichte, die der Mann händeringend und mit einigem Stocken verlas, klang so gar nicht nach einer Tätigkeit in dem durchorganisierten Firmenkonstrukt der professionellen Betrügerbande.

Übernahme von Goldtransporten

Nach anhaltendem Zwist spaltete er sich Anfang 2015 von dem Bandenchef ab. Er und ­Sekretär „Max“ gründeten eine­ ­eigene Firma. Die Organisation habe auch dabei sein Geschäftsfreund übernommen, er hatte ja „gar keine Ahnung“ von der Materie, war sogar „sehr beeindruckt“ wie professionell der Partner vorging. Erst als er potenzielle Kunden akquirieren sollte und einige Goldtransporte übernahm, fühlte er sich „so richtig drin in der Sache“.

Als die Bande im April 2014 aufflog, versuchte er zu retten was zu retten war, zerstörte das belastende Büromaterial, „wir stellten sämtliche Aktivitäten ein“. So sehr der Beschuldigte bei den Praktiken der anderen Mitglieder ins Detail ging – bei seinen eigenen Aufgabengebieten blieb er undeutlich.

Erst auf Nachfrage gab er zu, der ersten Firma des Bandenchefs den Bekannten als Sekretär vermittelt und eigene Miet­räume als Büro zur Verfügung gestellt zu haben. Er verschaffte den Telefonverkäufern die Kundenlisten, selber am Telefon aktiv sei er dabei nie gewesen, betonte der Mann.

Dass der erfahrene Händler und mehrfache Firmengründer von der dubiosen Geschäftswelt tatsächlich so wenig Ahnung hatte und sich nicht aktiv daran beteiligte, bezweifelte­ Staatsanwalt Oliver Rust. Wie aus den Akten hervorgeht, habe der Bandenchef das frühere Verkaufsgeschick des Angeklagten quasi in den Himmel gelobt. Als „Top-Verkäufer“ wurde er im engsten Kreis bezeichnet, der alleine einen Auftrag über knapp 300.000 Euro an Land zog, der „dickste Fisch“ der ­Fake-Firma, warf Rust dem Mann vor. Der bestreitet vehement an der ­Verkaufsmasche mitgewirkt zu haben.

  • Der Prozess wird am 8. Juni fortgesetzt.

von Ina Tannert

Mehr über diesen Prozess lesen Sie hier.
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Aus dem 
Landgericht
Im Millionenprozess um Aktienbetrug riet der Richter dem ehemaligen Geschäftsmann zu einer geständigen Einlassung. Foto: Thorben Wengert / pixelio.de

Der Prozessmarathon rund um die Düsseldorfer Betrügerbande, die Millionen Euro mit falschen 
Aktien ergaunerte, geht vor dem Marburger 
Landgericht in die 
nächste Runde.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr